9. November 1989

Wo waren Sie, als die Berliner Mauer fiel?

„In Stuttgart und dachte daran, was dann noch geschehen wird, wenn die Freudentränen getrocknet werden und was bedeutet dies für uns Juden.“

***

„Daheim, und kam aus dem Staunen nicht raus, war der Überzeugung – nicht in meinem Leben! Jedoch wartete ich auf die Panzer, zum Gück rollten sie nicht!“

***

„Ich weiß es noch genau: Mein Schwager fuhr mich und meine hochschwangere Frau in seinem beigen alten Fiat über die B51 von Wermelskirchen nach Köln, im Kofferraum ein gebrauchter Kinderwagen, den wir seiner Schwester abgekauft hatten. Im Radio kam die Meldung, dass die Mauer gefallen war und wir fuhren der untergehenden Sonne entgegen. Unvorstellbar, dass die Mauer fallen konnte! Neun Tage später kam unsere älteste Tochter zur Welt.“

***

„Zu hause vor dem Fernseher, ungläubig und staunend. Ich sah die Bilder der Menschen und hörte die Kommentatoren. Ich habe mich einfach nur gefreut.“

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6 Antworten zu 9. November 1989

  1. Alpha O'Droma schreibt:

    Auszug aus meiner Autobiografie „Freak Life“ – soll aber keine Werbung sein, deshalb kannste den Satz hier löschen, wenn du magst.

    9.November 1989. Es war kurz vor 21.00, ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als das Autoradio plötzlich seine synthetische Musik mit einer Sondermeldung unterbrach: „…verkündete Schabowski auf einer Pressekonferenz, DDR-Bürgern die Reisefreiheit zu gewährleisten. Dies gälte ab sofort“

    Die Mauer war gefallen.

    Ich hielt an der nächsten Tankstelle und rief Freunde an. Einer hatte es schon gehört und zog sich gerade an, die anderen konnten es nicht glauben bis das Heute-Journal die ersten Bilder und Liveinterviews ausstrahlte. Wir verabredeten uns am Brandenburger Tor.
    Ich kaufte schnell eine Flasche Sekt in der Tankstelle, die ohnehin aussah wie ein Supermarkt, und setzte mich Richtung Straße des 17. Juni in Bewegung, nur um dort inmitten all der anderen Schaulustigen zum Stillstand zu kommen. Erst drei Tage später sollte es mir gelingen, mein Auto aus dem größten Stau der Geschichte Berlins zu befreien.
    Es war ein typischer grauer Herbstabend an diesem ereignisreichsten aller Donnerstage, ich folgte dem Strom von Menschen, die instinktiv jenem Stück der Berliner Mauer zustrebten, das unmittelbar vor Schinkels Monument den Weg zum Ostteil unserer Stadt blockierte.
    Als ich gegen 21.45 dort ankam, hatten sich schon rund 30.000 Menschen angefunden, im Verlaufe der Nacht sollten es Hunderttausende werden. Rührende Szenen spielten sich ab, einige Weitdenkende hatten Leitern mitgebracht, doch die übliche Methode das 3.40m hohe und an dieser Stelle mehrere Meter breite Bollwerk zu überwinden, war die Räuberleiter.
    Ein hilfreicher Mitmensch, und ausnahmsweise schien es in dieser abgebrühten Großstadt an diesem Tag davon zu wimmeln, lehnte sich rückwärts gegen den antifaschistischen Schutzwall, faltete die Hände, so dass ein anderer Mitmensch einen Fuß dort und den anderen auf die Schultern des Helfers setzen konnte.
    Oben auf der Mauer standen West- und Ostberliner und zogen die Wessis in den Osten, sowie die Ossis in den Westen. Fasziniert beobachtete ich einen Mann, Ende Dreißig, der in einen beigefarbenen Kaschmirmantel gekleidet einem nach dem anderen die Räuberleiter gab. Tränen der Freude liefen über sein Gesicht während matschigdreckige Straßenschuhe seinen über 2000 Mark teuren Mantel ruinierten (1989er Preis!)..
    Was für ein Tag!
    Oben auf der Mauer angekommen sah ich West- und Ostdeutsche, die sich nie begegnet waren, in den Armen liegen. An diesem 9. November konnte man noch deutlich an der Kleidung erkennen, von welcher Seite ein jeder kam. Die Ossis strebten zur Siegessäule Gepäck und/oder Rotkäppchensekt in der Hand. Auf der anderen Seite, Unter den Linden, fand man fast ausschließlich Leute in Westklamotten. Hinter einem hüfthohen Metallzaun (hinter von der Ostseite aus gesehen) liefen ostdeutsche Grenzsoldaten wie in Trance umher. Gestern hätten sie noch geschossen, doch heute waren sie funktionslos, Leute steckten Blumen in ihre Gewehrläufe, der eine oder andere zynische Wessi pappte schon mal eine Banane drauf. Stoisch ließen sie es geschehen, und ich sah mehr als einen, der, Gewehr mit Banane verziert, versuchte, Blickkontakt zu vermeiden.
    Am Metallzaun beobachtete ich herzzerreißende Szenen. Egon Krenz hatte verlauten lassen, ein jeder DDR-Bürger könne ein Visum beantragen, jedoch war an jenem Donnerstagabend noch nicht klar, ob auch ein jeder eins bekäme. Tausende verließen die DDR in dieser Nacht, nur um auf Nummer Sicher zu gehen. Hastig wurden einige tragbare Wertsachen und der rote Passport in irgendeine Tasche geworfen und dann nichts wie ab über die Mauer!
    Diese Menschen, die mir da unentwegt entgegen strömten sahen nicht aus wie Touristen – es waren Flüchtlinge! Ich ging zurück, setzte mich direkt unter das Brandenburger Tor und begann, an dieser historischen Stelle zu dieser historischen Stunde einen Joint zu bauen. Ein junges Pärchen mit einwandfreiem sächsischen Akzent setzte sich zu mir und entkorkte ein Rotkäppchen. Auf einmal fiel mir ein, dass ich meine Flasche im Westen gelassen hatte, ich hatte sie abgestellt, bevor ich dem Kaschmirmantel den Rest gab, und hoffte nun inständig, dass der wundervolle Kaschmirmann sie gerade trank. Ich zündete den Joint an.
    ,,Ist das Marihuana?“, fragte mich das Mädchen, neugierig schnüffelnd. ,,Willkommen im dekadenten Westen!“, antwortete ich, ,,Magst Du die erste Frau sein, die einen Joint unterm Brandenburger Tor raucht?“ „Na Logo!“ Ich reichte ihr die Tüte, nahm jedoch vorher einen Zug, um meinen Platz in der Geschichte Berlins zu sichern. ,,Es sind noch 50 Meter.“, mahnte ihr Begleiter vorsichtig.
    „Keine Sorge“, versuchte ich ihn zu beruhigen, „heute ist Tag der offenen Tür.“
    Gegen Mitternacht bildete sich eine Menschenkette, man fasste sich an der Hand und begann „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zu singen. Der deutschen Geschichte gegenüber kritisch eingestellt, hatte ich unserer Nationalhymne nie viel abgewinnen können. An diesem Donnerstag aber war ich gerührt, ich weinte wie nie zuvor in meinem Leben.
    Für fast zwei Monate war Berlin das Zentrum der Glücksseligkeit auf Erden. Reiche Berliner verteilten Geldscheine an ihre ‚Brüder‘ aus dem Osten als diese in Scharen nach Westberlin strömten. Die Grenzübergänge, zuvor Orte maschinenpistolenbewehrter Unmenschlichkeit, wurden Schauplätze rührender Hilfsbereitschaft. Westberliner standen an, wildfremde Ostberliner zum Essen oder ins Kino einzuladen. Wer einen Ostpass vorzeigte, konnte am Kurfürstendamm ein Bier für eine Ostmark (entspräche heute 5 Eurocent) erwerben – ein Verlustgeschäft, das keiner so empfand. Sah man einen Trabi, winkte man den Insassen freundlich zu oder zeigte gespreizten Zeige- und Mittelfinger, das Siegeszeichen.
    Alle Widersprüche und Gegensätze schienen vergessen.
    Zwei bis dato beinahe verfeindete Gruppen von Menschen, Wessis und Ossis, identifizierten sich auf einmal als eine Gruppe: Deutsche. Als geborener Berliner muss ich dennoch klarstellen, dass uns die Ostdeutschen uns, was den „Wessi“ angeht, enteignet haben. Vor dem Mauerfall war „Wessi“ ein Berliner Schimpfwort für westdeutsche Touris, die in den 80ern noch mit Schlaghosen am Ku-Damm rumrannten und die „Ossis“ hießen damals noch „Zonis“, aber seitdem hat man sich auf „Wessis“ und „Ossis“ geeinigt, was nur uns Ur-Berliner schmerzt, denn kein echter Berliner ist ein „Wessi“ und so beleidigt diese Bezeichnung die älteren von uns noch heute, aber der Autor schweift mal wieder ab…
    Eine Woche später spielte Hertha BSC und alle Ossis wurden umsonst eingelassen. Als der Stadionsprecher sie mit den Worten willkommen hieß „Wir begrüßen Brüder und Schwestern aus dem Ostteil der Stadt“, sprangen wir – über 80.000 – alle auf und umarmten unseren Nebenmann. Es gab – und ich spreche vom Hertha-Fanblock, der hartgesotten Ostkurve – nicht einen einzigen Menschen, der in dieser Minute nicht Rotz und Wasser heulte, und ich habe selbst heute noch, da ich dies niederschreibe, Pipi in den Augen.

  2. Thomas Welsch schreibt:

    So verrückt es klingen mag: ich kann mich zum 9. November 1989 an nichts mehr erinnern, nicht einmal, ob ich die Ereignisse am Fernseher verfolgt habe.

  3. Benedikt Bock schreibt:

    Ich weiß es noch genau: Mein Schwager fuhr mich und meine hochschwangere Frau in seinem beigen alten Fiat über die B51 von Wermelskirchen nach Köln, im Kofferraum ein gebrauchter Kinderwagen, den wir seiner Schwester abgekauft hatten. Im Radio kam die Meldung, dass die Mauer gefallen war und wir fuhren der untergehenden Sonne entgegen. Unvorstellbar, dass die Mauer fallen konnte! Neun Tage später kam unsere älteste Tochter zur Welt.

  4. Lebensumbau schreibt:

    Zu hause vor dem Fernseher, ungläubig und staunend. Ich sah die Bilder der Menschen und hörte die Kommentatoren. Ich habe mich einfach nur gefreut.

  5. Dohle schreibt:

    Daheim, und kam aus dem staunen nicht raus, war der Überzeugung – nicht in meinem Leben!
    Jedoch wartete ich auf die Panzer, zum Gück rollten sie nicht!

  6. Tiqvah Bat Shalom schreibt:

    … in Stuttgart… und dachte daran was dann noch geschehen wird wenn die Freudentränen getrocknet werden… und was bedeutet diese uns Juden……

Seid gut zueinander!

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