Die Natur ist eine Byzantinerin

Wenn ein Mensch krank wird, will er nicht, dass die Natur herrscht, sondern ruft nach der Vernunft der Ärztin.

Wenn einem Menschen Unrecht geschieht, möchte er nicht, dass die Natur herrscht, sondern hofft auf die Vernunft der Richterin.

Wenn er aber andere Menschen unterdrücken will, dann holt er eiligst die Natur aus der Kiste.

Wenn es darum geht, andere zu unterdrücken, ist die Natur eine gern gesehene Verbündete. Schon reden alle von der Natur. Die der Frau, die Natur des Juden, die Natur des Asiaten.

Hedwig Dohm sagt: Eine Byzantinerin ist die Natur, redet dem, der gerade die Macht hat, zu Munde, oder gibt wenigstens immer die Antwort, die der Fragende erwartet. Was ist natürlich, was unnatürlich? Die meisten geistigen Errungenschaften sind Einbrüche in vermeintliche Naturgesetze.

Recht hat sie! Ginge es nach der Natur, dann wäre ich schon lange tot. Die meisten Menschen, die ich kenne, wären nicht mehr am Leben, ginge es nach der Natur.

Deshalb werde ich nicht wuschig, wenn jemand zum Tee mit „Mutter Natur“ lädt. Früher oder später kriegt mich die Natur in ihr Beet und unter die Erde. Bis zu dieser unvermeidlichen Hochzeitsnacht mache ich lieber mit der Vernunft rum.

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