In uns selber liegt’s

Wen machen wir nicht alles verantwortlich, wenn wir mit bösen Taten konfrontiert werden: die Gesellschaft, die Eltern, die Politik, die Umstände? Wir sind uns alle so verdammt sicher, dass alles nur eine Frage der Erziehung ist. Aber was, wenn es doch ganz anders ist? Was, wenn es das Böse einfach gibt?

Diese Fragen stelle ich mir jedes Mal, wenn ich wieder die Ehre habe, einen Shakespear’schen Bösewicht zu spielen. Diesmal ist es Jago aus Shakespeares Drama „Othello“ und es scheint, als würde mir Shakespeare mit dieser Rolle eine Antwort auf meine Fragen zuflüstern: „Ja, es gibt das Böse; aber es verführt uns nicht, wir entscheiden uns dazu!“

Bei Shakespeare klingt es freilich schöner – aber Shakespeare wäre nicht Shakespeare wenn er die wahren Worte nicht aus dem Munde eines Bösewichtes kommen ließe. Jago sagt:

„In uns selber liegts, ob wir so sind oder anders.
Unser Körper ist ein Garten und unser Wille der Gärtner,
so daß, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen,
Tomaten aufziehn oder Thymian ausjäten,
ihn dürftig mit einerlei Kraut besetzen
oder mit mancherlei Gewächs aussaugen,
ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten
– das Vermögen dazu und die bessernde Macht
liegt durchaus in unserm freien Willen.
Hätte der Waagbalken unsres Lebens nicht eine Schale von Vernunft,
um eine andre von Sinnlichkeit aufzuwiegen,
so würde unser Blut und die Bösartigkeit unsrer Triebe
uns zu den ausschweifendsten Verkehrtheiten führen;
aber wir haben die Vernunft, um die tobenden Leidenschaften,
die fleischlichen Triebe,
die zügellosen Lüste zu kühlen.“

Auch wenn es schwer fällt, einem Bösewicht zuzustimmen, aber: Ja, so ist es! Was auch immer einem Menschen widerfährt, welche ganz persönlichen Schicksalsschläge er auch immer zu verkraften hat, der Grund für alle seine Entscheidungen, mögen es nun gute oder schlechte sein, liegt einzig und allein in seinem freien Willen. Othello selbst ist ein gutes Beispiel dafür.

Obwohl Othello als afrikanischer Mann in der venezianischen Gesellschaft nur allzugut wissen sollte, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein und obwohl er die Ketten der Sklaverei zu spüren bekam, ist er selbst nicht frei von Intoleranz und Rassismus. Othello brüstet sich damit in Aleppo einen Türken erstochen zu haben und wenn sich seine Untergeben mal nicht nach seinem Sinne benehmen, dann ruft er abwertend: „Sind wir denn Türken?“ Jammern aber kann Othello. Jedesmal, wenn ihm Unrecht geschieht, dann platzt es aus ihm raus: „Weil ich schwarz bin?“

Ja, Othello, weil Du schwarz bist, wirst Du schlecht behandelt und diskriminiert. Das ist schlimm, sehr schlimm. Dein Anderssein ist die Entschuldigung der Xenophoben und Rassisten für ihren Hass. Aber was ist Deine Entschuldigung, wenn Du einen Türken diskriminierst und tötest? Er ist Türke! Was ist Deine Entschuldigung, wenn Du Desdemona erstickst? Sie ist eine Frau!

Weißt Du, was Yoko Ono und John Lennon mal geschrieben haben? Natürlich nicht, sie waren noch nicht geboren, als Du tötetest, aber im Frühjahr 2012 wirst Du auf die Bühne des Metropol Theaters in Köln zurück kehren. Daher lass mich hier nun das Liebespaar zitieren: „Woman is the Nigger of the World!“

Othollo, Du bist zwar der Mohr von Venedig, aber Desdemona ist der Mohr der Welt. Und? Läßt sich Desdemona deshalb moralisch gehen? Nutzt sie ihr Schicksal und ihr Leid als Erklärungs- und Entschuldigungsmatrize für Zorn und Rache? Nein! Desdemona entscheidet sich trotz all ihrer Erfahrungen für das Gute! Shakespeare beschreibt die Tugend Desdemonas mit folgenden Worten und wieder einmal legt er sie dem Bösewicht Jago in den Mund:

„Die immer schön, doch nicht dem Stolz vertraut,
Von Zunge flink, doch niemals sprach zu laut;
Nicht arm an Gold, nie bunten Schmuck sich gönnte,
Den Wunsch erstickt und dennoch weiß: »ich könnte!«;
Die selbst im Zorn, wenn Rache nah zur Hand,
Die Kränkung trägt und ihren Groll verbannt;
Die nie von Überwitz sich läßt berauschen,
Für derben Salm den Gründling einzutauschen;
Sie, die viel denkt, die Neigung doch verschweigt,
Und keinen Blick dem Schwarm der Werber zeigt;
Die nennt‘ ich gut, – wär‘ sie nur aufzutreiben, –“

Burkhard Schmiester, obwohl kein Bösewicht sondern Regisseur der Kölner Inszenierung, in der ich die Ehre habe, den Jago zu spielen, beschreibt Desdemona wie folgt: „Desdemona ist liebenswert und sie will es sein, aller Welt gegenüber: aus der Heiterkeit ihres Temperaments heraus und aus dem internalisierten Anspruch auf Liebe. Empathisch hängt sie am Menschen, sie mag sich der Vitalität eines jeden Lebens hingeben. Und sie will Gutes erschaffen.“

Wie recht er hat. Desdemona will Gutes schaffen, obwohl sie Opfer des Sexismus‘ ist. Othello jedoch schafft Schlechtes! So wenig aber wie Desdemona vom Sexismus zum Schlechten verführt wurde, wurde Othello durch den Rassismus zum Bösen verführt. Es gibt für seine Taten nur einen Grund: Er hat sich dazu entschieden – wenn auch in tobender Eifersucht – aber er hat sich entschieden; oder, um es mit den Worten Jagos zu sagen:

„In uns selber liegts, ob wir so sind oder anders.“

Erinnert sich noch jemand an Nojoud Ali? Vermutlich nicht!

Nojoud Ali ist eine Heldin in Kindergestalt! Sie wurde als Kind im Jemen zwangsverheiratet, entführt, mehrfach vergewaltigt und ausgebeutet. Das Leben dieses Mädchens wurde in unvorstellbarer Weise geschändet! Sie lebt noch heute in Armut und ist in ihrer Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt. Der Reisepass wurde ihr entzogen und eine Teilnahme am Women’s World Awards 2009, der ihr verliehen wurde, wurde ihr verwehrt. Die einzige Einkommensquelle der 19-köpfigen Familie Nojoud Alis ist die Bettelei.

Und, was macht Nojoud Ali? Zusammen mit der Rechtsanwältin Shada Nasser setzt sie sich dafür ein, dass Mädchen vor Zwangsheirat bewahrt werden.

Erinnert sich noch wer an Tim Kretschmer? Vermutlich schon.

Tim Kretschmer war Schüler an der Albertville-Realschule und schloß dort mit der Mittleren Reife ab. Sein Vater war Sportschütze und besaß 15. Im Alter von 17 Jahren wurde er als Amokläufer und Mörder von Winnenden bekannt.

Was immer als Erklärung für seine Tat herangeführt wird, eins kann nicht geleugnet werden: Nojoud Ali ist nicht Amok gelaufen! Das gleiche gilt für Othello. Was immer auch als Erklärung für seine Rache herangeführt werden mag, Desdemona hat nicht gemordet!

Und was ist Jago Entschuldigung? Jago, der Bösewicht, der Othello in die Eifersucht und Desdemona ins Verderben getrieben hat, erklärt sich selbst:

„Ich dien‘ ihm, um mir’s einzubringen; wir können
Nicht alle Herrn sein, nicht kann jeder Herr
Getreue Diener haben. Seht Ihr doch
So manchen pflicht’gen, kniegebeugten Schuft,
Der, ganz verliebt in seine Sklavenfessel,
Ausharrt, recht wie die Esel seines Herrn,
Ums Heu, und wird im Alter fortgejagt. –
Peitscht mir solch redlich Volk! Dann gibt es andre,
Die, ausstaffiert mit Blick und Form der Demut,
Ein Herz bewahren, das nur sich bedenkt;
Die nur Scheindienste liefern ihren Obern,
Durch sie gedeihn und, wann ihr Pelz gefüttert,
Sich selbst Gebieter sind. Die Burschen haben Witz,
Und dieser Zunft zu folgen ist mein Stolz.“

Jago weiß, dass es keine andere Erklärung und Entschuldigung für menschliche Taten gibt, als der freie Wille. Jago fühlt sich seiner Karriere betrogen und rächt sich nun, ganz vernünftig, und ganz böse. Wenn man Othello etwas zu Gute halten will, dann, dass seine Vernunft vom Zorn benebelt wurde. Mit etwas gutem Willem kann Othello eine Unzurechnungsfähigkeit attestiert werden, aber Jago, der handelt im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Er hat sich voll und ganz und bewußt für das Böse entschieden. Burkhard Schmiester schreibt:

„Durch Othello fühlt Jago sich zu Unrecht an seiner Karriere gehindert. Seine Wut darüber aber steht hinter der Taktik zurück, seine Emotion hinter der Strategie: sein Wille zur Rache gibt ihm die Motivation zu einem lustvoll-üppigen Spiel mit des anderen Wohl und Wehe – Jago ist ein leidenschaftlicher Ausbeuter auch misslichster Lebensumstände.“

Diesen Jago darf ich nun spielen. Ich freu mich drauf! Wir sehen uns im Metropol Theater.

„Ja, hier liegt’s, noch nicht entfaltet; die Bosheit wird durch Tat erst ganz gestaltet.“

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