Navid Kermani hat abgesagt!

Navid Kermani hat seine Teilnahme bei dem Theaterfestival „Theater der Zukunft, …der Stilbühne“ in der Alten Feuerwache in Köln abgesagt, weil auch die Iran-Reisende Anneliese Fikentscher unter den Akteuren ist. Tapfer im Nirgendwo hat berichtet. „Ich bleibe neutral“, schreibt dazu Rahim Fathi Baran auf der Ankündigungsseite zum Theaterfestival und fährt fort:

„Eine touristische Reise in den Iran und ein Erinnerungsbild mit Ahmadinedjad von Annelise Fikentscher (Peeep-Academie) und die darauf hin folgende Absage des Schriftstellers Navid Kermani läßt mir keine andere Wahl als diese beiden Veranstaltungen:

12.05.2012_ 18.30 Uhr Die Bürger von Weimar: Anneliese Fikentscher

20.05.2012_ 20.45 Uhr Dein Name: Navid Kermani

abzusagen.

Es ist sehr Schade und ich bitte um Ihr Verständnis.“

Neutralität ist eine Haltung, die ich in den meisten Fällen akzeptieren kann. Man muss sich wirklich nicht zu allen Themenfeldern positionieren. „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten“, hat Dieter Nuhr mal gesagt. Es gibt aber auch Situationen, in denen ich Neutralität nicht akzeptieren kann: Wenn bei einem Theaterfestival, dass sich Multikulturalität ins Programm geschrieben hat, eine Regisseurin inszeniert, die Mahmut Ahmadinedschad besucht und sein klerikal-faschistes Mullah-Regime als „Land der Liebe“ bezeichnet, ist Neutralität fehl am Platz. Wenn eine Frau an dem Festival teilnimmt, die einen der größten Feinde des Multikulturalismus lobt, der Konvertiten verfolgen und Homosexuelle töten lässt, dann muss Stellung bezogen werden.

Rahim Fathi Baran spricht stattdessen lieber von einer „touristische Reise in den Iran“ und einem „Erinnerungsbild mit Ahmadinedjad.“ Eine dramatischere Verharmlosung ist kaum vorstellbar. Fikentscher beschreibt das Regime nämlich wie folgt:

“Gibt es ein Land, in dem die 30 Stunden-Woche mit sechs Stunden an fünf Tagen eingeführt ist? Gibt es ein Land, in dem jeder Mensch, ob Mann oder Frau, ob Baby oder Greis, ein bedingungsloses Grundeinkommen erhält? Gibt es ein Land, in dem auch die Tätigkeit der Frau in der Familie als vollwertige Arbeit honoriert wird? Gibt es ein Land, in dem das Prinzip der Vergebung einen hohen Rang hat, in dem betroffene Angehörige eine Tat – selbst Mord – vergeben können, um damit die Haft- oder Todesstrafe in eine Geldstrafe umzuwandeln? Gibt es ein Land, in dem die höchstgestellten Politiker Atomwaffen verurteilen? Das Land heißt Islamische Republik Iran. (…) Basis der Verfassung bilden die Werte der islamischen Religion.”

Gegen das, was sich Anneliese Fikentscher mit diesem Text erlaubt, ist alles, was ProKöln bisher veranstaltet hat, harmlos. Wenn ProKöln rechtspopulistisch ist, dann ist das hier rechtsradikal! Oder wie nennt man es, wenn ein Mensch einen Massenmörder und Holocaustleugner lobt, weil er all jene, die nicht aufbegehren und sich dem Diktat fügen (der Rest wird einfach verfolgt, inhaftiert oder gleich umgebracht), mit einer 30-Stunden-Woche und einem bedingungslosen Grundeinkommen belohnt?

Stellen wir uns also mal vor, ein paar Mitglieder der Bürgervereinigung ProKöln wären in den Iran gereist, um gute Mine zu Ahmadinedschads bösem Spiel zu machen. Was wäre dann wohl die Haltung der Alten Feuerwache gewesen? Ich kann es mir nur lebhaft vorstellen. Die Alte Feuerwache hätte sich quer gestellt! Im Fall der Anneliese Fikentscher jedoch glaubt der Vorstand, dass ein Bedauern reicht, wenn einzelne Mitglieder der Alten Feuerwache durch ihre Aktivitäten zur Unterstützung von Rechtsradikalismus, Antisemitismus und diffuser Verschwörungstheorien beitragen.“ Der Vorstandssprecher der Alten Feuerwache, Hans-Georg Lützenkirchen, nennt die ganze Angelegenheit sogar „Unnötige Aufregungen um die Alte Feuerwache!“

Ich jedoch rege mich auf, halte es für nötig und habe öffentlich erklärt, dass mir ein Bedauern des Vorstands nicht reicht. Dafür bin ich unter anderem als „Denunziant“ und „eitler Hexenjäger“ beschimpft worden, der „schweres Geschütz“ auffährt und die „gewachsenen Strukturen eines selbstverwalteten Bürgerzentrum verkennt“, ganz so, als sei meine Klage das Problem und nicht der Grund der Klage. Ich bleibe dabei: Ein Vorstand, der nichts gegen Nutzerinnen und Nutzer der Alten Feuerwache unternehmen kann, die wie Anneliese Fikentscher einen Holocaustleugner und faschistoiden Mörder freudig besucht, hat ein Problem!

Ein Problem besteht drin, dass der Vorstand mit seiner Unfähigkeit viele Sympathisanten der Alten Feuerwache in eine mehr als unangenehme Situation bringt. Navid Kermani ist immer als Freund und Unterstützer der Alten Feuerwache in Erscheinung getreten. Seine Worte für die Bürgervereinigung waren immer voll des Lobes:

„Als Kölner und zumal als Nachbar und regelmäßiger Besucher der Alten Feuerwache unterstütze ich das Vorhaben der Kulturbotschaft nachdrücklich. Es bietet eine großartige Chance, das Viertel und die gesamte Stadt mit noch mehr künstlerischen Impulsen und interessanten Menschen aus der ganzen Welt zu bereichern. Austausch und Inspiration entstehen nicht nur durch einzelne Besuche und Gastspiele – sie entstehen auch durch die Zufälligkeiten, die sich aus einem gemeinsamen Alltag ergeben.“

Navid Kermani ist offensichtlich ein Freund der Alten Feuerwache. Nun aber musste er sich selber ausladen, weil sich der Vorstand nicht in der Lage sah, Anneliese Fikentscher auszuladen. Wenn es zu den “gewachsenen Strukturen” der Alten Feuerwache gehört, die Arbeit von Anneliese Fikentscher unterstützen zu müssen, dann hat die Bürgervereinigung ein deutliches Problem mit ihren Strukturen.  Und wenn mein beharrliches Hinweisen auf dieses Problem als Verkennung, Denunzierung und eitle Hexenjagd gebrandmarkt wird, dann bitte.

„Ich habe Vertrauen in die Alte Feuerwache.“

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