Lieber Wilfried Schmickler,

bevor ich zum Punkt komme, möchte ich Ihnen erst einmal ein großes Lob aussprechen. Für mich sind Sie einer der ersten großen Stand Up Comedians, die es jemals in Deutschland gegeben hat. You stand up for your convictions! Sie stehen auf und gerade für Ihre Überzeugung und vergessen dabei nicht den nötigen Humor. In Ihrer Haltung sind Sie ehrlich und authentisch. Sie erinnern mich ein wenig an den amerikanischen Stand Up Comedian Lewis Black. Er ist wie Sie für seinen brüllend komischen Zorn bekannt, ob es nun ums Jagen, das Alte Testament oder Kreationismus geht. Lewis Black war lange Zeit Mitglied bei der Daily Show. Sie ist das amerikanische Original zu der deutschen ZDF Heute Show. Daher gibt es in Deutschland auch eine billige Kopie von Lewis Black. Sie heißt Gernot Hassknecht. Im Gegensatz zu Lewis Black jedoch ist Gernot Hassknecht nur eine Figur. Sie spielt mehr als sie ist. Der Zorn ist nur eine Rolle und die Figur nur das Produkt von Autoren. Lewis Black aber ist echt, ein Original, genau wie Sie! Auch Sie sind im besten Sinne des Stand Ups authentisch, echt, mit Haltung und Überzeugung, eben ein Original!

Aufhören, Buurmann, aufhören! Genug geschleimt. Jetzt komme ich zum eigentlich Grund meines kleinen Briefes.

Vor ein paar Tagen fand in Köln das “Arsch huh”-Jubiläumskonzert statt. Jürgen Becker hat zu diesem Konzert einen brillant komischen Kommentar verfasst. Ich zitiere einmal ein paar Sätze:

„Arsch huh“ ist der Versuch, die Nazis mit der Androhung penetrant kölscher Musik aus der Stadt zu treiben. Das ist richtig gut, dass Köln hier Flagge zeigt. Denn rechtsextremes Gedankengut entsteht ja immer aus übertriebener Liebe zu dem Ort, an dem man geboren ist. Aus unreflektierter, stumpfer Heimatverbundenheit. Wenn man denkt, die eigene Kultur, das eigene Volk und die eigene Lebensweise sei das Beste auf der Welt und für die Welt. Ein Gedanke, der Köln bekanntlich komplett fremd ist. Und das demonstriert man, indem ausschließlich Kölner Bands in Köln vor Kölnern mit einem Kölsch in der Hand auf kölsch singen, wie schön kölsch-multikulturell et in Kölle is. Viva Colonia. Et Hätz vun der Welt, dat schläät in Kölle. Dass dies den Musikern selbst aufgefallen ist, zeigt die hurtige Einladung des Kölner Comedian Fatih Cevikkollu. Böse Zungen behaupten, das Jubiläumskonzert wäre so multikulturell wie ein schlesischer Heimatabend mit Erika Steinbach. Eine absolut kölsche Monokultur. Dabei stimmt das nicht. In Köln haben inzwischen schon 60 % der Kinder Migrationshintergrund, also die absolute Mehrheit hat ausländische Wurzeln. Deshalb ist Arsch huh von dem Vorwurf, eine kölsche Selbstbeweihräucherung zu sein, per se befreit. Denn wenn man ein echt kölsches Konzert wollte, müsste man ja die Imis, die Zugezogenen auf die Bühne holen, denn die haben die Mehrheit und sind ohnehin die einzig wahren Kölner. Die haben sich ja größtenteils bewusst für diese bekloppte Stadt entschieden. Die eingeborenen Stimmungsänger sind ja nur zufällig da entbunden worden, also Zufalls-Kölner, die einfach immer in der Stadt hängen geblieben sind. Halt Menschen, die den Arsch nie hoch bekommen haben. Genau wie ich.”

Auf diesen Kommentar wiederum sollen Sie mit vollkommenen Unverständnis reagiert haben. Sie sollen zu ihrem Freund Jürgen Becker gesagt haben: “Du diskreditierst die Leute, die sich da engagieren. Die zum Arsch Huh Konzert kommen, das sind die Guten. Und die Guten müssen sich manchmal auch selbst feiern!”

Es ist genau dieser Satz, der mich befremdet. Die Guten sollen durch einen witzigen Kommentar diskreditiert werden? Sollen die Guten etwa von Satire, Spott und Hohn ausgenommen werden? Ist Humor eine Waffe, die man nur gegen Feinde anwendet, um sie zu zerstören? Ist das deutsche Kabarett neuerdings ein ganz besonders deutscher Sonderweg in moderner Kriegsführung? Was soll das Ganze?

Es fällt mir manchmal schwer, das Gute und das Böse zu definieren, aber an einer Sache erkenne ich das Böse immer sofort. Das Böse unterscheidet sich vom Guten dadurch, dass es nicht über sich selbst lachen kann! Das Böse kann nur auslachen, niederlachen. Es waren stets die Dikaturen und Unterdrücker, die den Witz verboten haben, denn nichts fürchtet das Böse mehr als den Humor. Kennen Sie diese Szene aus dem Film “Das Leben der Anderen”?

Es ist vollkommen verständlich, wenn sich die Guten mal selbst feiern. Es ist sogar wunderbar! Eins aber muss Ihnen klar sein: Sobald Sie erklären, dass es sich nicht gehört, sich über die Guten lustig zu machen, hören diese Guten auf, die Guten zu sein.

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9 Antworten zu Lieber Wilfried Schmickler,

  1. Özgür Cebe schreibt:

    Schöner Artikel. Ich bin mal mit Dir einer Meinung. Unglaublich :-)
    Liebe Grüße aus Gotha
    Özgür

  2. Marianne Rogler schreibt:

    Öh…aber er hat doch gar nicht gesagt, dass die “Guten” nicht auch Zielscheibe von Satire sein sollen, sondern nur, dass sie sich auch mal selbst feiern dürfen…
    Wer Schmickler kennt (TV- und Bühnenauftritte) würde daran auch gar nicht zweifeln.
    Lieben Gruß an Dich, lieber Gerd!

  3. derblondehans schreibt:

    G.B.: Sobald Sie erklären, dass es sich nicht gehört, sich über die Guten lustig zu machen, hören diese Guten auf, die Guten zu sein.

    … G.B. .. echt … mir begunnen die Augen zu tropfen … als ich diesen Satz hier von Ihnen …

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