Katharine Hepburn hat wohl die wahrsten Worte zum Thema Schauspielkunst gesprochen:
“Die Schauspielerei ist ein perfekter Idiotenberuf!”
“Die Schauspielerei ist die bescheidenste Form aller Talente und keine sehr hochklassige Art des Geldverdienens. Alles in Allem, Shirley Temple konnte es mit vier!”
Ich möchte hinzufügen: “Sogar Lassie konnte es!”
An diese Worte musste ich denken, als ich heute im Museum Ludwig einen Kurzfilm von Corinna Schnitt sah. Der Film heißt: “Once upon a time” und zeigt aus der Perspektive einer Kamera, die sich um sich selbst dreht, ein Wohnzimmer mit rotem Teppich, das nach und nach von immer mehr Haus- und Bauernhoftieren betreten wird, bis Katzen, Hunde, Papageien, Gänse, Schweine, Ponys, Kühe, Ziegen, Hühner und manch andere Tiere versammelt sind. Gespannt und entzückt habe ich den einzelnen Darstellern des Films zugeschaut und mit Freuden verfolgt, wie sie das Zimmer zerlegen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein kämpferischer und unerschrockener Kakadu, der eine Katze attackiert und die Fische im Glas, um die ich mir am meisten Sorgen gemacht habe, da zunächst ein Hund ihr Wasser trank und dann auch noch eine Kuh die Wasserpflanzen verspeiste. Der Film war spannend, komisch und überraschend und das Beste: die Darsteller waren durchweg überzeugend. Ich habe menschliche Schauspieler überhaupt nicht vermisst.
Ein anderer Film von Corinna Schnitt heißt “Das schlafende Mädchen” und kommt ebenfalls ganz ohne menschliche Schauspieler aus. Lediglich ein Sprecher ist am Ende des Films zu hören. Der Film beginnt mit einem Modellschiff auf einem Bach. Es ist klar, dass dieses Schiffchen von einem Menschen ferngesteuert wird, aber der Mensch wird nicht gezeigt. In einer einzigen Kamerafahrt geht der Film von dem Schiffchen über ein menschenleeres Dorf mit verwaistem Kinderspielplatz bis hin zu einem Haus, in dem die Terrassentür aufsteht und ein Telefon klingelt. In einer Kamerafahrt, die an die erste Szene aus Hitchcocks “Psycho” erinnert, betreten wir das Haus und bleiben an einem Gemälde an der Wand hängen: Jan Vermeers “Das schlafende Mädchen”. Im Hintergrund geht der Anrufbeantworter an und wir hören einen Mann, der eine Frau bittet, ihm seinen Kugelschreiber zurückzugeben und bei der Gelegenheit noch einmal über mögliche Alters- und sonstigen Versicherungen mit ihm zu reden. Obwohl in dem ganzen Film kein einziger Mensch zu sehen ist, entwickelt die Handlung eine Spannung von Alfred Hitchcock, einen Horror von George A. Romero und einen Humor von Woody Allen. Wir hören Kofferrollen, wir sehen Windräder, wir wissen, da gibt es Menschen, Wesen, aber wir sehen sie nicht!
In keiner Sekunde habe ich in einem der beiden Filme einen Schauspieler vermisst. Katharine Hepburn hat auch mal gesagt:
“Die Schauspielerei ist ein schöner kindischer Beruf – so zu tun als wäre man jemand anders und zur gleichen Zeit sich selbst verkaufen.”
Ich bin so begeistert von diesen Filmen, ich schreibe nun eine öffentliche Bewerbung:
Sehr geehrte Corinna Schnitt,
hiermit biete ich Ihnen meine Schauspielkunst zum Kauf an. Sie haben mir gezeigt, dass ein Film auch ohne die Eitelkeit von Schauspielern hervorragend sein kann. Wenn es eine Regisseurin gibt, bei der ich alle Eitelkeit und Unsicherheit zu überwinden in der Lage sein könnte, dann vermutlich Sie. Ich warte auf Ihren Ruf.
Ihr,
Gerd Buurmann
Solange ich nun warte, möchte ich allen Leserinnen und Lesern die Kunst von Corinna Schnitt wärmstens empfehlen. Beide Filme sind im Museum Ludwig in Köln zu sehen.
Viel Vergnügen.
Klingt spannend. Hier gibts kurze Ausschnitte aus den Videos:
http://catalogue.montevideo.nl/site/artist.php?id=10556
Schnitt!!! Ähem, Cut!!!