Gotteslästerung

Nicht selten werden bei der Debatte rund um das Feiertagsgesetz, das allen Bürgerinnen und Bürgern gewisser Bundesländer in Deutschland das Tanzen und Theaterspielen an Karfreitag verbietet, gläubige Christen gegen Nichtgläubige ausgespielt. Es wird immer wieder so getan, als gäbe es für gläubige Christen überhaupt keinen Grund, gegen die staatlich verordnete Karfreitagsruhe zu sein. Es gibt jedoch für tief gläubige Christen sehr wohl gute Gründe, sich vehement gegen das Feiertagsgesetz auszusprechen.

Karfreitag ist der Tag, an dem die Christen der Welt die endgültige Menschwerdung ihres Gottes feiern: ein Gott, der Mensch wurde, indem er starb und in der Erkenntnis und Erfahrbarkeit seiner eigenen Sterblichkeit sogar für einen kurzen Moment an der Gegenwart Gottes zweifelte:

“Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?”

Diese Worte aus dem 22. Psalm, der als Klage beginnt und als Lobpreis endet, soll Gott laut Markus (Kap. 15, Verse 33 bis 35) als Mensch Jesus am Kreuz geschrien haben. Es bleibt zu vermuten, ob Jesus nur deshalb nicht auch die Lobpreisung schrie, weil er vorher starb oder weil er die letzten Minuten seines Lebens tatsächlich mit Gott haderte, sich also im Zweifel mit sich selbst befand.

Man muss es der christlichen Theologie schon lassen: ihre Vorstellung eines Gottes, der Mensch wird, ist nur allzu konsequent. Da sich Menschen durch ihre Sterblichkeit und ihren Zweifel auszeichnen, wird auch ihr Gott erst in seinem Tod und im Zweifel selbst Mensch. Kein Wunder, dass Karfreitag ein wichtiger und vor allem ein stiller Feiertage im Christentum ist. Zum Nachdenken gibt diese Geschichte wahrlich eine Menge Material.

Der Tag ist sogar so wichtig, dass Christen über Karfreitag die ganze Welt als Gotteshaus verstehen. Findet für gewöhnlich der Gottesdienst im Heiligen Bezirk statt (im Fanum, z.B. Kirche), so findet der Karfeitagsgottesdienst auch vor dem Heiligen Bezirk statt (im Profanum, also überall). Zudem gilt der ganze Tag als Gottesdienst.

Im Profanum befinden sich jedoch nicht nur Christen! Hühner zum Beispiel sind keine Christen. Deshalb gibt es ja auch die bunten Eier zu Ostern: Da in der Fastenzeit vor Ostern keine Eier gegessen werden dürfen, die Hühner aber, weil sie keine Christen sind, dennoch auch in der Fastenzeit Eier legen, hat das Christentum einfach dafür gesorgt, dass die gesammelten Eier nach der Fastenzeit zu Ostern zum massigen Einsatz kommen.

Aber nicht nur Hühner sind keine Christen auch viele Menschen sind keine Christen und das ist auch gut so! Diese Menschen nun zu zwingen, die christlichen Gesetze einzuhalten, ist eine mehr als unchristliche Haltung. Jeder Christ kann damit leben, dass Hühner an Karfreitag gackern, Vögel an Karfreitag singen und Hunde an Karfreitag tollen und Spaß haben. Es müsste für einen solchen Christen auch möglich und vor allem ein Gebot der Nächstenliebe sein, für Menschen eine mindestens eben so milde und gütige Toleranz aufzubringen.

Es kann zum Beispiel vorkommen, das mitten in der Karfreitagszeit und zwar von Donnerstag bis Freitag Abend Juden ihr Purimfest feiern. Purim ist ein jüdischer Freudentag zu Ehren Königin Esther, an dem Lärm, Alkohol, Tanz und Frohsinn göttliches Gebot sind, also genau das Gegenteil von dem, was Christen an diesem Tag machen. Will das Christentum nun ernsthaft mit staatlicher Hilfe allen Juden ihr Purimfest verbieten, nur weil es an Karfreitag stattfindet? In der Zeit des Hauptgottesdienst von 6 bis 11 Uhr morgens untersagt das Land NRW an Karfreitag alle Veranstaltungen außerhalb von Wohnungen, die nicht ernsten Charakters sind. Es kommt jedoch manchmal vor, dass in genau dieser Zeit, jüdische Kinder sich kostümieren und jüdische Erwachsen saufen und tanzen.

Um genau so einen Konflikt zu vermeiden hat der deutsche Staat sich das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche auf die Fahne geschrieben. Und auch im Christentum findet sich dieses Prinzip:

“Gebt dem Kaiser zurück was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist.” (Markus 12,17; Lukas 20,25; Matthäus 22,21)

“Mein Reich ist nicht von dieser Welt.” (Johannes 18,36)

Gerade diese beiden Sätze Jesu machen deutlich, dass die politische Durchsetzung religiöser Überzeugungen nichts anderes als staatlich vorgeschriebene Gotteslästerung ist! Ein Glaube, der es nicht schafft, die Herzen seiner Angehörigen ohne staatlichen Zwang zu erreichen, ein Glaube, der so schwach ist, dass er sich nicht unter Nachbarn mit fremden Sitten und Gebräuchen entfalten kann, ein Glaube, der nur leben kann, wenn er andere Menschen in Fesseln legt, ein solcher Glaube verdient es nicht zu existieren! Ein Gott, der auf Staatsdiener angewiesen ist, um seinem Wort Nachdruck zu verleihen, ist ein armseliger Gott!

Es ist eine geradezu gotteslästerliche Anmaßung zu glauben, Gott brauche menschliche Institutionen und Regierungen, um seine Macht zu bezeugen. Ein Staat, der sich so etwas anmaßt, reduziert den Allmächtigen zu einem Wesen, so schwach, so mickrig und so unbedeutend, dass er der Hilfe eines Staates oder gar der Landesregierung NRW bedarf, um sich zu offenbaren.

Zudem macht es das Feiertagsgesetz jedem Christen unmöglich, sich aus freien Stücken zu Gott zu bekennen. Das Bekenntnis zu Gott muss jedoch aus freien Stücken und von ganzem Herzen kommen! Ein Land, in dem der Mensch gezwungen wird, Gottes Gebote einzuhalten, macht es den Menschen aber unmöglich, sich frei für Gott zu entscheiden. Ein solcher Staat ertränkt das freiheitliche Bekenntnis zu Gott in der Kuhle des Zwanges.

Die Entscheidung, ein Leben im christlichen Sinne zu führen, muss stets eine freie Entscheidung sein, die nicht erzwungen werden darf. Solange aber das Feiertagsgesetz gilt, stellt es den christlichen Glauben in seinem Fundament in Frage. Das Feiertagsgesetz ist somit reine Gotteslästerung und es gibt gute Gründe für einen tief gläubigen Menschen, sich gegen diese staatliche Überheblichkeit und Arroganz zu stellen. Ein Christ will an Karfreitag nicht tanzen, weil er Gott damit dienen will und nicht, weil er damit dem Staat damit will!

Ein gläubiger Christ kniet nur vor Gott, nicht aber vor dem Staat!

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13 Antworten zu Gotteslästerung

  1. Ralf Josephy schreibt:

    Das mit dem Knien erscheint mir zutiefst katholisch. Ist das denn immer noch Brauchtum?

  2. K. Voss schreibt:

    Das hat Marx bereits alles um einiges besser formuliert. Wird heute auch gerne auf T Shirts gedruckt und stolz auf der Brust von denen getragen, die heute beim Ostermarsch dort “Grass hat Recht” verkündeten.
    Vom Anspruch auch nicht so weit weg davon….

  3. buefwd schreibt:

    “Es bleibt zu vermuten, ob Jesus nur deshalb nicht auch die Lobpreisung schrie, weil er vorher starb oder weil er die letzten Minuten seines Lebens tatsächlich mit Gott haderte, sich also im Zweifel mit sich selbst befand.”
    Der Grund diesen Satz aus Psalm 22 schrie, war wohl der, dass Jesus in diesem Moment stellvertretend die Strafe für die Sünde aller Menschen ertrug. Und die Strafe für Sünde ist die Trennung von Gott … und zwar vollkommen. Für Ihn, der immer in der Gegenwart seines Vaters gelebt hat, muss das sehr schmerzhaft gewesen sein.

  4. quisa schreibt:

    In Anbetracht der Tatsache, dass christliche Institutionen homosexuelle MitarbeiterInnen und geschiedene Frauen wegen ihrer Lebensweise entlassen, und bei Stellenausschreibungen Menschen anderer Glaubensrichtungen von vorn herein ausschließen (bei katholischen Einrichtungen gehören dazu Protestanten), ist es vor allem an der Zeit, dass sich diese christlichen Institutionen der staatlichen Rechtssprechung beugen und endlich mit dieser klar gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstoßenden Apartheid (dieses Wort ist ja gerade in Mode) brechen.

  5. isa schreibt:

    Zum erstenmal seit über 50 Jahren durften Kubas Katholiken in diesem Jahr den Karfreitag
    begehen. Wie wohl, fragt euch mal. Ob sie vor Freude getanzt haben?

    • Aristobulus schreibt:

      Das hoff ich doch. Danke für Deinen Hinweis, Isa… gut zu wissen, dass selbst in Cuba wohl so ganz bisschen mal etwas Andeutung von Vernunft einzieht.

      Antireligiöse Gesetzgebung ist etwas Schreckliches, weil sie versucht, alle Welt zu gängeln und zu bevormunden.
      Religiöse Gesetzgebung ist ebenso schrecklich, weil sie dem Einzelnen keine Wahl lässt und alles erstickt.

      Noch beim Kruzifix-Streit in Bayern vor ein paar Jahren waren die Meisten unfähig, zwischen einem Verbot und einer Anheimstellung von Freiwilligkeit zu unterscheiden: Es musste nun kein Kruzifix mehr aufgehängt werden, denn der religiöse Zwang wurde aus dem staatlichen Gesetz gestrichen. Aber reflexhaft wurde von einem vermeintlichen Verbot>/em> dieser Kruzifixe in Schulzimmern geredet…
      Unheimlich, wenn Manche nur die Kategorie
      Gebot & Verbot, aber nicht die Kategorie Empfehlung & individuelle Freiwilligkeit kennen wollen.

  6. Silberberg schreibt:

    Interessanter Kommentar, dessen grundsätzliche Intention ich voll unterstützen kann.
    Die erste genannte Bibelstelle interpretieren Sie allerdings falsch: “Gebt dem Kaiser zurück was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist.” (Markus 12,17; Lukas 20,25; Matthäus 22,21);
    Die Stelle bezieht sich darauf, dass Jesus eine bestehende weltliche Macht anerkennt und seine Anhänger zur Ruhe aufruft. Im historischen Kontext könnte es auch eine Warnung vor einer gewalttätigen Revolution gegen das römische Imperium sein, wie sie zum Beispiel die Zeloten unterstützten. Mit religiöser Gesetzgebung hat das aber nichts zu tun. Das zweite Zitat ist deutlich zutreffender.

  7. Paul schreibt:

    “Kein Wunder, dass Karfreitag ein wichtiger und vor allem ein stiller Feiertage im Christentum ist.”

    Das stimmt so nicht.
    Wie mir gesagt wurde ist es für die Protestanten ein sehr hoher, der höchste (?), Feiertag.

    Für die Katholiken ist es überhaupt kein Feiertag. Nicht einmal ein Tag der Arbeitsruhe. Deshalb ist es häufig der Tag des Großreinemachens vor Ostern gewesen. In gemischten Dorgemeinden sind die katholischen Bauern deshalb auch provozierend auf die Äcker gefahren. Die Protestanten haben sich dann zu Frobleichnam revanchiert.

    Übrigens ist der Karfreitag bei den Katholiken der einzige Tag im Jahr, an dem keine hl.Messe gefeiert wird. Es findet nur ein Wortgottesdienst mit einem ausführlichen Fürbittenanteil und der Kreuzverehrung mit Kommunionausteilung, aber ohne Wandlung, statt.

    Offiziell ist es der “Tag der Grabesruhe”. Deshalb düprfen keine “öffentlichen Lustbarkeiten” stattfinden.

  8. . schreibt:

    Günter Grass : Du hast nicht gesagt
    http://www.box.com/s/27b5b91595cfea5fff05
    …………………………………………………..
    Myriam Monsonego : Der Tod der Blume
    http://www.box.com/s/eb129fe54f357c14b6d2
    ……………………………………………………
    Katajun Amirpur und Navid Kermani :
    Die fanatischen Mohammedaner und Antiiraner
    http://www.box.com/s/5p47gk5xonfdhc7cirut

  9. taliBann schreibt:

    karfreitag oder welche tag egal, wer tanzen kommt hölle aluha akbar wir helfen

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