An die Frauen des Arabischen Frühlings

„Frauen,“

es ist eine Französin des 18. Jahrhunderts, die zu Euch spricht. Ihr Name ist Olympe de Gouges. Sie hat erlebt, wie eine Revolution der Menschen zu einer Revolution der Männer verkam, die am Ende sogar Frauen in eine schlechtere Situation entließ.

„Die Sturmglocke der Vernunft ist im ganzen Universum zu hören; erkennt eure Rechte! Das gewaltige Reich der Natur ist nicht mehr umlagert von Vorurteilen, Fanatismus, Aberglaube und Lügen. Die Fackel der Wahrheit hat alle Wolken der Dummheit und Anmaßung zerstreut. Der versklavte Mann hat zwar seine Kräfte vervielfacht, aber er hat der eurigen bedurft, um seine Ketten zu sprengen. Kaum in Freiheit versetzt, ist er nun selbst ungerecht geworden gegen seine Gefährtin. O Frauen! Frauen, wann wird eure Verblendung ein Ende haben? Was sind denn die Vorteile, die euch aus der Revolution erwachsen sind? Ihr werdet noch mehr verachtet, noch offener verhöhnt.“

Erklärte noch im 17. Jahrhundert die Philosophin Marie les Jars de Gournay die Gleichheit von Männern und Frauen (1622), erklärten die Sieger der Französischen Revolution kurzerhand nur die Männer- und Bürgerrechte (1789). Oft werden diese Männer- und Herrenrechte fälschlicherweise als Menschen- und Bürgerrechte übersetzt, obwohl Frauen dezidiert nicht mit „des hommes“ gemeint waren, was Oylmpe de Gouges in ihrer Antwort „Die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ deutlich kritisierte.

„Fürchtet ihr, dass unsere französischen Gesetzgeber – Richter über jene Moral, die sich lange Zeit in der Politik eingenistet hat, nun aber überlebt ist – es euch wiederholen: „Frauen, was habt ihr mit uns gemein?“ „Alles“, werdet ihr zu entgegnen haben. Und wenn sie sich in ihrer Schwäche darauf versteifen, mit ihren eigenen Prinzipien in Widerspruch zu geraten, dann setzt beherzt die Macht der Vernunft ihren eitlen Anmaßungen entgegen, euch überlegen zu sein.“

Frauen des Arabischen Frühlings, haut den Kerlen ihre eigenen Widersprüche um die Ohren. „Mehr Stolz, Ihr Frauen,“ sagte Hedwig Dohm einst, „der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!“

Frauen des Arabischen Frühlings, hört auf Olympe de Gouges, denn sie hat erlebt, was Euch droht: eine Revolution, die im Terror endet. Während Olympe de Gouges für die Menschenrechte stritt und das Recht eines jeden Menschen auf einen fairen Prozeß verteidigte, erklärten die männlichen Sieger der Revolution den Terror. Obwohl Olympe de Gouges eine blühende Republikanerin war und in dem König einen Feind der Demokratie sah, kämpfte sie für einen fairen Prozeß des Königs, weil für sie Menschenrechte unveräußerlich waren, selbst für den größten Feind. Für Olympe de Gouges sollte die Vernunft herrschen. Die Sieger der Revolution sahen das anders. Am 17. Januar 1794 erklärte Maximilien Robespierre den Sieg der „Natur“ über die Vernunft:

„Wenn man vorschlägt, Ludwig XVI. den Prozeß zu machen, so stellt man die Revolution in Frage. Kann er gerichtet werden, so kann er freigesprochen werden, kann er freigesprochen werden, so kann er unschuldig sein. Ist er aber unschuldig, was wird aus der Revolution? (…) Wie könnte der Tyrann den gesellschaftlichen Pakt für sich anrufen? Er hat ihn vernichtet! Welche Gesetze sind an seine Stelle getreten? Die Gesetze der Natur: das Volkswohl.“

Olympe de Gouges jedoch verteidigte die Gesetze der Vernunft und landete dafür auf dem Schafott. Am 3. November 1793 wurde sie hingerichtet. Ihr Vergehen: Sie hatte sich den „Gesetzen der Natur“ widersetzt. Sie wusste warum.

Wenn die Mächtigen zur Natur greifen, so meinen sie damit immer nur ihr Recht auf Macht. Wenn die Mächtigen krank werden, dann wollen sie nicht, dass die Natur herrscht, sondern rufen nach der Vernunft der Ärztin, wenn ihnen Unrecht geschieht, dann möchten sie nicht, dass die Natur herrscht, sondern hoffen auf die Vernunft der Richterin, nur wenn es darum geht, andere Menschen zu unterdrücken, dann wird eiligst die Natur aus der Kiste gezogen. Hedwig Dohm sagte einst:

„Wie der Mensch sich seinen Gott nach seinem Ebenbild schafft, so legt ein jeder seine Anschauungen der Natur in den Mund. Eine Byzantinerin ist die Natur, redet dem, der gerade die Macht hat, zu Munde, oder gibt wenigstens immer die Antwort, die der Fragende erwartet. Was ist natürlich, was unnatürlich? Die meisten geistigen Errungenschaften sind Einbrüche in vermeintliche Naturgesetze.“

Frauen des Arabischen Frühlings, hört auch Olympe de Gouges, die einmal sagte: „Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen; sie muss gleichermassen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen!“

Überlasst die Tribüne nicht allein den Männern. Die Französische Revolution ließ die Frauen auch hinter sich und sprach von den „Gesetzen der Natur“, aus denen sich allerdings schnell der pure Terror entwickelte, der gleichberechtigt neben der „Tugend der Vernunft“ herrschen sollte. Am 7. Februar 1794 erklärte Maximilien Robespierre die Notwendigkeit des Terrors!

„Wir wollen den Forderungen der Natur nachkommen, die Gesetze der Humanität und die Versprechen der Philosophie erfüllen und den Götzen der langen Gewalt- und Verbrechensherrschaft zum Teufel jagen. (…) Welche Form der Regierung kann diese Wunder wahr machen? Allein die demokratische oder republikanische Regierung. Diese beiden Worte sind gleichwertig, wenn auch die Umgangssprache sie mißbraucht; denn eine Aristokratie ist ebensowenig Republik wie die Monarchie. (…) Aber um unsere Demokratie zu gründen und zu festigen, um zu einer friedlichen Herrschaft verfassungsmäßiger Gesetze zu gelangen, müssen wir den Kampf der Freiheit gegen die Tyrannei beenden und die Unwetter der Revolution glücklich hinter uns bringen. Das ist das Ziel des revolutionären Systems, das ihr errichtet habt. (…) Was ist nun der erste Grundsatz der Demokratie oder Volksherrschaft, das heißt, welche wesentliche Triebkraft bringt sie in Gang und bewegt sie? Es ist die Tugend. (…) Wenn der Geist der Regierung im Frieden die Tugend ist, so ist er während der Revolution Tugend und Terror zugleich: Tugend, ohne die der Terror verderblich ist, Terror, ohne den die Tugend ohnmächtig ist. Terror ist nichts anderes als rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit. Er ist eine Offenbarung der Tugend. Der Terror ist nicht ein besonderes Prinzip der Demokratie, sondern er ergibt sich aus ihren Grundsätzen, welche dem Vaterland als dringendste Sorge am Herzen liegen müssen.“

Frauen der Arabischen Revolution, hier beginnt die Verhüllung des Grausigen durch wohl klingende Worte, wie wir sie aus allen Gewaltregimen kennen. Sie reden von schnellen Prozessen, aber meinen den kurzen Prozeß! Sie reden von Tugend, aber meinen das Schafott! Sie reden von Demokratie, aber meinen den Terror. Auf die Französische Revolution folgte eine Schreckensherrschaft wie auf die Iranische Revolution Ende des 20. Jahrhunderts die Islamische Diktatur folgte.

Robespierre verpackte seine Grausamkeiten in schöne Worte. Die Schreckensherrschaften Eurer Revolution süßen ihre Grausamkeiten mit der Natur und Allah. Sie verhüllen Ihre Absichten, so wie sie Euch unter Stoff zu verhüllen suchen.

Frauen des Arabischen Frühlings, lasst Euch nicht verhüllen!

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