Judith Butler – Was für eine Parodie

In früheren Jahren des Judenhasses gab es für Juden noch die Möglichkeit, der Verfolgung und Ermordung durch Konvertierung zum Christentum zu entkommen. Später, als das Judentum zur Rasse erklärt wurde, gab es für Juden keine Möglichkeit mehr, der Verfolgung und Ermordung zu entkommen. Für die Judenhasser waren Juden eine minderwertige Rasse, die es auszurotten galt. Aus Judenhass wurde Antisemitismus.

Ein Opfer dieser modernen Form des Judenhass‘ war der Philosoph Theodor W. Adorno. Er wuchs zunächst als katholisches Kind mit Taufe und Erstkommunion auf und entschied sich im jugendlichen Alter dazu, sich evangelisch konfirmieren zu lassen. Theodor W. Adorno war somit ein Christ. Die Nazis jedoch sahen das anders. Theodor W. Adorno war der Sohn eines jüdischen Vaters. Das reichte für die Nazis, um aus Adorno einen Juden zu machen, auch wenn er im jüdischen Sinne kein Jude war. Nur ein Mensch, der zum Judentum konvertiert oder eine jüdische Mutter hat, gilt nach der Halacha als Jude. Auf Adorno trifft beides nicht zu. Er war Christ.

Nicht aber für die Nazis. Nach ihren Nürnberger Rassegesetzen war Adorno ein Halbjude und musste verfolgt werden. Für Adorno blieb somit nichts als die Flucht. 1934 wanderte er nach Großbritannien aus, 1938 in die USA. Erst nach der bedingungslosen Kapitulation der Nazis und der Verabschiedung demokratischer Prinzipien kehrte Adorno 1949 nach Deutschland zurück und begann seine Lehrtätigkeit an der Frankfurter Universität, wo er zusammen mit Max Horkheimer an dem Wiederaufbau des Instituts für Sozialforschung richtungsweisend tätig war. Seit 1977 wird unter seinem Namen der Theodor-W.-Adorno-Preis verliehen. Am 11. September 2012 soll dieser Preis der Philosophin Judith Butler übergeben werden.

Somit werden wir am 11. September 2012 in Frankfurt am Main ZeugInnen des unglaublichen Moments werden, an dem ein Preis, der nach einem Mann benannt wurde, der lange Zeit in Deutschland als Akademiker boykottiert wurde, weil er einen jüdischen Vater hatte, an eine Frau verliehen wird, die zum Boykott von Akademikern aufruft, weil sie einen israelischen Pass haben. Judith Butler ist eine der prominente Aktivistinnen in der Campaign of Boycotts, Divestment and Sanctions against Israel (BDS). Innerhalb dieser Kampagne ruft sie ganz spezifisch zu einem Boykott aller akademischen und kulturellen Institutionen und Personen Israels auf, es sei denn, sie sprechen sich im Sinne der BDS Kampagne gegen die israelische Besatzungspolitik aus.

Judith Butler ist somit keine Antisemitin im modernen Sinne, da sie Israelis ja nicht als Rasse hasst, sondern ihnen immer noch die Möglichkeit der Bekehrung gibt. Zwar konzentriert sich ihr Blick zunächst auf Israel, sie verlangt schließlich von keinem Chinesen, Iraner oder Nord-Koreaner ein Bekenntnis gegen die eigene Regierung, aber sie gibt den israelischen Bürgerinnen und Bürger, die von der Sünde der israelischen Staatsbürgerschaft befallen sind, durchaus die Möglichkeit der Läuterung von dieser Sünde. Chinesen, Iraner und Nordkoreaner sind für Judith Butler zunächst einmal Menschen. Israelis aber sind erst einmal Israelis. Für die Akzeptanz bedarf es für Israelis zunächst noch eines Bekenntnis und Judith Butler ist die Täuferin.

Wenn das nicht schon eine mehr als denkwürdiger Aspekt dieser Verleihung ist, dann habe ich nich einen weiteren interessanten Aspekt: Die Verleihung an Judith Butler hilft, die Philosophie dieser Denkerin besser zu verstehen. Laut Judith Butler ist jegliche Form der Identität stets eine Performance, bei der es vielmehr darauf ankommt, was man tut (doing) und nicht so sehr darauf, was man ist (being). Judith Butler macht dabei keinen Unterschied zwischen kultureller oder geschlechtlicher Identität, denn alles ist für sie nur eine Frage der Performance. Sie spricht sich zum Beispiel bei der Geschlechterfrage für eine Verhaltensweise aus, die sie „gender parody“ nennt. Die Entlarvung vermeintlich naturgegebener Prinzipien als gesellschaftliche und politische Konstrukte durch die Spielerei der vernunftbegabten Identität. Für Judith Butler gibt es alles: den lesbischen Mann, die männliche Mutter und die frauenfeindliche Frau. Es kommt eben nicht darauf an, was mensch ist, sondern was mensch tut.

Nicht selten wird darauf hingewiesen, dass Judith Butler eine Frau und Jüdin ist. Für viele ist sie somit über jeden Zweifel der Anfälligkeit für Sexismus und Judenhass erhaben, aber genau diese Haltung widerspricht ja eben der ganzen Philosophie Judith Butlers, bei der es auf das Tun und nicht auf das Sein ankommt. So wie es frauenfeindliche Frauen als Auswuchs der Geschlechterparodie geben kann, so gibt es eben auch jüdische Israelhasserinnen als Auswuchs der Kulturenparodie und Judith Butler ist dabei die beste Parodie. Mit ihrem Präventivschlag, erstmal alle Israelis zu boykottieren, bis sie bewiesen haben, dass sie zum wahren Glauben konvertiert sind, erklärt sie Israel im Gegensatz zu allen anderen Ländern des Nahes Ostens zum einzigen Land der Region, das eine solche Sonderbehandlung verdient hat.

Sie ruft schließlich nicht zum Boykott vom Iran auf, obwohl dort Homosexuelle hingerichtet werden. Sie ruft auch nicht zum Boykott von Syrien auf, obwohl es die Regierung dort mit Frauenrechten nicht so genau nimmt. Sie ruft auch nicht zum Boykott des Libanons auf, obwohl der libanesische Minister Wiam Wahhab bei der WM 2010 gesagt hatte, er stünde auf der Seite der Deutschen, da sie die Juden verfolgt und verbrannt haben. Sie ruft erst recht nicht zum Boykott palästinensischer Akademiker auf, obwohl laut der Hamas-Charta alle Juden vernichtet gehören und der stellvertretende Minister für religiöse Stiftungen der Hamas sagt:

„Juden sind fremdartige Bakterien, sie sind Mikroben ohne Beispiel auf dieser Welt. Möge Gott das schmutzige Volk der Juden vernichten, denn sie haben keine Religion und kein Gewissen! Ich verurteile jeden, der glaubt, eine normale Beziehung mit Juden sei möglich, jeden, der sich mit Juden zusammensetzt, jeden, der glaubt, Juden seien Menschen! Juden sind keine Menschen, sie sind kein Volk. Sie haben keine Religion, kein Gewissen, keine moralischen Werte!“

Soweit wie dieser Minister geht Judith Butler natürlich nicht. Sie ist ja keine Antisemitin! Sie gibt schließlich noch allen Israelis die Möglichkeit der Schonung durch Läuterung. Sie hasst nur die Unbekehrbaren und Unverbesserlichen. So wie einst Juden durch das Bekenntnis zum Christentum und zur Schlechtigkeit des Judentums ihrer Verfolgung entkommen konnten, so lässt Judith Butler heute den Israelis die Möglichkeit durch das Bekenntnis zum BDS und zur Schlechtigkeit Israels der Verfolgung zu entkommen. Judith Butler ist somit keine Antisemitin im modernen Sinne, sondern nur eine Israelhasserin im Sinne des klassischen Judenhasses. Und das als Jüdin im jüdischen und als Frau im „biologischen“ Sinne. Wenn das mal nicht eine gelungenen Performance und Parodie ist. Dafür hat Judith Butler wahrlich einen Preis verdient.

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Mein Dank gilt Thomas von der Osten-Sacken für die ersten deutlichen Worte zu dieser Farce.

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