Der Whatever an sich

von Danny Wilde.

Vor dem Hintergrund des grassierenden und wachsenden Judenhasses – und, by the way, keineswegs nur in den islamischen Communities und nicht nur im „autochthonen“ D, sondern auch im ganzen Konstrukt „EU“; und wer Frankreich liebt wie ich, weiß wie weh das tut, angesichts des noch schlimmeren Antisemitismus’ bei den Franzosen oder in weiten Teilen der polnischen Bevölkerung, usw. usf., möchte ich Gerd Buurmann sowohl für die Überschrift wie für seinen Kernsatz danken:

>> Für manch einen jungen Mensch in Deutschland scheint Auschwitz zu einer Nachhilfe für moralisch Sitzengebliebene verkommen zu sein, ganz so, als könne man ohne den Massenmord nicht wissen, dass es nicht richtig ist, Menschen zu hassen und millionenfach zu vergasen.

Erst ein langes Nachdenken und Informieren konnte Kevin Barth dazu bringen zu erkennen, dass es total doof ist, „den Juden an sich“ unsympathisch zu finden. <<

Denn es stimmt, dass es zu einer solchen Erkenntnis keineswegs des Wissens um den Holocaust bedarf. Es würde genügen, ein Mindestmaß an (früher sagte man) sittlicher Reife zu besitzen.

Aber darauf muss man eben erstmal kommen: dass das eigentlich Selbstverständliche heute offenbar verschwunden zu sein scheint.

Kohl wurde einst sehr für seinen Satz von der Gnade der späten Geburt gescholten. Ich habe diesen Satz immer für sehr klug gehalten, denn er sezierte außerordentlich präzise die wohlfeile Bigotterie des retrospektiven Gedenkens und wies zugleich auf die Schwäche des menschlichen Charakters hin: dass die Möglichkeit, ein Mitläufer gewesen zu sein, größer wäre als diejenige, ein Held geworden zu sein.

Und genau deswegen besitzen wir Spätergeborenen, so wir uns ein eigenes Rückgrat einbilden, neben jener Gnade auch die gottverdammte Pflicht und Schuldigkeit gegenüber jedem einzelnen Menschen, Volk oder Religion, für diese einzustehen, wenn andere mit deren vollständiger Vernichtung drohen. Da muss man eine solche von Vernichtung bedrohte Gruppe gar nicht sympathisch finden. Man muss sich nur vor sie hinstellen, und wenn’s „der Jude an sich“ ist, und deren Feinden sagen: Fuck off.

Auch märchenaffine Knäblein wie der Herr Barth sollten nämlich nicht vergessen, dass kein „Ami an sich“ oder „Jude an sich“ jemals mit der Auslöschung kompletter sagen wir arabischer Stämme oder kompletter sagen wir archaischer Religionen gedroht hat oder diese Drohungen gar zur politischen raison d’etre erhoben hat (wie es z.B. der Iran tut): Im Gegenteil wurde z.B. Moslems z.B. im Kosovo militärisch zur Seite gestanden. Und zwar vom „Ami an sich“. Der „Deutsche an sich“ oder der „Franzose an sich“ hielt sich da feigerweise solang raus, bis es gar zu peinlich wurde.

Und weder „der Jude an sich“ noch seine „Administration“ bedroht seine Nachbarn mit deren vollständiger Vernichtung. Es ist halt genau umgekehrt. Und das dumme Stück Barth weiß das sehr gut und findet das auch sehr gut. Er hat es eben bloß gerade soweit relativiert, dass die latent bis offen „israelkritische“ deutsche Journaille vor dem Hintergrund der Auschwitz-Keule damit umgehen kann.

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