Fuck le waldsterben!

In Deutschland wird ja gerne mal ein Auge zugedrückt, aber wenn es um den deutschen Wald geht, drehen vielen Deutsche auf. In Deutschland gilt, wer einen Baum fällt, der tötet einen ganzen Wald. Das Waldsterben in eine urdeutsche Angst. In Frankreich gilt die Angst vor dem Waldsterben sogar als so deutsch, dass sich die Franzosen gar nicht erst die Mühe gemacht haben, ein französisches Wort dafür zu kreieren. Waldsterben auf Französisch heißt: le waldsterben. Eine Chronik der Waldsterbenpanik, für die es schon seit Jahrzehnten eine Entwarnung gibt, die allerdings in Deutschland kaum gehört wurde, findet sich hier.

Als in Stuttgart im Zuge von Stuttgart 21 ein paar Bäume gefällt werden sollten, da eskalierte prompt eine Demonstration. Als dann auch noch vermutet wurde, dass der Juchtenkäfer bedroht sei, kam es direkt zu einem Baustopp. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Obwohl das souveräne Volk sich in einer demokratischen Wahl mit klarer Mehrheit für den neuen Bahnhof ausgesprochen hatte, wurde der Wille des Volkes ignoriert und ein Baustopp verordnet. In Deutschland steht der Juchtenkäfer eben über der Demokratie. Naturrecht geht über Vernunftrecht.

Nun kann man, wie ich, sagen, dass ein Käfer, dessen Existenz von einem Bahnhof in Stuttgart abhängig ist, ganz andere Probleme hat und vielleicht aus gutem Grund ausstirbt, aber wer sich mit dem Juchtenkäfer anlegt, der kriegt Probleme. Sogar ich habe einst bei einen Aufritt den Zorn des Juchtenkäfers zu spüren bekommen. Ich habe mich natürlich sofort entschuldigt.

Waldsterben und Juchtenkäfer: Das ist Deutschland!

Sollte man meinen, aber die Realität sieht anders aus. Ganz tief drinnen nämlich ist den Deutschen, die sich in Stuttgart an Bäume gekettet haben, der deutsche Wald egal. Bäume werden nur dann gerettet, wenn es in die Ideologie passt, denn nichts lieben diese Deutsche in Wahrheit mehr als ihre Überzeugung und ihr beinah zerstörerisch gutes Gewissen. Diese Deutsche leben nach dem Prinzip: “Ich möchte morgen noch in den Spiegel schauen können!” Im Zweifel ist es ihnen egal, wie es draußen aus dem Fenster aussieht – und geht da auch die Welt unter. Ich möchte lieber aus dem Fenster sehen können als in den Spiegel, aber jeder Jeck ist anders.

Schweifen wir nun unserer Blick von Stuttgart nach Frankfurt. In Stuttgart ging es um einen Bahnhof. In Frankfurt geht es um eine Bank. Bei beiden Ereignissen gingen Bäume drauf. Aber nur in einem Fall kam es zu wutbürgerischen Rettungsversuchen. Das Zeltlager der Occupy Bewegung vor der Europäischen Zentralbank zieht zwar seit Wochen Ratten und Ungeziefer an, aber kaum ein Umweltschützer schlägt Alarm. Überall häuft sich der Müll, aber nirgendwo ist ein grüner Politiker zu sehen, der die ordnungsgemäße Mülltrennung anmahnt. Im Gegenteil: Die Anzahl der Grünen-Sympathisanten dürfte bei diesen Umweltverschmutzern sogar besonders hoch sein. Kein Juchtenkäfer kann in dieser von Menschen erschaffenen Situation überleben, aber die Tierschützer, die noch in Stuttgart gebrüllt haben wie die Affen schweigen. Die Stadt hat jetzt sogar einen Baum ausheben müssen, weil zu viele Menschen an seinem Stamm kleine und große Geschäfte verrichtet haben. So schnell kann es also gehen: Gestern haben sie sich noch an Bäume gekettet, aber heute pissen sie die Bäume um. Wenn es um das gute Gewissen und die Ideologie geht, heißt es für diese Typen eben:

Fuck le waldsterben!

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33 Antworten zu Fuck le waldsterben!

  1. Hessenhenker schreibt:

    Fuck le Waldsterben?
    Na ja, vielleicht in ein Astloch.
    Und drinnen lauert der Juchtenkäfer und beißt in die Eichel.

  2. anti3anti schreibt:

    Der Wald wird instrumentalisiert. Die Deutschen lieben den Wald.

    Juden werden instrumentalisiert. Die Deutschen hassen Juden.

    Was kann der Wald dafür, dass er geliebt, statt gehasst wird? Darf man deshalb Bäume ohne Not fällen?

    Fuck whom?

  3. jonasm schreibt:

    Auch bei den S21-Protesten in Stuttgart verwandelten die Wutbürger Teile des Schlossgartens in eine Müllhalde.

  4. besucher schreibt:

    Hmmmm…die Schuhwurfnummer in dem youtubevideo kommt wirklich gut rüber ;-)

  5. Thomas Eppinger schreibt:

    Ist wahrscheinlich eine dumme Frage, aber war die Publikumsreaktion auf die Juchtenkäfergeiselnahme echt oder inszeniert?

    • tapferimnirgendwo schreibt:

      Ja. Mein Publikum ist durchweg schauspielerisch begabt. Natürlich inszeniert. Aber psssssst ;-)

      • Aristobulus schreibt:

        :D

        Man muss glauben, dann wird alles echt, sei’s Juchtenkäfer, Waldsterben, Tannhäuser, der Nahostkonflikt, oder bloß Deutschland.

        • Silke schreibt:

          re le Waldsterben

          ein Klavierbauer/stimmer hat mir erzählt, daß es die besondere Art von ganz langsam gewachsen habenden Höhenkiefern, die in älteren Flügeln verbaut wurden, heute nicht mehr gibt.

          In “meinem” Vogelsbergdorf gab es noch eine ganze Reihe von Grundstücken, die Anspruch auf Buchenholz für den Winter hatten. Der Mindestdurchmesser für die Stämme, die der Waldbesitzer (Fürst?) zu liefern hatte, wurde mehrfach runtergesetzt.

          Beides kann vermutlich ne Menge Gründe haben, doch dann sollen die Lächerlichmacher von le waldsterben diese erklären, BEVOR sie uns Wald-Nach-Trauerer-innen auslachen.

          • Malte S. Sembten schreibt:

            @ Silke: Gerd hat das (echte? angebliche?) Waldsterben nicht begrüßt, er ist aber der Meinung, dass es (zum Glück) gar nicht stattfindet und er hat dazu auch einen Link gesetzt. Außerdem mag er Menschen nicht, denen Bäume und Käfer völlig egal sind, außer sie lassen sich politisch instrumentalisieren, und die ohne mit der Wimper zu zucken selbst Natur zerstören, und zwar auf primitivste, brutalste, gedankenloseste Weise bei ihren “Protest”-Happenings.

          • Aristobulus schreibt:

            Silke,
            holzt die Forstwirtschaft (oder Waldpolizei mit Bäumeordnung o.Ä.) nicht so in der Gegend herum, dass weder Unterholz noch alte, vielleicht hohle Bäume ‘ne Chance kriegen?
            Letztes Jahr bin ich mal fünf Kilometer durch einen veritablen Urwald gegangen, nein gestiegen, da kommt keiner hin, weil er zwischen der Elbe und dem steilen Geesthang liegt. Es stehen noch Bäume aus der Zeit von Louis Quarorze (und wenn ich Bäume sag, meine ich BÄUME, und manche sehen wie Louis Quatorze aus!, ich meine so, wie er wohl jetzt aussieht). Weiter oben, wo der Wald von Wegen durchzogen & erschlossen ist, stammen die allerältesten Bäume höchstens aus Kaisers Spätzeiten – mehr weiß ich freilich nicht. Denke aber, es ist mit den hiesigen Wäldern wie mit der Bejagung. Caspar David Friedrichbäume so wie Wölfe, Bären oder Luchse haben keine Chance, die sind zu unordentlich…

      • Thomas Eppinger schreibt:

        So hatte ich mir das gedacht. Ist gut gemacht! Man erkennt die Stimmung in diesem Land unter anderem daran, dass man es überhaupt für möglich hält, dass es nicht inszeniert gewesen sein könnte. Allerdings finde ich den gänzlich unironischen Verweis im Text dann nicht ganz in Ordnung.

  6. aron2201sperber schreibt:

    Im Englischen wird “the Schadenfreude” als Fremdwort benutzt.

    “Die Schadenfreude ist die reinste Freude” sagt auch ein deutsches Sprichwort.

    Dass der Judenstaat den Judenmörderstaat als Weltbösewicht abgelöst hat, ist für viele Deutsche und Österreicher ein Grund zu reinster Schadenfreude.

  7. emil weber schreibt:

    selten so einen schrott gelesen… inkl. kommentare

  8. Rainer David W. Früh schreibt:

    Auch sollte man sich mal anschauen (zum Beispiel im Hunsrück), mit welcher Begeisterung Bäume in großer Masse (bei einer Startbahnerweiterung würden die gleichen Leute, wie schon geschehen, von einem “Holocaust an den Bäumen” sprechen) umhauen, wenn das gute, immergrüne Gewissen durch die Errichtung massenhafter Windrädchen noch mehr verschlimmbessert wird und die Landschaft verhunzt wird. So wird aus dem Hunsrück eben der Verhunzrück !

  9. Rainer David W. Früh schreibt:

    …..umgehauen werden, wenn……

  10. kikri schreibt:

    Hat Greenpeace eine Juchtenkäfer-Zuchtstation?

  11. Malte S. Sembten schreibt:

    Sehr treffend!

    Diese Deutschen leben nach dem Prinzip: “Ich möchte morgen noch in den Spiegel schauen können!” Im Zweifel ist es ihnen egal, wie es draußen aus dem Fenster aussieht.

    Das hat das Zeug zu einem klassischen Zitat! :)

  12. Malte S. Sembten schreibt:

    Man muss aber auch sagen, dass Frankreich, England, Spanien und andere Seefahrernationen deshalb ein anderes Verhältnis zum Wald haben, weil sie im Gegensatz zu Deutschland kaum noch alten, gewachsenen Wald besitzen. Denn ihre eigenen Wälder haben sie Jahrhunderte lang für den Bau ihrer Flotten abgeholzt.

    • tapferimnirgendwo schreibt:

      Gibt es in Deutschland noch Urwald?

      • Clarimonde schreibt:

        Urwald und alte gewachsene Wälder sind schon ein Unterschied, aber das kann ein “macht-den-Wald-platt-und-baut-nen-Parkplatz-drauf”-Vertreter kaum wissen.
        In einigen Naturschutzgebieten wird der Wald nicht mehr bewirtschaftet und er darf wild wachsen. Finde ich gut.

        • tapferimnirgendwo schreibt:

          ein “macht-den-Wald-platt-und-baut-nen-Parkplatz-drauf”-Vertreter?

        • Malte S. Sembten schreibt:

          Ein “macht-den-Wald-platt-und-baut-nen-Parkplatz-drauf”-Vertreter …

          Die mag es geben, irgendwo. Aber hier kann ich weit und breit keinen von ihnen entdecken. Oder sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht?

          Auch glaube ich nicht, dass Gerd mit “Urwald” einen tropischen Dschungel meint.

      • Malte S. Sembten schreibt:

        Die deutschen Landesfürsten haben nicht nur ihre eigenen Untertanen als Soldaten, sondern auch eigenen Wald für den Schiffsbau an fremde Nationen verkauft. Aber der Verlust an Waldfläche war hierzulande nicht so groß wie bei den seefahrenden Nationen selbst. Deutschland hat heute einen höheren Waldflächenanteil am Staatsgebiet als diese Nationen. Und auch wenn sehr viel davon durch Aufforstung entstandener Nadelwald ist, so haben wir doch auch noch “Urwald” aufzuweisen, den es natürlich zu erhalten gilt.

      • besucher schreibt:

        Spreewald!

    • Silke schreibt:

      lt. Mark Kurlansky’s Salt hat den Wäldern die Salzherstellung am übelsten mitgespielt, denn kein Krieg ohne Salz, denn im Vorkonservenalter, mußte der Kabeljau eingesalzen werden, damit man was zu beißen hatte, wenn man ins Feld zog.

  13. Danny Wilde schreibt:

    Zum Thema Juchtenkäfer vs. Bahnhof und Baum-Ump*ssen und -Umk*cken in Ffm: In Frankfurt geht’s doch um den Kampf gegen das Böse schlechthin, aka “Finanzkapital”, aka “Bankster” – da ist so’n kleiner Scheißbaum ‘n Dreck dagegen.

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