Wieviel Recht muss man haben?

Wieviel Recht muss man haben, um jeden Anstand sausen lassen zu dürfen?

Diese Frage kam mir, als ich am 23. August auf dem ZDF miterleben musste, wie bei Markus Lanz unter dem Gejohle des Publikums und der aktiven Mitwirkung von Ingo Appelt, Jutta Ditfurth, Ingrid van Bergen und Hellmuth Karasek der TV-Pfarrer Jürgen Fliege gerichtet wurde.

Ich bin kein großer Freund der Esoterik. Religionen, besonders die staatlich subventionierten, sind mir suspekt. Auch Jürgen Fliege ist mit seiner Selbstbetroffenheitsrhethorik nicht mein Typ, aber mit allem kann ich leben. Ich kann jedoch nicht damit leben, wenn jemand eingeladen wird, um ihn fertig zu machen.

Der Katholik Markus Lanz, der durch seine Kirchensteuer das Weihwasser, das Vater Unser und die Seelsorge seines Priester bezahlt, macht Fliege, der nichts von dieser Steuer bezieht, den Vorwurf, dass er nicht kostenlos betet. Selten hat man Doppelmoral so deutlich im deutschen Fernsehen gesehen.

Ich fühle mich an die Talk Show erinnert, bei der Eva Herman „eingeladen“ worden war, um unter Mithilfe von Senta Berger, Margarethe Schreinemakers, Mario Barth und dem Gastgeber Johannes B. Kerner selbst aus dem Studio geworfen zu werden. Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich ein glühender Feminist bin und im starken Gegensatz zu Eva Herman und ihren Thesen stehe, aber meine ganze Überzeugung konnte mich an jenem Tag nicht dazu verleiten, meinen Anstand zu verlieren und der unanständigen Behandlung Eva Hermans zu applaudieren. Was Eva Herman an diesem Tag widerfuhr war indiskutabel und absolut unmenschlich und obwohl ich Feminist bin, konnte ich dazu nur sagen: „Der Frau widerfährt Unrecht!“

Als Eva Herman aus dem Studio geworfen wurde, setzte sich Mario Barth auf den Platz von Eva Herman. „Die Sexistin ist tot“, dachte ich, „es lebe der Sexist!“ Wieder hatte ein Mann über eine Frau gesiegt. Wieder wurde ein Mann für die selbe Sache gefeiert, für die eine Frau verurteilt wurde, denn Barth war nicht weniger sexistisch als Herman. Es war wahrlich ein rabenschwarzer Tag für den Feminismus.

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