Das Thema heute bei Günther Jauch lautet: “Achtung, Computer! Macht uns das Internet dumm?” In der Ankündigung heißt es: “Surfen, googeln und klicken statt überlegen, nachschlagen und aufschreiben: Was die einen als Medienkompetenz loben, verteufeln andere als digitalisierte Verdummung.”
Mich erinnert die ganze Diskussion um das Thema Internet an die Diskussion, die vor über vierhundert Jahren geführt wurde, als der Buchdruck erfunden wurde. Was wurde nicht alles gegen den Buchdruck vorgebracht: Der Buchdruck fördere die Vervielfältigung von schundhafter Literatur, mache es leichter, an politisch gefährliche Schriften zu kommen und sorge generell für eine Verwischung von Wichtigem und Unwichtigem. Der Buchdruck mache keinen Unterschied zwischen biblischen und sündhaften Texten und müsse daher mit großer Vorsicht genossen werden. Viele waren sich sicher: “Der Buchdruck macht dumm!”
Ja, der Buchdruck wurde zum großen Teil zur Vervielfältigung pornografieverdächtig Schriften benutzt. Damals galt: “Der Buchdruck ist für Pornografie” und heute gilt: “The internet is for porn!”
Ja, der Buchdruck hat dafür gesorgt, dass Faschisten, Kommunisten und Fundamentalisten ihre Gedanken mit Flugblättern schnell und effektiv unter das Volk bringen konnten.
Ja, der Buchdruck hat den Beruf der Kopisten so überflüssig gemacht, wie heute das Internet die Brockhaus-Enyklopädie.
Aber, der Buchdruck hat auch die Aufklärung möglich gemacht. Niemand war mehr abhängig von den Kopisten, die nicht selten Mönche waren. Die Kirche verlor somit einen großen Herrschaftsanspruch über das Wissen. Der Buchdruck war für die Kirche das, was das Internet heute zum Beispiel für die kommunistische Regime in China oder Nord-Korea ist: eine Gefahr.
Der Buchdruck hat die Welt demokratisiert! Der Widerstand der “Weißen Rose” zum Beispiel war ein Widerstand des Buchdrucks. So wie die Geschwister Scholl damals den Buchdruck nutzten, um das Volk wach zu rütteln, so nutzt der Widerstand von heute, wo immer er sich auch regen mag, das Internet. Nicht ohne Grund ist im Umfeld mit den jüngsten Aufständen in der arabischen Welt immer wieder von einer Facebook-Revolution die Rede.
Ja, das Internet kann abhängig machen, aber alles kann abhängig machen. In der Ankündigung der Gäste des heutigen Abends bei Günther Jauch wird Christoph Hirte mit folgenden Worten vorgestellt: “Vater eines onlinesüchtigen Sohnes”. Abhängigkeiten sind immer problematisch, allerdings gibt es auch Eltern von büchersüchtigen Kindern, sie werden jedoch selten so genannt, sondern eher liebevoll als “Bücherwürmer” bezeichnet. Bücherwürmer hocken vor Büchern wie Internetwürmer vor Mattscheiben. Beide “fliehen” mehr oder weniger in andere Welten. Wer das Internet kritisiert, muss auch das gedruckte Buch kritisieren, denn das Internet ist im Grunde nichts weiter als Buchdruck für alle.
Um zu zeigen, wie sehr die Kritiker des Internets von heute den Kritikern des Buchdrucks von damals ähneln, zitiere ich zum Schluss ein Kapitel aus dem Buch “Das Narrenschiff” von Sebastian Brant aus dem Jahr 1494. Der Buchdruck war in dem Jahr ungefähr so alt wie heute das Internet. Deshalb tausche ich einfach nur ein paar Worte des Gedichts aus und mache aus dem Buchdruck das Internet. Viel Vergnügen.
“Im Narrentanz voran ich gehe,
Da ich viele Websites um mich sehe,
Die ich nicht lese und verstehe.
Dass ich im Schiffe vornan sitz,
Das hat fürwahr besondern Witz;
Nicht ohne Ursache ist das:
Auf’s Internet ich mich verlass,
Das Internet ist ein großer Hort,
Versteh ich selten auch ein Wort,
So halt ich es doch hoch in Ehren:
Will es gern die Fliegen wehren.
Wo man von Künsten reden tut,
Sprech ich: »Daheim hab ich sie gut!«
Denn es genügt schon meinem Sinn,
Wenn ich umringt von Websites bin.
Von der Google-Suche wird erzählt,
Es hat die Seiten der ganzen Welt
Mancher hält das für den größten Schatz,
Doch manches füllt doch nur den Platz.
Ich lese selbst nur wenig drin.
Zerbrechen sollt ich mir den Sinn,
Und mir mit Lernen machen Last?
Wer viel studiert, wird ein Phantast!
Ich gleiche sonst doch einem Herrn,
Kann zahlen einem, der für mich lern’!
Zwar hab ich einen groben Sinn,
Doch wenn ich bei Gelehrten bin,
So kann ich sprechen: »Ita! – So!«
Des deutschen Ordens bin ich froh,
Dieweil ich wenig kann Latein.
Ich weiß, dass vinum heißet »Wein«,
Gucklus ein Gauch,
Und dass ich heiß’: » domine doctor!«
Die Ohren sind verborgen mir,
Sonst sah man bald des Müllers Tier.”

Facebook und co. sind die logische Fortsetzung der durch Printmedien dominierten Massenkommunikation. In diesem Jahrhundert werden sie die Evolution eines globaleren Bewusstseins vorantreiben, da durch sie verbreitete Informationen mit Hilfe des Englischen keine Ländergrenzen mehr kennen. Die Rolle des Internets im arabischen Frühlig deutet dabei nur an, welche enorme Bedeutung es in den Gesellschaften der nächsten Jahrzehnte haben wird. Diese Entwicklung ist unumgänglich und nach und nach wird das Internet immer stärker in die menschliche Zivilsation einsickern. Wie bei jeder neuen Technologie bietet es Chancen, wie ein globaler, für jeden zugänglichen Wissensvorrat, und Risiken, wie etwa ausgewachsene Cyberkriege mit realen Opfern.
Was für ein arabischer Frühling? Sie meinen damit die realitätsfernen Schnellmails vom Tahir-Platz, die von Demokratisierung rumsickerten, wo real keine war und ist?
Ach, man kann auch in Zeiten des Internets an enorme Bedeutungen glauben.
Zum Buchdruck folgendes:
„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert – und mehr als das Blei in der Flinte das im Setzkasten“, erklärte Georg Christoph Lichtenberg Ende des 18. Jahrhunderts.
Das schreibe ich als Schriftsetzer, der noch mit Bleisatz gelernt hat. Heute ist der Beruf des Schriftsetzers auch ausgestorben. Es gibt nur noch Mediengestalter. Und es gibt auch keine Korrektoren und auch keine Metteure mehr. Fragen Sie sich manchmal, warum in sämtlichen Medien so viele Fehler stehen? Ganz einfach, weil es nur noch schnell, schnell, schnell gehen muss. Die Mediengestalter bzw. die Redakteure in den Zeitungen lesen ihre Texte selbst Korrektur. Das führt dazu, dass man “betreibsblind” ist. Nach dem alten Motto “4 Augen sehen mehr als 2″ wäre das anders.
Das ist also unsere neue schöne mediale Welt. Es wird weniger Wert auif Qualität (Rechtschreibung und Grammatik) als auf Quantität gelegt.
So scheint es aber überall zu sein, nicht nur in den Medien.
Gerd,
“Der Buchdruck war für die Kirche das, was das Internet heute zum Beispiel für die kommunistische Regime in China oder Nord-Korea ist: eine Gefahr.”
Komisch, dass dann noch im fünfzehnten Jh. die christliche Bibel gedruckt wurde, mit kirchlichem Imprimatur. Ach als erstes Buch, das die mit Einverständnis gedruckt haben (lassen). Nordkorea? Nö.
I command, on my spaceship I command
Yo
Doom-expecters, Rule-excepters Here we go
You talk about the motherfucking pantheon
While I get myself some bitches with no panties on
You nigger wanna play semen-chess?
I know your spit-adress
Get yourself some pussy-play
or I meet your girl and lead astray
I will be Cruisin’ through her nasty gardens
let her take a look at how it hardens
you no Kant, no second comin*
just a sucker, and I get your downfall runnin’
*’Bout second comin’ : they call me bunny-man
Aristobulus, es wurden nicht nur die Bibel von Mönchen kopiert, sondern auch natur- und geisteswissenschaftliche Texte. Das Privileg der Bildung war damit den Reichsten vorbehalten, über die die Kirche damit einen großen Einfluß (und Reichtum) erlangte.
Ja,der Buchdruck hat auch dafür gesorgt, das die Biebel, das Machtinstrument der Kirche,
das Volk seit Jahrhunderten unterdrückt!
Stimmt. Die Biebel ist am schlimmsten. Schlimmer noch als die Bibel
Bitte das Alte Testament, nicht zu vergessen.
Ich nenne es lieber Tanech.
Bei dem Wendung “Seit Jahrhunderten” und beim “alten Testament” kam mir irgendwie ein ganz komischer Satz in den Sinn. Kann mir jemand helfen, woher der Satz kommt? “Bitte, wieviele Jahrhunderte lang will die Bibel noch unsere eine Welt erpressen”.
Hmm. Da kommt mir ein komisches braunes Pappschild in den Sinn, auf das einer wohl etwas Ähnliches, Gleiches oder noch Gleicheres draufgeschmiert hat. Was Braunes halt, Braun in Braun. Mit ‘Volk’ steht da was geschmiert…
Wird wohl wieder ein Völkischer gewesen sein.
Seufz, diese Schmierer.
tanach, meinten sie.
Torah-Neviim-K(h)etuvim (also Torah, Propheten, Schriften), die hebr. Anfangsbuchstaben bilden ein Akronym mit vokalisiertem A dazwischen wegen der Aussprache, ergibt Ta’Na’Ch.
Das erste A wird oft halb verschluckt, T’enách.
@ Klaus Franke: Nicht ganz. Der Buchdruck hat es Leuten ermöglicht, selbst die Bibel zu lesen, die das vor Luther und Gutenberg nicht gekonnt/gedurft hätten. Zur Unterdrückung der Bevölkerung war der Buchdruck nicht nötig, die hat auch vor Gutenberg schon hervorragend funktioniert.
@gnaddrig
nimm den bloß nicht ernst.
Gnaddrig: Richtig. Vor tausenden von Jahren waren es u.a. die Gott-Könige die die Menschheit unterdrückte.
Gott-Könige ist bekanntlich ein Femininum
Als in Mesopotamien Gott-Könige wie Hammurabi herrschten, drückten sich die fastmenschlichen Vorfahren eines gewissen Franke unterm Gebüsch herum, um Bucheckern zu suchen. Da waren keine.
Heute, welch ein Fortschritt, drücken sich die gewissen quasimenschlichen Frankes dort herum, wo sie was Bieblisches (hui) suchen, und wirklich, da hinten zuckt was.
@ Klaus Franke: Stimmt. Heute lässt man sie meistens nicht mehr. Die bösen Chinesen wollen die arme tibetische Gottkönige nicht mehr gottkönigen lassen.
vor allem die “biebel”, sic.
Und er hat was gegen’s Alte Testament
Aristobulus liebt keine Kritiker, nur sich selbst.
welche kritiker? sie? lol.
Hi M., ich liebe den Reich-Ranicki, den besten Kritiker unter der sinkenden Sonne. Und Dich auch
, ani ohev kol’yehudi.
Den Franke (wer soll’n das wieder sein?) sehe ich nichtmal, es wär zuviel der Ehre.
Es ist wirklich bemerkenswert, in welchem Ausmaß die angeblich objektive Naturwissenschaft von der gesellschaftlichen Atmosphäre abhängt. Reich wurde nicht etwa deshalb abgelehnt, weil sein Ansatz „an sich“ „unwissenschaftlich“ war, sondern weil er dem damaligen Lebensgefühl jenes Teils der Öffentlichkeit diametral entgegengesetzt war, der sich für naturwissenschaftliche Fragen interessierte. Hätte er die Emotionen („Sexualität und Angst“) untersucht, indem er beispielsweise den Hautwiderstand maß, wie man es heute bei Lügendetektoren tut, hätte er keinerlei Opposition erfahren. Er hätte nämlich nur wieder bestätigt, daß der Körper auf äußere Reize reagiert genauso wie ein Kühlschrank, der mehr Kälte erzeugt, wenn es draußen wärmer wird. Reich wurde angefeindet, weil er die Emotion selbst maß, d.h. die „bioelektrische“ Kontraktion und Expansion des Körpers. Damit betrachtete er die Gefühle nicht vom Kopf, sondern, igitt, vom Bauch her.