Ins Meer!

Gestern habe ich mir einen Film angeschaut, in dem es unter anderem um einen jüdischen mit viel Gold behangenen Bösewicht geht, dessen jüdische Identität im Dialog besonders betont wird. Nichts gegen jüdische Bösewichte, aber dieser hier zeichnet sich durch typische judenfeindliche Stereotypen aus. Er besitzt nicht nur eine krasse Unfähigkeit, sich in die Gesellschaft zu integrieren, in einer Szene wird sogar seine Bedrohung für ein christliches Kind ausgiebigst inszeniert. Am Ende des Films wird dieser Jude schließlich ins Meer getrieben. Ins Meer!

“Mensch Gerd, sag mal, was hast Du Dir denn da gestern für einen Propagandafilm angesehen? Waren etwa Hamas-Wochen im Cinedom?”

Nein. Der Film, den ich mir gestern angeschaut habe, ist schon etwas älter. Er kommt aus dem Jahr 2011 und wurde von so gut wie allen Feuilletons gefeiert. Bei Rotten Tomatoes erreichte der Film sogar einen Spitzenwert von 93%. In Cannes gab es stehende Ovationen. Das Lexikon des Internationalen Films schreibt: „Traumwandlerisch souverän entwickelter Neo-Noir-Thriller als passionierte Hommage an die Krimiwelle der 1980er-Jahre, der kunstvoll mit den Elementen jongliert, wobei er dezidiert auf eine Ironisierung verzichtet.“

Genau diese zutreffende Beschreibung des dezidierten Fehlens jeglicher Ironie bei dem Film erregt meine Besorgnis. In dem Film werden nämlich sämtliche Stereotypen des fremdartigen und bösen Juden so übertrieben dargestellt, dass man eigentlich von einer bewussten ironischen Übertreibung ausgehen muss. Am Ende inszeniert der Regisseur sogar die von palästinensischen Terrororganisationen vorgeschlagene “Endlösung”: Das Treiben der Juden ins Meer! Ohne Quatsch, der Jude wird nicht nur “ertränkt”, wie es in manchen Inhaltsangaben heißt, er wird tatsächlich ins Meer getrieben! Ganz unironisch, aber dafür sehr wortkarg. Der Regisseur lässt eben Bilder sprechen und diese Bilder sprechen eine eindeutige Sprache.

Der Film spricht die Sprache eines seit Jahrhunderten gepflegten Unbehagens gegenüber Juden. Der Regisseur beherrscht die Sprache sogar so perfekt, dass er in ihr dichten kann. Das Feuilleton und das Publikum hört diesem Gedicht zu und ist verzaubert. Es schluckt das Gift ohne es zu bemerken. So wirkt das Gift im Unterbewusstsein. Das ist die wahre Kunst der Verführung!

Ach, ich habe ja noch gar nicht gesagt, wie der Film heißt. Das werde ich jetzt nachholen. Der Film wurde von dem dänischen Regisseur Nicolos Winding Refn inszeniert, vom iranischen Drehbuchautor Hossini Amini geschrieben, nach einem Roman des amerikanischen Schriftstellers James Sallis und die Hauptrolle des Mannes, der am Ende ins Meer treibt, spielt der Kanadier Ryan Thomas Gosling. Da hat sich wirklich mal ein internationales Team zusammengefunden. Der Film heißt:

“Drive”

Jetzt bleibt die Frage, ob Juden keine Bösewichte spielen dürfen. Natürlich dürfen sie das. Einige Juden sind sogar Bösewichte, wie alle anderen Menschen auch. Nur stellt sich mir die Frage, hätte der Bösewicht auch muslimisch oder christlich oder sonst was sein können und hätte es dann die selben Bilder gegeben?

Ich weiß es nicht. Was bleibt ist jedoch ein unschöner Beigeschmack.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Ins Meer!

  1. Eliyah schreibt:

    Habe den Film gesehen. Der ist einfach mal stinklangweilig. Da fällt das mit dem Juden im Meer kaum mehr ins Gewicht.

  2. tapferimnirgendwo schreibt:

    Ach ja. Stimmt. langweilig ist der Film auch.

    • Eliyah schreibt:

      Und falls sich doch jemand animiert fühlt, diesen Film zu schauen: Ausnahmslos ALLE Actionszenen sind im Trailer. Wer die sehen will: Der Trailer reicht. Die Story ist in zwei Sätzen erzählt und die Charaktere sind flach wie Fladenbrot oder Matze. Einzig die Bilder sind schön. Damit man die in Ruhe ansehen kann, ist die Schnittfolge so schnell ist wie bei einer Überwachungskamera. Aber für Landschaftsaufnahmen gibt es bessere Genres.

  3. Thorsten Krämer schreibt:

    Hm, ist schon ein Jahr her, dass ich den Film gesehen habe, aber ich habe die Charakterisierung von “Nino” anders in Erinnerung. Der Dreh ist doch, dass er zwar als Jude identifiziert wird, aber in allem, bis hin zum Namen, dem Klischee eines italienischen Mafioso entspricht. Er führt ja sogar eine Pizzeria, was zum Beispiel Anlass zu diesem kurzen Dialog gibt:

    Nino: Fuck you eating chink food in my fucking restaurant?
    Bernie Rose: What’s a Jew doing running a pizzeria?

    Anders gesagt: Die Figur zeigt gerade die Absurdität des Antisemitismus. Nicht einmal die Mafia kann einen Juden akzeptieren, obwohl dieser sich in allem genau so wie ein “echter” Mafioso verhält. Der Vorbehalt ihm gegenüber liegt einzig und allein darin begründet, dass er eben ein Jude ist – und daher nie etwas anderes sein kann. Je verzweifelter er sich assimiliert, desto mehr wird er auf dieses Charakteristikum reduziert.

    Man muss das vielleicht auch vor dem Hintergrund der “Sopranos” sehen: Auch dort gibt es ja einen jüdischen Mafioso, aber anders als “Nino” verhält sich dieser wie ein Klischee-Jude: Er handelt stets überlegt und aus Kalkül, anders als die ‘heißblütigen’ Italiener lässt er sich nie zu einer unbedachten Handlung aus Leidenschaft hinreißen, zu ihm geht man, um Rat in einer vertrackten Lage zu holen, weil er eben auch viel intelligenter ist als die meisten anderen Mafiosi, und er kennt sich natürlich bestens mit Geld aus!

    In diesem Kontext ist die Figur des “Nino” also eher eine beachtenswerte Ausnahme aus dem jüdischen Figurenpersonal im Krimi-Genre.

  4. Malte S. Sembten schreibt:

    Eliyah schreibt:
    Habe den Film gesehen. Der ist einfach mal stinklangweilig.

    Das erklärt, warum die deutschen Feuilletons so begeistert waren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s