Für mich ist das Musical die höchste Form der Theaterkunst. Zugegeben, das Musical ist kompositorisch nicht so komplex wie die Oper, choreographisch nicht so ausgefeilt wie das Ballett und darstellerisch oft nicht auf der Höhe des Schauspiels, aber das Musical wagt die Melange der Musik, des Tanzes und des Schauspiels. Im Musical vereinen sich die Vorzüge der Oper, des Balletts und des Schauspiels zu einem gemeinsamen Theatererlebnis.
Das Musical trifft mein Herz wie keine andere Theaterform. Meine Frau habe ich kennen und lieben gelernt, weil ich mit ihr am 4. Juli 2000 am Kennedy-Ufer in Köln die größten Musicalhits gesungen habe.
Da ich heute besonders gut drauf bin, präsentiere ich meine Liste der schönsten Musicalmomente, eine Liste der Lieder, bei der ich garantiert immer weinen muss:
1. “Nachruf” aus Linie 1
2. “Feed the birds” aus Mary Poppins
3. “One Day More” aus Les Miserables
4. “La Vie Bohemme” aus Rent
5. “As if wie never said goodbye” aus Sunset Boulevard
6. “Bless us all” aus The Muppets Christmas Carol
7. “There’a a Fine Line” aus Avenue Q
8. “The Floor Show” aus Rocky Horror Show
9. “Life is a Cabaret” aus Cabaret
10. “Skid Row” aus Little Shop of Horrors
Hair und My fair Lady sind die besten Musicals mit den meisten Hits.
Genau so einen Post habe ich jetzt gebraucht. Danke!
Frau?
Hm?
Ich dachte immer, der Herr Buurmann verfolgt ein anderes Lebenskonzept.
Nu, seins verfolgt er halt
, das ureigene
Jetzt weiss ich immer noch nicht, was es mit der Frau auf sich hat…
Viel!
Nein, Gerd. Da bin ich überhaupt nicht deiner Meinung. Mag sein, dass es sich bei mir um Berufs-Verbissenheit handelt, vielleicht auch nicht. Aber das Verhältnis von heutigem(!) Musical zu der Oper ist dasselbe wie von einer anspruchsvoller “Leica” zu einem “Polaroid”. Natürlich kann man mit dem Polaroid viel Spass haben. Aber gute Fotos sind nur mit guter Kamera möglich. La Boheme von Puccini ist ein Feuerwerk. “Rent” (keine Ahnung wie der “Komponist” heißt) ist dagegen ein jämmerliches Seifenbläschen.
Bernstein, Loewe, Bart, Bock – das sind die letzen wirklichen Komponisten, die wunderbare Musicals schuffen. Lloyd Weber & Co. sind leider musikalisch armselige, aber geschäftstüchtige Kerle.
Meiner Meinungs nach ist Film DIE Kunstform, die Musik und Schauspiel auf hohem Niveau zusammenzuführen vermag. Leider gehört da der Gesang sehr selten dazu. Und die Musik spielt allzuoft nur untermalende Rolle. Aber gute untermalende Musik ist mir tausendfach lieber, als das sich in den Vordergrund drängende musikalische Pfusch.
Jonathan Larson
http://de.m.wikipedia.org/wiki/Jonathan_Larson
Larson starb in der Nacht vor der Uraufführung von Rent.
Rent ist für mich ein künstlerisches Juwel und ich tausche es jederzeit gegen La Bohème.
…musikalisch zerflattert alles, oder muss man es zur Gänze angehört haben? Alles so munter in Dur und so bunt – bleibt da was?, lässt sich das aushalten, anderthalb Stunden?
Immerhin kommt eine jidische Mamme drin vor (las ich grad). Kein Klischee, die?
Und Bohémiens in NYC, und AIDS und so, um die’s geht. Alles so nett da. Klischee?
Das erinnert mich an den fantastischen Film “Team America”. Da wird ein Musicaldarsteller als Geheimagent rekrutiert, der vorher in einem Musical namens “AIDS” darüber gesungen hat, dass alle AIDS haben. Wer den Film nicht gesehen hat: Anguckbefehl!
Yep!, is’ bestellt, einfach mal, weil Du’s sagst
Film schon geguckt?
Er kam heut Morgen durch den Briefschlitz. Werde ihn heut Abend ansehen (sofern ich hier & woanderscht nicht wieder postenpostenposten muss
)
Georges Bizet starb kurz nach der Uraufführung von Carmen, wahrscheinlich zum Teil an Verzweiflung darüber, dass seine Oper von dem spiessigen Pariser Publikum nicht angenommen wurde und total durchgefallen ist. Müssen wir jetzt aufs Tränenpedal drücken, um den Wert eines Werkes zu bestätigen? Oder habe ich das falsch verstanden?
Müssen wir nicht, ich finde es nur spannend. Und mit dem spießigen Publikum hatte Rent auch so seine Probleme.
Das glaube ich sofort. Du kannst mich ruhig auch zum Spiesser erklären – ich finde aber am progressiven Konservatismus nichts verderbliches. Die heutige Popmusik und die heutige “Ernste Musik” haben aber beide ein gewaltiges Problem. Jede für sich eins. Die “Ernste” ist total vergeistigt, nagt am Stein des Sinnlosen und schwer depressiv. Man hat ihr den Gott weggenommen, den sie sonst immer besungen hat. Die Popmusik ist dagegen völlig verdummt, verkitscht und ist zur Sinnlosigkeit selbst geworden. Sie ist die misgeratene Tochter der Klassik und des Jazz – ein verstörtes Teenager, das das Können seiner beiden Eltern nicht hat und künstlerisch nur noch sich selbst befriedigt.
David,
“künstlerisch nur noch sich selbst befriedigt” war etwa das Argument der Gegner Bizets.
Übrigens fiel seine Oper durch, weil die Sänger furchtbar schlecht gewesen sind – und das Pariser Publikum war und ist nunmal verwöhnt
James Brown, ein genialer Kopf, hat künstlerisch auch nur noch sich selbst befriedigt. Nicht? Oder Jeff Buckley…
Aristobulus, ich weiß nicht, was das Argument der Gegner von Bizet war. Wenn du etwas genaueres auf der Hand hast, wäre ich für genaues Zitat sehr dankbar. Ich kritisiere an “Rent” um Gottes Willen nicht die Gesellschaftkritik oder angebliche “Anstössigkeit” – das sind für mich meistens Tugenden eines Kunstwerkes. Was mich in solcher Art Musicals missfällt und was ich bereit bin aufs Böseste und Schärfste zu kritisieren, ist das musikalische Unvermögen ihrer Schöpfer.
Meines Wissens nach, war Carmen deswegen vom Publikum nicht verstanden, weil es eine der ersten Verismo-Opern war, die sich nicht mehr mit irgendwelchen Königen und Adeligen oder Sagengestalten auseinandersetzte, sondern mit dem Leben der einfachen Menschen, der Soldaten, der Zigarrenfabrik-Arbeiterinnen. der Huren, der Verbrecher, Kontrabandisten, usw. Kurzum mit der damals so genannten “Boheme”. Das empörte das hochnäsige und elitäre Publikümchen von Paris. Den wirklichen Anfang von Verismo machte übrigens Giuseppe Verdi mit seiner “Traviata”, die ja bekanntlich das Leben einer Courtisane und “gefallener Frau” darstellt. Das fand das Publikum auch nicht koscher – und verpfiff und buhte Traviata aus.
Und, Aristobulus, was James Brown berifft – so war er, glaube ich gerade an dem Übergang vom Jazz zum Pop zuhause. Genau diese Schnittstelle, in der aus Jazz und Soul Funk wurde. Ein unbestritten Großartiger und keinesfalls Selbstbefriediger. Jeff Buckley kenne ich nicht.
David,
ich werde mal nachsuchen, was die Kritiker gegen Bizets Carmen schrieben (neulich was gefunden, aber wo wieder?), und sie waren wie das Publikum etwa an Frumental-Halévis “La Juive” gewöhnt – die noch nicht unter Verismo zählt, die aber unter normalen oder einfachen Menschen spielt, sogar unter Deklassierten!, ein veritabler Publikumsrenner über Jahrzehnte grad in Paris.
Lag’s an Bizets Musik? Die spielt explizit im Volk.
Und Jeff Buckley kennst Du nicht?? Der war einer der Größten, er ertrank im Mississippi mit ca. 30. Genies sind dünn gesät, sehr dünn, aber er war eins.
Sei Dir dies herzlichst empfohlen: http://www.amazon.de/Grace-Buckley-Jeff/dp/B0002VJT4U/ref=sr_1_1?s=music&ie=UTF8&qid=1343063628&sr=1-1
Ari, du kannst es mir gerne per Mail senden: serebrjanik@mail.de Was “Die Jüdin” von Halevi betrifft, so sind da sehr wohl Adelige und im weitesten Sinne Politiker in der Handlung massgebend. In der Carmen findest du keinen einzigen Fürsten, keinen König und keine Prinzen. Nur die boheme eben. Danke im Voraus für alle Infos!
Ich sehe das ähnlich. Das Musical ist ein fauler Kompromiss aus Theater, Operette und Zirkus. Da kann man sich gleich ein Pop-Konzert ansehen. Ich habe nichts gegen Pop-Konzerte, die liefern wenigstens noch einen “Star”, dessen Platten man vielleicht schon kennt und man das einfach mal live erleben will. Das erzeugt eine Emotionalität, die ein Musicaldarsteller nicht rüber bringen kann. Ein Theaterschauspieler allerdings.
Das einzige Musical, das mir je einigermassen gefallen hat ist “Cats”. Aber nur, weil fast jeder der Songs das Zeug zu einem (Pop) Hit hat. Die Darbietung ist nebensächlich. Bei anderen Musicals ist es andersherum: Da ist die Musik nebensächlich. Wie gesagt: Es ist immer ein Kompromiss. Und der ist eigentlich immer faul.
meine Lieblings-Musicals sind:
1: Die Entführung aus dem Serail
2: Die Zauberflöte
So sehr ich die West-Side-Story mag und besonders Officer Krupke (welcher Unhold hat die Filmversion auf YT gelöscht?). Das Niveau erreicht auch sie nicht.
Oh, und Don Giovanni!, da geht’s zur Sache, es wird gefochten und gelüstelt und gestorben und gefeiert auf Teufel komm raus
Und Le Nozze di Figaro!, wunderbarste Duette, die gar nicht mehr aufhören, große und kleine Rollen (die kleinen sind auch groß), am besten ist die Einspielung von Ferenc Fricsay, über die geht garnix.
Da sind sie nicht allesamt gleich bunt, angesagt und sexy wie in Rent… und die Musik greift da hinab, wo’s wehtut.
Fricsay’s kenne ich nicht, ich bin José van Dam in Neville Marriner’s verfallen
Wenn der Se Vuol Ballare singt, dann ist da Demütigungs-Schmerz und Lust auf Blut gleichzeitig im Hintergrund (YT Audio ist zu schlecht dafür). Ich weiß nicht, was ein Kammerdiener nutzen würde, doch die Heugabel ist eindeutig da (und es ist die gleiche SubalternenWut, die in meinen letzten Berufsjahren mehr und mehr hervortrat). Agnes Baltsa’s Voi che Sapete ist unglaublich sexy und warum mir Lucia Popp, die ich eigentlich anbete, da nicht auch herausragt, ist mir unerklärlich. Vielleicht hat Mozart/da Ponte ihr einfach nix Gescheites zu singen gegeben.
Ich habe gelernt, daß ne Oper nur ne Oper ist, wenn immerzu gesungen wird. Und da die Entführung aus dem Serail in meinem Büchlein Singspiel heißt und Bassa Selim nur spricht, ist sie legitimerweise ein Musical. Bei der Zauberflöte habe ich mich geirrt, ich denke immer, daß da auch gesprochen wird, wird es aber nicht? Ich mag die Oper auch gar nicht besonders, ist mir viel zu verrätselt, und wenn da nicht zuerst ne gut erzählte Geschichte ist, habe ich Schwierigkeiten mit dem mich Drin-Verlieren
(Gestern Agatha Christie “The Secret Adversary” inhaliert. Es eröffnet mit einem Gespräch zwischen Tommy und Tuppence, das ist derartig zum Niederknien gut und dennoch wird die Frau immer nur für ihre Plots gelobt.)
Silke,
Opern mit Sprechrollen gemischt hat wohl Benda so um 1760 erfunden (wenn das Ganze ohnehin nicht aus der Commedia dell’arte stammt und also in Neapel schon immer gang & gebe war, auch der große Pergolesi macht das in seiner Serva Padrona), auch das altfranzösische Ludus Danielis (um 1400, glaube ich) ist sowas, da spricht ein Vagant vom Bühnenrand, derweil die Anderen tanzen, springen, prassen und leiden.
In der Zauberflöte wird geredet!, etwa, wenn Papagena als Alte verkleidet den Papageno überrascht.
Im Grund ist jedes Rezitativ eine Sprechrolle. Nicht? Dass die Worte syllabisch im Singsang vorgetragen werden, ist uralt. Schon der Homer schreibt, “singe mir, Muse, vom weitgefahrenen Odysseus…”, der Text wurde gesungen.
Ebenso in Synagogen wird alles gesungen, manche Nussachim (ein Nussach ist die Gesamtheit aller Melodien für Schabbojs, Jonteff und besondere Gelegenheiten innerhalb regionaler Traditionen) gehen fast auf die Zeit des salomonischen Tempels zurück. Benedetto Marcello hat so einen sefardischen Nussach aus Venedig 1711 seiner neuen Vertonung gegenübergestellt, Psalmen Davids:
Psaumes de David
Leider rasend teuer. Kann ich Dir brennen, wenn Du magst
Aristobulus
danke nein
Du überschätzest meine Kultiviertheit – und jetzt hast Du mir auch noch eine Gewissheit genommen, mit der ich mich immer durchlavieren zu können glaubte, wenn es galt, ne Oper von ner Operette zu unterscheiden
…janz eenfach: Operette hört sich nach dem letzten geträllerten Mist für die Musikhasser unter den Musiktheatergängern an, aber Oper halt nicht (die ist nur für die Selbsthasser, die sich gern Sitzschwielen holen).
Nope, Benedetto Marcello ist nicht die Bachmann unter den Agatha Christies… der ist wie Albinoni!, Du würdest ihn mögen.
apropos Albinoni – ich habe ihn nur 2 oder 3x mit nicht wirklich totalem Ohr gehört, dennoch neulich im Auto-Radio gefiel mir was Barockenes (meistens geht’s mir auf den Geist) und was war’s? Albinoni.
Und was Musik anlangt, DA bin ich treu, nicht promiskuös – ich kann das Zeugs nicht einfach konsumieren, tue es auch je älter ich werde desto seltener, weil ich da oft Gefühle höre, um die ich gern einen Bogen mache. Bei Sprache ist das anders, da bin ich weniger ausgeliefert.
Apropos Quentin Skinner – ich habe auch 2 deutsche Lieblinge in der Zunft, einer ist Karl Schlögel – Russland – und der andere ist Hans-Ulrich Wehler, wobei letzterem nachgesagt wird, er schreibe dröge (seit er sich aber so für Sarrazin in die Bütt schmiss, ist meine Liebe abgekühlt. Da hätte ich ihm mehr zugetraut. Naja, nobody is halt perfect). Bei Schlögel weiß ich’s nicht, wie er schreibt. Übrigens auch Skinner schreibt im Vergleich zu seinem Vortrags- und/oder Interviewstil eher schwer. Während er hinreißend über Macchiavelli REDEN kann, ist sein kleines Buch über selbigen Arbeit.
http://philosophybites.com/2008/07/quentin-skinner.html
Betonung hilft nem Menschen wie mir halt ne Menge.
Liebe Silke, weise Silke!, Du weißt nicht nur viel mehr als fast alle, Du weißt auch, was guttut und was nicht (is’ die Essenz) – wohingegen es grad Mode ist, alles zu wissen & abzukanzeln, was man nicht versteht.
Da mag ich mich selber gar nicht ausnehmen.
Freejazz ist mir ein Gräuel, nein ein Aliud. Wohingegen viele empfindsame Leute darin alles Mögliche hören. Oder John Cage – beliebig, was er macht? Kann nicht sein, der war eine Kapazität, so wie Rolf Liebermann eine ist, den ich auch nicht verstehe. Schad.
Thomas Bernhard hat eine Betonung, er schreibt als ob er redet, er redet und schreibt unaufhörlich und schwätzt daher, dass es eine reine Feude ist, wird laut, wieder leise, und er setzt nichtmal einen Absatz hin (er konnte kaum luftholen, hatte eine kranke Lunge, das schrieb er sich auf die Art raus). Ingeborg Bachmann verstehe ich nicht, selbst nicht, wenn sie vorliest – da wird es nur so deutlich, wie sehr es ihr am Herzen lag. Vielleicht komme ich mal irgendwann dahinter, über Elfriede Jellinek, die schreibt ähnlich kompromisslos, aber sie ist unglaublich lustig, das hilft beim Verständnis.
In Thomas Bernhardn kann man sich reinfallen lassen wie in Musik – vielleicht sollte man ihn mal als Gesang vortragen, begleitet mit Schlagbass wie von Django Reinhardt, und manchmal quietscht ein Saxophon freejazzig unerträglich dazwischen. Es gibt Musiker, die das können. Als Hadayatullah Hübsch (er schrieb kompromisslose Punk-Gedichte aus Frankfurt, die sitzen wie der Nagel auf dem Kopf) gestorben war, haben wir in einer Kneipe zwei Stunden lang seine Gedichte vorgelesen, dazu improvisierten drei Musiker – die wussten vorher/em>, was gleich gesagt werden wird, ohne die Gedichte zu kennen.
Leute, die Musik kosumieren oder so nebenbei laufen haben, verstehe ich nicht – Radiopop wird dafür gemacht, nicht? Erstaunlicherweise wurden etwa Mozarts Opern genauso konsumiert. In den Theatern unterhielt man sich, lief umher, trank miteinander, baggerte. Im achtzehnten Jh. hat man selbst eine Opera Seria (die mit den langen getragenen Barock-dacapo-Arien ohne Spannung) nur gemeinsam mit noch weiteren aufgeführt (der große Rameau etwa ließ seinen endlosen Zoroastre oder Dardanus vor der Pause mit noch ‘ner heiteren Kurzoper unterbrechen, und vor Schluss kam noch eine, der Anacréon…), und das Publikum saß nicht fünf Stunden gebannt wie bei Wagnern hundert Jahre später, sondern rockte und konsumierte.
Wenn jemand in zweihundert Jahren dieses “Rent” hören wird, wie wird das empfunden werden? Als Kunst? Werden sie zuhören?
Schon jetzt höre ich bei Earth, Wind and Fire oder bei Gap oder bei Bettie Davis (alles Funk-Soul, Letztere brachial gutversaut) aufmerksam zu…
ach Aristobulus
was mir fehlt, immer fehlt ist das Fundament
ich habe Kunst, die ich ja zu 90 % (?) nicht im Live-Event konsumiert habe, mal so definiert, daß es Tele-kommunikation im Wortsinn ist, für Zeit und Ort.
Mozart z.B. spricht, wenn der Interpret es für mich richtig macht, direkt mit mir, als Kind zu Kind – so als wäre er selbst leibhaftig da. Albinoni hingegen tut mir einfach gut, wie das richtige Getränk zur richtigen Zeit.
Bernhard habe ich vor langer Zeit mal probiert und gefunden, er ist nicht für mich. “Kaputt” kann ich schließlich, wenn ich nicht streng mit mir bin, ohne zusätzliche Hilfe gut genug
Interessant sind für mich die Widerständigen unter den Kaputten.
Cage ist doch der mit diesem 1000 oder mehr Jahre dauernden Konzert in irgendeiner Kirche (im Radio gab’s was Kurzes dazu zu hören). In den Raum würde ich gern mal gehen. Vielleicht ist es Kokolores, aber meine Phantasie beflügelt es und es macht mich neugierig. Vielleicht hat mich das dazu angefixt, es gab es während der documenta in 2002 in Ausschnitten beim Hessischen Rundfunk.
http://universes-in-universe.de/car/documenta/11/frid/e-kawara.htm
Das bißchen, was ich von Bachmann’s Lyrik mitgekriegt habe, kommt nicht bei mir an, auch nicht wenn sie liest. In ner Kurzgeschichte, von der ich sonst nix mehr weiß, sagt sie von Vorstadthäusern, sie seien zahm und engherzig unter Hypotheken ausgekrochen. Stimmt, aber das ist eben nur ein Teil vons Janze.
PS: Da Ihr es so mit Carmen habt, ist Euch schon mal aufgefallen, daß es eigentlich ganz und gar unverstehbar ist, daß Carmen mit all ihren Beziehungen, die sie hat, nicht dafür sorgt, daß der mörderische José aus dem Verkehr gezogen wird? Bevor jemand diese Frage für feministisch inspiriert hält, ist sie nicht, denn
in einem Buch mit Kurzgeschichten von diesem Prosper Merimée ist mir aufgefallen, daß der Gute einen starken Hang zu Geschichten hat, in denen etwas aufmüpfigeren Leuten Schlimmes widerfährt, daß sie sich selbst zuzuschreiben haben wie Carmen eben, die ihren Tod verdient hat, weil’s ihr Spaß gemacht hatte, den Neindusel José ein bißchen auf Touren zu bringen.
Ich bin Carmen übrigens zuerst im Kino begegnet als “Musical”???
Liebe Silke,
das Fundament wird immer völlig überschätzt. Als ich vor Ewigkeiten studiert hab, saß in italienischer Literatur da eine Professorin, die strikt nach geschichtlicher Einordnung vorging. Wehe, einem fiel mal was auf, das nicht ihrer Einordnung entsprach. Wenige waren anders – am besten machten es diejenigen, die erst später quer dazu gekommen waren. Einer, ein Spätest-Achtundsechziger, hat mir beigebracht, dass man einfach nicht hinnehmen darf, was einer geschrieben hat. Aus. Er sagte bei einem Dia von der wiederaufgebauten Fassade der Bibliothek von Ephesos bloß, “aber warum sie es gemacht haben, sagen sie nicht”. Dabei mochte er die Säulen usf., aber er hat nichts hingenommen, wie Andere es hingenommen haben wollten.
Thomas Bernhard ist kaputt, schon, aber er ist witzig und verstört und macht sich nie was vor (nie, nie), und er gibt nicht auf, ist der Widerständigsten einer (musste mit 58 sterben, viel zu früh). Kennst Du “Gehen”? Totkomisch und elektrisierend. Ich glaube, es ist in “Gehen”, als er umkommt vor Sorge wegen eines Freundes, der verrückt wird “und nach Steinhof hinaufkommt, weil er fortwährend nach Steinhof hinaufkommt”. Er selbst war auch dauernd in Steinhof, nein fortwährend, auf der anderen Seite, wegen seiner Lunge. Wenn sie es schafften, trafen sie sich durch ein Loch im Zaun, in Sträflingskleidung, saßen unter einem Baum und kamen um vor Sorge wegen eins Anderen, der im Rustenschacherschen Hosenladen verrückt geworden war (“tschechoslowakische Ausschussware!, tschechoslowakische Ausschussware!”), er findet kein Ende und kommt immer wieder auf den Punkt. Wer sonst kann das schon?
Kaputtheit stellte für Bernhardn keinen Wert dar, die interessierte ihn nicht, ihn interessierte nur, noch etwas zu leben (“wenn er nicht fortwährend in den Türkenschanzpark, sondern in den Stadtpark gegangen wäre, fortwährend!, hätte der Schlossersche Hund ihn nicht gebissen, und wäre er anstatt in den Türkenschanzpark doch in den Stadtpark gegangen, hätte ihn ein anderer Hund fortwährend” usf., steht in “Die Billigesser”, steht aber viel viel besser drin, ich kann es unmöglich wiedergeben).
Über Prosper Merimée (Textbuch der Carmen) hat Victor Hugo gesagt, diese Landschaft ist flach wie der Merimée. Der war ein Funktionär der Kaiserin Eugénie, die so gern moralisierte und sanktifizierte. Schade, dass Bizet, der mehr drauf hatte, die Rolle der Carmen nicht verändert hat (Musical??, schon!).
Ziganerromantik ist eh was Schlimmes, eine Ausgeburt schiefer Fantasie. Einer, der Ziganische so romantisiert, verjagt dann die echten aus seiner Nachbarschaft.
Aber immerhin hat Merimée (grad entdeckt) ein Bild von einer Katze gezeichnet, das ist gut!, könnte von Daumier sein, und sie ist irgendwie wie Deine Katze:
http://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:Chat_faisant_le_dos_rond,_dessin_de_M%C3%A9rim%C3%A9e.png
Hörempfehlung zur Nacht für alle sich nicht ausreichend gepreist fühlenden Männer – Edith Hall, Classicist feiert die Schönheit des Mannes – wäre so was auch auf Deutsch möglich? Wenn ja, wo ist es? Geschichtsunterricht ist natürlich auch mit drin.
http://www.bbc.co.uk/iplayer/episode/b01bzr2x/The_Essay_An_Informal_History_of_the_Male_Nude_Edith_Hall/
Aristobulus
Mérimée’s Katze stimmt nicht ganz
In Preminger’s Film sind’s keine Ziganen sondern Schwarze
Ich habe auch Peter Brook’s (?) Carmen im Fernsehen gesehen und seitdem stelle ich mir die Frage, warum sie, als Maitresse en titre mit Verbindungen zur Halbwelt sich die Verfolgungen von José gefallen läßt. Es ist die interessanteste Frage in dem Stück, die die sich heute noch unzählige Frauen stellen sollten. Warum lassen sie es sich gefallen? Warum ist Aufruhr machen, nach wie vor so “unweiblich”? Warum holen sie sich keine Hilfe? Würde ein Junge nicht seine Freunde, seine Clique mobilisieren?
oops
danke, daß Du mich bestärkt hast, daß ich von Bernhard Geschriebenes nicht mag – hätte ich und wäre ich sind in dieser Form jedenfalls nicht mein Fall.
Ich denke nicht in Kategorien von Gut – ich bemerke es, wenn einer gut ist, was kann, aber es ist nicht das, was mich an die Angel kriegt. An die Angel gekriegt werde ich, wenn es zu mir spricht.
ach und was das Fundament anlangt – bei allem Papageientalent, das ich habe, glaube ich doch, daß das Grammatik-Grundgerüst aus dem hochgradig demotivierenden Schulunterricht sehr hilfreich war.
Es schadet wohl auch nix, wenn man ein grobes Zeitenraster eingepflanzt kriegt à la 333 gab’s bei Issus Keilerei. Sozusagen wie ein Fachwerk, doch dann beim Gestalten dazwischen, würde ich so was wie Lavalampen als Grundidee bevorzugen (sozusagen ein mehrdimensionales Yin und Yang in der Definition von Robert van Gulik