Gibt es ein jüdisches Gen?

Thilo Sarrazin hat erklärt: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.“

Stellen wir uns nur mal spaßeshalber für einen kurzen Moment vor, es gäbe ein jüdisches Gen, trägt es dann wohl eine Kippa? Muss sich ein jüdisches Gen an die 613 Gebote halten? Welche Gebote gelten? Die an Frauen oder die gerichtet an Männer gerichteten? Muss das Gen den Shabbat heiligen? Darf ein jüdisches Gen im Körper eines Schweines sein? Kann ein Gen konvertieren? Fragen über Fragen.

Ich muss gestehen, es sind genau solche Fragen, die das Judentum für mich attraktiv machen. Es gibt so viele herrliche Fragen im Judentum.

Kann ein Außerirdischer zum Judentum konvertieren?

In welche Richtung muss ein Jude als Astronaut im Weltall beten, gibt es dort doch kein Osten?

Wann ist Shabbat im Weltall?

Wenn der Shabbat mit Sonnenuntergang beginnt, fällt im Sommer in Lappland der Shabbat aus, weil die Sonne nicht untergeht?

Wo in der Synagoge muss der jüdische Zwitter Platz nehmen?

Darf der Zwitter sich selbst die Hand geben, wenn er menstruiert?

Wenn ich ein Schwein dazu abrichte, wiederzukäuen und einem Kamel gespaltene Hufe klone, werden die Tiere dann koscher?

Ist das Kind einer Leihmutter, die das Kind zwar zur Welt bringt, es aber nicht gezeugt hat jüdisch?

Und vor allem: Warum essen wir gefilte Fisch?

Von all diesen Fragen kann ich die letzte beantworten: Mit dem gefilten Fisch erinnern sich die Juden an den Auszug aus der ägyptischen Sklaverei. Nachdem Gott die zehnte Plage über Ägypten gebracht hatte, nämlich den Tod aller erstgeborener Söhne, da ließ Gott dem Pharao über Moses ausrichten, wenn er nun nicht unverzüglich die Juden ziehen lassen würde, er zur 11. Plage greifen müsste und die hätte es in sich: Gefilte Fisch! Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die Sklaverei war zu Ende und das Leben in der Freiheit begann, mit allem was die Freiheit so zu bieten hatte: pappige Matze und Gefilte Fisch. דַּיֵּנוּ. Dayenu!

Ich bin sehr froh darüber, dass meine Gene nicht jüdisch sind. Ich hätte schon ein Problem damit, wenn die jüdischen Gene in meinem Herzen auf die Idee kommen würden, an Shabbat mal nicht zu arbeiten.

Nein, Gene sind nicht jüdisch, sie können nicht jüdisch sein, genausowenig wie Bäume, Autos und Tiere jüdisch sein können. Nur Menschen können jüdisch sein. Und ALF natürlich. Ja ALF! Ich mein, schauen Sie sich ALF mal an! ALF, ein Wesen dessen Planeten zerstört wurde und das nun in der Diaspora in einer ihm feindlichen Welt von einer christlichen Familie auf dem Dachboden versteckt wird. Da ist man doch verführt zu glauben, die Abkürzung ALF steht nicht für Alien Life Form, sondern ist eine Referenz an Annelies Frank. Da wundert es dann auch nicht mehr, dass die Serie ALF absolut tragisch endet. In der letzten Folge wird ALF gefangen.

Ja, ALF ist jüdisch, hat aber garantiert Null Prozent genetische Übereinstimmung mit irgendeinem menschlichen Juden – auch nicht mit Barbra Streisand. Wenn ich der Evolutionstheorie folge, dann hat selbst das Genmaterial eines Kanarienvogels mehr Übereinstimmung mit Barbra Streisand als ALF. Gene sind nicht jüdisch; ihre Träger aber sehr wohl.

Woher kommt aber der Glaube, es gäbe ein jüdisches Gen? Die Antwort ist in der größten Gemeinsamkeit zu finden, die das jüdische und das deutsche Volk verbindet: die Art und Weise, wie man Jude oder Deutscher wird. Entweder freiwillig, durch Kovertierung zum Judentum oder durch die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft, also als ein Ergebnis einer Entscheidung, oder unfreiwillig durch die Mutter. Ist die Mutter oder der Vater deutsch, ist das Kind auch deutsch, so will es die Verfassung. Ist die Mutter Jüdin, so ist das Kind jüdisch, so will es die Halacha.

Blut ist also ein Weg jüdisch oder deutsch zu werden. Andere Länder vergeben die Staatsbürgerschaft nicht über die Eltern, sondern über den Ort, wo das Kind das Licht der Welt erblickt hat. Gehört der Ort der Geburt zum Staatsgebiet, dann ist das Kind Bürger des Landes, in den Vereinigten Staaten von Amerika und Frankreich ist das zum Beispiel so. Dort ist der Boden ausschlaggebend.

In vielen Bereichen der Welt wird die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe durch Geburt durch Blut oder Boden bestimmt. Blut und Boden, zwei in der deutschen Sprache vollkommen kontaminierte Worte, aber sie sind nun mal nicht ganz unbedeutend, da sie über die Vergabe der Volksgruppenzugehörigkeit entscheiden. Wie sonst auch sollte eine Volksgruppe bei der Geburt eines Kindes bestimmen, ob es dazu gehört oder nicht? Sollen etwa alle Menschen bis zur Volljährigkeit staatenlos sein, ohne Anspruch auf Bürgerrechte?

„Blut“ und „Boden“ sind metaphorischen Begriffe für „Eltern“ und „Ort der Geburt“. Ich weiß schon, dass der Blutkreislauf der Mutter und das des Kindes in ihrem Leib seperat voneinander fließen, aber ich spreche hier von Blut im Sinne von „Blut von meinem Blut“, so wie ich auch vom „Sonnenuntergang“ spreche, obwohl ich weiß, dass die Sonne nicht untergeht, sondern die Erde sich wegdreht.

In der Tora gibt es zwei heldenhafte Beispiele dafür, dass die Erlangung des Jüdischseins durch die Mutter gleichwertig ist mir der Konvertierung:

1. Moses wurde vom Pharao und seiner Frau großgezogen. Seine ganze Erziehung, sein ganzes Leben fand in der ägyptischen Kultur statt. Sein Bruder war Ägypter, wie er. Aber seine Eltern waren „nur“ seine Adoptiveltern. Seine leibliche Mutter hingegen war Jüdin. Sie hatte ihr Baby im berühmten Schilfkorb ausgesetzt. Das Baby wurde von Ägyptern gefunden und so wurde Moses als Ägypter sozialisiert. Dieser soizialisierte Ägypter befreite die Hebräer von der Sklaverei, weil er wusste, dass er ein Hebräer war, wie seine Mutter.

2. Abraham hingegen konvertierte. Seine Mutter war keine Jüdin. Sie brachte ihren Sohn in Ur zur Welt und nannte ihn Abram (אַבְרָם‎). Abram heirate Sarai (שָׂרַי‎). Mit 99 konvertierte Abram, schloss einen Bund mit Gott, nannte sich fortan Abraham (אַבְרָהָם‎) und beschnitt sich – mit 99! Was seine Frau wohl gedacht hat?

„Moment mal Abram Schatz, dass Du nach 99 Jahren einen neuen Namen haben willst, das kann ich ja noch verstehen; nach sovielen Jahren wird jeder Name langweilig. Aber was bitte willst du dir wo abschneiden? Das kann doch nicht dein ernst sein. Was kommt als nächstes? Soll ich noch ein Kind kriegen? Ach, da muss ich aber lachen! Aber jetzt mal ehrlich, machst Du alles, was er von Dir verlangt? Nimm mal an ich hätte einen Sohn und Gott würd Dich auffordern ihn zu opfern, würdest du das auch tun?“

Vermutlich wird Sarai genau damit Gott auf dumme Gedanken gebracht haben, aber sie willigte schließlich ein und nannte sich fortan Sara (שָׂרָה‎).

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