“Du trägst einen abgeschnittenen Kopf in deinen Händen, aber ich sehe darin nur eine faule Uhr, die pendelt. So bin ich. Das seh ich. Ich bin halt ein Dichter. Ich kann nur dichten, dichten gegen alles, gegen die ganze Existenz. Ich bin ein Wolf, aber ich habe keine Angst mehr vor dem Jäger. Du trauerst einsam und betrunken und ich, ich zweifle an allem, auch an dir. Du bist so weit, so weit von mir entfernt, und doch bin ich voller Sehnsucht, dich zu riechen. Ich bin die Ader, die verstopft. Dein Zorn ist mir nur ein Schrei im Wind. Hör dir das an: “Dein Zorn ist mir nur ein Schrei im Wind.” Ich bin wirklich ein Ketzer. Ja, ich bin ein ketzernder Dichter, dein ketzernder Dichter ohne Angst. Ich bin aber auch das bittere Ende, das mir droht. In meinem Buch stand süßer Traum, vom Gott des Spermas auf dem Bett, vom Gott des Zorns, der Rache, vom Mordurteil. Ich bin der Kaktus, der ums Dichten weint. Bleib bei mir, Gott, wenn ich dir Lieder singe. Ich bin dein Dichter in der Wüste, wenn man in Worten aufrecht stirbt. Sag laut, dass dieser Vers mit Blut geschrieben wurde, sag laut, dass Fatwaschreiber irre sind, Wahnsinnige, Barbaren, sag laut, dass wir nicht leise sind, dass wir beim Sterben aufrecht stehn! Du Gott des Spermas auf dem Bett, du Gott des Buchs aus süßem Traum, oh Gott des Zorns, der Rache und des Mordurteils, ich bin der Wolf, der dichtend weint. Sag laut, dass ich der Kaktus bleibe! Bleibe bei mir, dass ich Lieder singe. Ich bin dein Dichter in der Wüste, wenn man in Worten aufrecht stirbt.”
Dieser Monolog ist die dramatische Fassung einer Übersetzung eines Gedichtes von Shahin Najafi, das von dem Schriftsteller Robert Cohn in die deutsche Sprache übertragen wurde. Als Theaterautor habe ich mir erlaubt, auch eine Monologfassung zu diesem Gedicht zu erstellen. Shahin Najafi hat sein Gedicht als Reaktion auf das Mordurteil verfasst, das über ihn verhängt wurde, weil er ein Gebet der Freiheit, der Gleichberechtigung, der Lust und der Geilheit an den 10. Imam verfasst hat. Seitdem muss Shahin Najafi versteckt leben! In meinem Land, in meiner Stadt, in meiner Nachbarschaft wird ein Künstler von gewalttätigen Häschern verfolgt und mit dem Tode bedroht, weil er es gewagt hat, ein Künstler zu sein. Das geschah hier das letzte Mal in der Zeit der Nationalsozialisten. Damals gab es mich noch nicht. Heute schon!
Deshalb habe ich auch sofort eine Aktion unter dem Motto “Gesicht zeigen” ins Leben gerufen, der sich mittlerweile so viele Menschen angeschlossen haben, dass Shahin Najafi, würde er sich bei jedem fünf Tage verstecken, über ein Jahr bräuchte, bis er alle kennengelernt hätte. Ich hoffe sehr, es werden noch mehr!
Vor ein paar Tagen habe ich sogar erfahren, dass ein Vortrag von Vera Lengsfeld auf dem Deutschen Anwaltstag in München dazu geführt hat, dass der Chef der Arbeitsgruppe Internationaler Rechtsverkehr, Dr. Lübbert und der Chef des Menschenrechtssauschusses spontan eine Resolution verfasst haben, in der die deutschen Behörden aufgefordert werden, im Fall Najafi tätig zu werden und die Medien, über sein Schicksal mehr zu berichten.
Ich danke allen Menschen, die sich an dieser Aktion beteiligen. Tausend Dank!
Aber nein doch
So weit mir bekannt, lobby-ed Martin Mosebach (Büchner-Preisträger?) auch für die alte Messe mitsamt “Fürbitte”. Spricht so einer, der es schriftlich hat, daß er nie blasphemen können/wollen/müssen würde? oder ist der Typ schlicht irre? (Letzteres war mein Eindruck von ihm als der Hype um seinen Preis war.)
Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 19.06.2012
Gutes Timing: Während der Rapper Shahin Najafi nach islamistischen Morddrohungen derzeit untertauchen muss, bringt die FR ein Lob des Blasphemieverbots. Denn für Martin Mosebach kann es nicht angehen, dass entsprechende Provokationen gänzlich ohne Reibeflächen als Triumph gefeiert würden: “In diesem Zusammenhang will ich nicht verhehlen, dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen. Ich begrüße es, wenn es in unserer Welt wieder Menschen wie Jean Jacques Rousseau gibt, für die Gott anwesend ist. Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird.” Aha. Und Kunstzensur fordert Mosebach eigener Ansicht nach im übrigen auch nicht, ein echter Künstler würde sich schließlich von nichts abhalten lassen: “Die daraus entstehenden Unkosten wird er generös begleichen, auch wenn sie seine Existenz gefährden.”
http://www.perlentaucher.de/feuilletons/2012-06-19.html#a34620
PS: und da ich gerade bei Religion bin –
hier ist ein ENJOY! Vortrag, den ich gestern rundum genossen habe, ganz besonders den Seitenhieb gegen den IMHO dümmlichen Atheismus A.C. Grayling’s, der offenbar schwer wer ist. Auch der Guardian, Dawkins kriegen’s ab und von “confessional theologians” (so nennt er die unseren) hält er gar nix, hält es aber für bewiesen, daß es Gott gibt, kurz eine Lecture gast so bunt wie das richtige Leben.
Besonders gefreut hat es mich zu erfahren, daß in Oxford Bewerber für den Lehrstuhl nicht nach ihrer Religion gefragt werden dürfen, so daß im Prinzip bei entsprechender Qualifikation auch Richard Dawkins ihn bekommen könnte.
Besonders schön ist auch die Q&A, während der unvorfabriziert laut gedacht wird und ich all meine Vorbehalte gegen akademisch Ausgebildete mal wieder freudig über Bord geworfen habe.
http://www.ochs.org.uk/lectures/comparative-theology-global-perspective
Comparative Theology in Global Perspective
Professor Keith Ward
Monday 10 May – 2:00pm – 3:30pm
OCHS Library
Professor Keith Ward has developed comparative theology and religion in many of his publications over the years. He is particularly interested in comparative theology, the dialogue between religions and the interplay between science and faith.
…dass grad Mosebach sich auch noch zu äußern bemüßigt fühlen muss, oh profund und so geboren stilistisch immer, darauf hat die Welt gewartet. Soll er doch Seidenschlipse tragen (er sagt freilich Krawatten, weil ihm wichtig), soll auf die Bürgerliche für Frankfurter Bürger über Frankfurter Bürger schreiben und mal den Rand halten, wenn’s um Dinge geht, die ihm zu hoch sind.
Immerhin, ein Gutes hat’s, wenn er so anfängt, “..will ich nicht verhehlen, dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn…”, da bleibt er Stilist, dann kann man schon aufhören zu lesen und hat nix verpasst.
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, ich weiß, Ihr seid befreundet. Aber soll Mosebach doch seine Kirche im Dorfe lassen, wenn es um’s Eintreten für etwas jenseits des dreiteiligen Anzugs und des Konditionals II. geht. Er wirkt weiser, wenn er sich da mal nicht äußert. Sag ihm das mal [wenn Du Dich traust], denn politische Posen stehen ihm wie ‘ne beige Popelinejagge. Alsdann!, salve, R.)))
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(((Lieber Malte, pardon, wenn Du hier mitliest!, und pardon für meine Äußerung
P.S.
“Jean-Jacques Rousseau”, ce type rouge et sot. Der hat auch noch gefehlt. Das war doch der, der gesagt hat, das erste Verbrechen in der Welt sei geschehen, als der erste Mensch einen Zaun um ein Stück Land gezogen habe. Ojojoj, welch Sünde, die lieben Tiere zu hindern, die Saat zu zerstören. Rousseau, der seine Kinder loswurde, der aber ein pathetisches Moralzeigefingerbuch über ideale Erziehung schrieb und sich damit feiern ließ. Zurück-zur-Natur-Rousseau, dem nichts zu platt war, um die Zivilisation zu verteufeln. Der Simpel im Gewand des Moralisten. Wie, für den ist G”tt anwesend gewesen? Wozu?
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…im Grund unterstützt Mosebach damit den Moraufruf. Nein nicht im Grund – de facto tut er’s, er redet für die.
Einer äußert sich blashemisch?! *Blick nach oben* Isser ja selbst Schuld, wenn man ihn umbringt. Wie, Salman Rushdie hat es gewagt zu schreiben, das manchen Mullahs missfällt, missfallen könnte, missfallen würde? *Hände falten* Selber Schuld, dass die Blasphemie ihn so gefährdet, dass er sich seit Jahrzehnten verstecken muss.
Wie, es gibt noch Juden, die stolz drauf sind? *die Verstockten!* Tja, werden sie halt gedeckelt oder gleich ausgelöscht, das fördert das soziale Klima.
Dieses ähm soziale Klima, das er da meint oder will als Sonnenanbeter in eigener Sache: Wieso erinnert mich das so an Ernst Jüngers Posenhaftigkeiten im Glanze Apolls und der deutschen Meta-Scholle auf den Marmorklippen?