Wo im Koran?

„Eine Religion, die das Verbrennen eines Buchs als Todsünde erachtet, aber das Steinigen von Menschen nicht, hat ganz andere Probleme.

Als ich diesen Satz vor ein paar Tagen auf Facebook veröffentlicht hatte, erhielt ich einen Kommentar von meinem geschätzten Bühnenkollegen Özgür Cebe mit folgender Frage: „Kannst Du mir bitte sagen, wo im Koran etwas über das Steinigen geschrieben steht? Und wer sagt, dass der Islam das Verbrennen eines Buches als Todsünde bezeichnet? Das Steinigen bei Ehebruch z.B. steht nicht im Koran. Es ist eine Überlieferung (Hadith). Ich persönlich zweifle die Authentizität dieser Ahadith an.“

Ich antwortete: „Das musst Du nicht mich sondern jene islamischen Führer fragen, die behaupten, mit diesen Taten nach dem Koran zu leben!“

Es ist doch wirklich bemerkenswert: Nicht von den Muslimen, die den Koran in menschenverachtender Art und Weise auslegen, verlangt er Rechenschaft, sondern von mir, weil ich darauf hinweise, dass es innerhalb der Religion einige führende Köpfe gibt, die eben eine solche Interpretation des Korans nicht nur zulassen, sondern auch noch zur Doktrin erheben. Allerdings schätzen wir uns und Fundamentalisten eher weniger. Kein Wunder, dass er eher mit mir das Gespräch sucht. Er weiß halt, dass mich kritisieren etwas sicherer ist als als einen Islamisten.

Eine weitere Kritik von ihm war: „Den Islam zu pauschalisieren ist nicht fair. Nicht alle Christen sind Kinderschänder und nicht alle Muslime sind Terroristen.“

Ich antwortete: „Das stimmt schon, aber solange nicht tausend beleidigte Christen wütend durch die Straßen marodieren, weil pädophile Priester angeprangert werden, und sie dabei auch noch allen Ernstes Diskriminierung und Christophobie brüllen, spielen Muslime und Christen immer noch in zwei verschiedenen Ligen.“

Stefan Waghubinger hat einmal gesagt: „Wenn in der letzten Zeit in Afghanistan, Nigeria, Iran, Irak, Jemen, Nigeria, Pakistan, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan und den Vereinigten Arabischen Emiraten Menschen gesteinigt wurden, meist nur weil sie sich liebten, dann wünscht man halt, dass die Religion auch die Kraft hätte, in diesen Fällen zu so einem Aufjaulen zu führen und nicht nur, wenn Papier brennt.“

Es ist wirklich faszinierend, wie unterschiedlich Menschen Taten bewerten können. Die amerikanische Regierung und die Mehrheit des amerikanischen Volkes hat das Verbrennen des Korans durch ein paar amerikanische Soldaten scharf kritisiert und das obwohl es in den USA erlaubt ist, den Koran zu verbrennen, wie auch das Verbrennen der Bibel, der Verfassung und der USA-Flagge erlaubt ist, weil es als Meinung eingestuft wird und sie in den Vereinigten Staaten frei ist. Die amerikanische Armeeführung hat dennoch empfindliche Disziplinarverfahren gegen die paar Soldaten eingeleitet, die den Koran verbrannt haben. Das ist Amerika!

In Libyen kam es jüngst zu einer Verwüstung eines britischen Kriegsgräberfriedhofs mit christlichen und jüdischen Gräbern von Menschen, die gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben. Auf einem Video kann man erkennen, wie hasserfüllte Terrortrupps diesen Friedhof verwüsten. Sie demonstrieren geradezu, was sie von Toleranz, Religionsfreiheit und Aufklärung halten.

Wie in Amerika kamen auch in Libyen sofort verurteilende Stimmen von libyschen Autoritäten und einigen Privatpersonen. Das ist schon eine ganze Menge. Lange Zeit gab es nicht mal das! Ein vergleichbarer Sturm wie bei den regelmäßig aufkommenden antiwestlichen Massendemonstrationen mit den hasserfüllten Verbrennen von dänischen, israelischen und amerikanischen Flaggen blieb in der arabischen Welt auch aus. Libyen reagierte somit ganz westlich. Und das ist auch gut so! Was müssten die Demonstranten denn auch verbrennen, wenn sie Muslime mit der gleichen Vehemenz geißeln würden wie Ungläubige? Arabische Flaggen? Bilder von fundamentalistischen Imamen? Am Ende müssten sie sogar den Koran verbrennen! Das will ja keiner.

Wir haben es somit von libyscher Seite mit einem Schritt in die richtige Richtung zu tun. Aber auch im Westen bewegt sich was: Zwar finden in der westlichen Welt weiterhin und der Aufklärung sei Dank keine antiarabischen Massendemonstrationen mit Flaggen- und Koranverbrennungen statt, aber dafür wird nun in vielen Medien behauptet, in Libyen seien „Moderate“ an der Macht und eine „moderate Version“ der Scharia sei in Kraft. Was doch ein bißchen Selbstkritik schon alles erreichen kann.

Aber muss der Westen gleich so übertreiben und direkt von „moderaten“ Verhältnissen sprechen? In Libyen gilt nach wie vor die von Gaddafi für das Land eingeführte Scharia. Ich übertreibe somit nicht, wenn ich behaupte, dass Ungläubige, Homesexuelle und „sündige“ Frauen weiterhin um ihre Gesundheit und ihr Leben fürchten müssen.

Wo ist bei diesen Taten die Empörung der professionell Empörten? Wo sind die chronisch beleidigten Leberwürstchen?

Gestern, am 3. März 2012, fand eine Demonstration gegen Neonazis in Münster statt. 350 Neonazis wollten in Münster marschieren, aber mehr als 5000 Menschen stellten sich diesem Aufmarsch in den Weg. Über 5000 Menschen protestierten! Sie klagten nicht die Welt an, sondern die Nazis! Sie waren nicht beleidigt, weil die Welt die Nazis sah und von ihnen berichtete, sondern sie waren beleidigt, weil es die Nazis gibt und diese Nazis Deutsche sind! Nicht die negative Presse über Fremdenfeindlichkeit in Deutschland ist das Problem, sondern die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland selbst.

Es wäre schön, wenn sich auch im Islam diese Haltung verfestigen und in den Herzen der Muslime verankern könnte: Nicht die negative Presse über den Islam ist das Problem, sondern die Fremdenfeindlichkeit vieler Menschen innerhalb des Islams selbst. Islamisten, die sich auf den Koran berufen, sind für Muslime ebenso ein Problem wie Nazis, die sich auf Deutschland berufen, für Deutsche ein Problem sind.

So wie es, meiner bescheidenen Meinung nach, die Aufgabe eines jeden Deutschen ist, Stellung zu beziehen, wenn Deutsche im Namen eines „anständigen Deutschlands“ fremdenfeindliche Taten begehen, so ist es auch für jeden Muslim die Aufgabe, Stellung zu beziehen, wenn Muslime im Namen eines „anständigen Islams“ fremdenfeindliche Taten begehen – und es ist fremdenfeindlich, wenn Muslime Christen, Juden, Homosexuelle und Andersgläubige hassen, so wie es fremdenfeindlich ist, wenn Deutsche Muslime und Ausländer hassen.

Für diese Art von Muslimen und Deutschen gibt es im Grunde nur ein und das selbe Wort: Neonazis!

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