Diese junge Frau traf ich heute in Köln. Viele junge Menschen sind heute in ganz Köln mit diesen Plakaten unterwegs. Sie verteilen Flugblätter. Nicht selten geschieht es, dass ein etwas älterer Bürger des Wuts einen dieser jungen Menschen anspricht. Mal sind es Worte des Lobs, “Hast Recht!” oder “Die Merkel macht auch nichts für Euch” oder “Erst Griechenland, dann wir” oder “Der Kapitalismus zerstört alles!”, mal sind es Worte der Verachtung, “Scheiß Punker!” oder “Wascht Euch doch mal” oder “Such Dir eine Arbeit” oder “Für Faulenzer wie Dich zahle ich auch noch Steuern!”
Was ist los in Köln? Occupy Köln? Eine neue politische Jugendbewegung? 99%?
Nein! Es ist Games Com in Köln, eine internationale Messe der Computerunterhaltungsindustrie und diese jungen Menschen sind im Auftrag des Computerspiels “Resident Evil 6″ unterwegs, um Werbung zu machen. Auf dem Flugblatt steht:
“WHAT DO WE DO WHEN ALL IS LOST? Das Böse, es ist nahe. Hilf mit, die Apokalypse abzuwenden – erfahre mehr in der Halle 07 B-050!”
Es ist also nur ein Spiel, das hier feilgeboten wird, aber ist nicht so vieles, das in den großen Worten mancher Kapitalismuskritiker daherkommt, im Grunde auch nur ein Spiel? So ehrenhaft manche politischen Absichten auch sein mögen, aber für nicht wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer gegen Stuttgart 21, die Castortransporte oder die G8-Gipfel waren die Demos und Camps im Grunde nichts anderes als LARPs (Life Action Role Plays).
Das ganze Leben ist ein Spiel: Über Tag Schule oder Arbeit, danach mit dem Computer spielen und am Wochenende zum LARP! Für immer mehr Menschen fällt die Kategorie Arbeit oder Schule leider weg, was dazu führt, dass auch das Computerspielen an Finanzierungsengpässen kriselt. In solchen Fällen bleibt nur noch der LARP und da gibt es nur ganz wenige, die kostenlos sind. Die bekanntesten Kostenlosen fanden jüngst in Stuttgart, Heiligendamm und Gorleben statt.
Wer glaubt, ich übertreibe, soll einfach noch mal schnell nach Köln kommen und sehen, wie viele diese Werbekasper als politische Demonstration ernst nehmen und Gesprächsangebote starten. Dabei ist es nur Werbung für ein Computerspiel und ich möchte der Occupy Bewegung nun nicht zu nahe treten, aber ich bin mir sicher: die Games Com vertritt weitaus mehr Interessen der Jugendlichen als Occupy.
Ich warte also auf angemessene Berichterstattung!


“..die Games Com vertritt weitaus mehr Interessen der Jugendlichen als Occupy. ” Das mag stimmen, jedenfalls in Deutschland. Noch. Bis die Krise auch Deutschland erreicht. Vielleicht gibt es noch eine andere Lesart: Vielleicht interessiert es sie nicht, weil sie ohnehin, dank verkehrter Alterspyramide, keinen Einfluss haben. Es ist leicht, über die “ungewaschenen” deutschen Occupyer zu lachen, wenn sie hierzulande, anders als in den USA z.B. niemand hinter sie stellt, der voll etabliert ist.
Ach wo, Occupy-shmoccupy, denn was steht auf den Sandwich-Spielern in Köln drauf: “No hope left”, auf deutsch, links ist keine Hoffnung.
So isses, die haben ganz Recht.
Am Scheußlichsten find ich bei “Hilf mit, die Apokalypse abzuwenden” das Fehlende Um. Hilf mit, um die Apokalypse abzuwenden, muss es heißen, wenn man sich mit sowas Fernabbem wie der Apokalypse oder gar mit Mithelfen beschäftigt. Passt zu dieser merkwürdigen postmodernen Spaßkultur ohne Sinn, die selbst mitten in herbeigewüschten Apokalypsen eine allzu anstrengende Grammatik meidet