26. April 1986

Wo waren Sie, als Sie erfuhren, dass es in Tschernobyl zu einer Katastrophe im Atomkraftwerk gekommen war?

„Gerade in Ungarn im Urlaub. Nach wenige Jahren war ich in Kiew, wegen eines wichtigen Gesprächs. Da sah ich noch Tomaten, die da wuchsen und groß wie Wassermelone waren!“

***

„Ich war in Berlin und nahm an einem damals noch streng verbotenen und mit Stasi-Leuten durchsetzten Treffen zwischen Jugendlichen aus Ost- und Westdeutschland teil, organisiert vom “Blauen Kreuz”.

***

„Ich war gerade mitten im Umzugsstress und konnte deshalb erst so richtig bei den Abendnachrichten wahrnehmen, was geschehen war. Ich saß müde und abgeschlagen zwischen Kartons und halb aufgebauten Möbeln und war fassungslos.“

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„Im Krankenhaus vermutlich. Ich war drei Tage alt.“

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„Zuhause in Riga, Lettland. Am nächsten Tag wurde bericht, es habe einen Brand und eine Explosion (nicht atomare) gegeben. Der Brand sei gelöscht. Also eigentlich nichts bedrohliches. Dann rief mein Onkel an, der seit 1976 in der BRD wohnte. Er war sehr besorgt. Wir hatten nicht verstanden, warum eigentlich. Es sei doch alles unter Kontrolle. Ein einfacher Brand. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai (9. Mai war Feiertag, so hat man erwartet, dass viele Zuhause sind) hat man die Reservisten einberufen. Nicht per Vorladung im Briefkasten, sondern persöhlich. Ein paar Armeeoffiziere und Miliz (Polizei). Die kamen in der Nacht und verteilten die Einberufungsbescheide persöhnlich gegen Unterschrift. Wer am nächsten Tag nicht kam, war Fahnenfluchtig. Ich war ein Jahr zu jung, gleich nach der Uni. Die nahmen die Leute ab dem nächsten Geburtsjahr. Ein paar Jungs wurden später nach Hause gelassen, die waren in der Lehre – und es herrschte gerade Mangel. Ein enger Freund von mir wurde so einberufen und wurde vom Schutzenleutenant (in der Sowjetunion mussten alle Studenten einen Militärberuf neben dem Fach erlernen) zum Brandschutzleutenant. Er hat dann drei Monate die Dörfer in der Gegend gewaschen (also richtig gewaschen mit irgendwelchen Putzmittel aus den Brandschläuchen). Zur Zeit wohnt er in den USA. Ist eben von Massachusetts nach San Diego umgezogen. Er ist kerngesund und hat zwei gesunde Kinder.“

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„Ich weiss nicht mehr, wo ich damals war, immerhin war ich erst knapp drei Jahre alt. Allerdings erinnere ich mich noch genau, als meine kleine Schwester knapp eineinhalb Jahre später geboren wurde, dass ich schrecklich Angst hatte, dass meine Schwester ein “Mutant” werden könnte, da ich die Erwachsenen oft drüber habe sprechen gehört, besonders in Berlin, bei der Familie meines Vaters. Ausserdem hatte ich Fernsehbilder gesehen, von Kindern, die dort danach geboren wurden und zu allem Überfluss fragte mich auch noch ein Kindergartenfreund, ob ich nicht wegen “den Atomen” Angst hätte, meine Schwester könnte ein Mutant werden. Mutanten stellte ich mir übrigens als kleine, grüne, schleimige Wesen mit scharfen Zähnen vor. Jetzt finde ich diese Vorstellung zwar witzig, aber irgendwie ist sie auch ein Spiegel dessen, wie ungreifbar das alles für mich war und wie schrecklich die Bilder trotz allem auf ein Kind gewirkt haben.“

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9 Antworten zu 26. April 1986

  1. Phillip K schreibt:

    Ich war damals noch gar nicht auf der Welt, meine Geburt fand ein paar Wochen später statt.

  2. Mel schreibt:

    Ich weiss nicht mehr, wo ich damals war, immerhin war ich erst knapp drei Jahre alt.
    Allerdings erinnere ich mich noch genau, als meine kleine Schwester knapp eineinhalb Jahre später geboren wurde, dass ich schrecklich Angst hatte, dass meine Schwester ein „Mutant“ werden könnte, da ich die Erwachsenen oft drüber habe sprechen gehört, besonders in Berlin, bei der Familie meines Vaters. Ausserdem hatte ich Fernsehbilder gesehen, von Kindern, die dort danach geboren wurden und zu allem Überfluss fragte mich auch noch ein Kindergartenfreund, ob ich nicht wegen „den Atomen“ Angst hätte, meine Schwester könnte ein Mutant werden.
    Mutanten stellte ich mir übrigens als kleine, grüne, schleimige Wesen mit scharfen Zähnen vor…..
    Jetzt finde ich diese Vorstellung zwar witzig, aber irgendwie ist sie auch ein Spiegel dessen, wie ungreifbar das alles für mich war und wie schrecklich die Bilder trotz allem auf ein Kind gewirkt haben.

  3. Leiba Bronstein schreibt:

    Sorry zu schnell geschrieben, zu viele Fehler.

  4. Leiba Bronstein schreibt:

    Zuhause in Riga, Lettland. Am nächsten Tag wurde bericht, es gab ein Brand und eine Explosion (nicht atomare). Der Brand ist gelöscht. Also eigentlich nichts bedroliches. Dann rief mein Onkel an, der seit 1976 in BRD wohnte. Der war sehr besorgt. Wir hatten nicht verstanden warum eigentlich. Es ist doch alles unter unter Kontrolle. Einfacher Brand. In der Nacht vom 8. auf 9. Mai (9. Mai war Feiertag, so hat man erwartet viele sind Zuhause) hat man die Reservisten einberufen. Nicht per Vorladung im Briefkasten, sondern persöhlich. Ein Paar Armeeofiziere und Miliz (Polizei). Die kamen in der Nacht und verteilen die Einberufungsbescheide persöhnlcih gegen Unterschrift. So wer am nächsten Tag nicht kam war Fahnenfluchtig. Ich war ein Jahr zu jung, gleich nach der Uni. Die nahmen die Leute ab dem nächsten Geburtsjahr. Ein Paar Jungs wurden später nach Hause gelassen, die waren Lehre – und es herrste gerade Mangel. Ein enger Freund von mir wurde so einberufen und wurde von Shutzenleutenant (in Sovjetunion mussten alle Studenten eine Militärberuf neben den Fach erlernen) zum Brandschutzleutenant. Der hat dann 3 Monate die Dörfer in der Gegend gewaschen (also richtig gewaschen mit irgendwelchen Putzmittel aus den Branschllauchen) . Zur Zeit er wohnt in USA. Ist eben von Massachusetts nach San Diego umgezogen. Er ist kerngesund und hat zwei gesunde Kinder.

  5. RB schreibt:

    Im Krankenhaus vermutlich. Ich war drei Tage alt.

  6. Lebensumbau schreibt:

    Ich war gerade mitten im Umzugsstress und konnte deshalb erst so richtig bei den Abendnachrichten wahrnehmen was geschehen war. Ich saß müde und abgeschlagen zwischen Kartons und halb aufgebauten Möbeln und war fassungslos.

  7. Kerstin schreibt:

    Ich war in Berlin und ahm an einem damals noch streng verbotenen und mit Stasi-Leuten durchsetzten Treffen zwischen Jugendlichen aus Ost- und Westdeutschland – organisiert vom „Blauen Kreuz“

  8. Tiqvah Bat Shalom schreibt:

    … gerade in Ungarn im Urlaub…

    Nach wenige Jahren war ich in Kiew wegen ein wichtige Gespräch… Da sah ich noch Tomaten die da wuchsen und Groß wie Wassermelone waren!

Seid gut zueinander!

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