Ein olympischer Vorschlag

Es ist geschehen: Die Chinesin Ye Shiwen ist gestern bei ihrem Olympiasieg über 400 Meter Lagen nicht nur Weltrekord geschwommen, sie war auch streckenweise schneller unterwegs als ihre männlichen Kollegen und Schwimmstars Ryan Lochte und Michael Phelps aus den USA. Die Chinesin kraulte ihre finale Bahn in 28,93 Sekunden, Ryan Lochte brauchte bei seinem Olympiasieg kurz zuvor 29,10 Sekunden. Die vorletzte Bahn hatte Shiwen in 29,75 Sekunden zurück gelegt, für diese hatte Superstar Michael Phelps 29,88 Sekunden benötigt.

Für viele steht nun der Verdacht des Dopings im Raum. Da der Verdacht (bisher) jedoch nicht bestätigt wurde, steht für mich erst einmal fest, dass es durchaus möglich ist, dass eine Frau schneller sein kann als alle ihre männlichen Kollegen. Warum also tritt Ye nicht gleich gegen die Männer an?

Seit Jahren schon plädiere ich für die Abschaffung der erzwungenen Geschlechtertrennung im Sport und immer wieder kommen die gleichen Argumente. Das häufigste Argument besagt, dass Frauen nun mal nicht so sportlich seien wie Männer und dass Männer eben schneller, höher, weiter und kräftiger seien, weil das die Natur so wolle. Die Natur! Die Natur! Immer haben sie es mit der Natur. Eine Byzantinerin ist die Natur, redet dem, der gerade die Macht hat, zu Munde, oder gibt wenigstens immer die Antwort, die der Fragende erwartet. Was ist natürlich, was unnatürlich? Immer wenn ich dieses Natur-Argument höre, kontere ich mit dem gleichen Argument. Ich sage:

„Ist Dir schon mal aufgefallen, dass es beim 100 Meter Sprint der Männer fast nur schwarze Männer gibt? Irgendwas scheint da in der Natur zu sein, das schwarze Männer schneller macht als weiße Männer. Und? Soll es nun auch eine extra Klasse für weiße Männer geben? Nein! So wie es ganz selbstverständlich ist, dass alle Hautfarben gegeneinander laufen, selbst wenn es bedeutet, dass eine Hautfarbe öfter siegt als die Andere, so selbstverständlich sollte es auch sein, dass alle Geschlechter gegeneinander antreten, selbst wenn es bedeuten sollte, dass ein Geschlecht öfter siegt. Frauen getrennt von Männern antreten zu lassen und dies mit der Natur zu begründen, klingt für mich nach Paralympics? Die Paralympioniken sind zwar nicht so gut wie die Olympioniken, aber mitmachen sollen sie trotzdem! Wenn jedoch ein Paralympionike trotz seiner Behinderung so gut ist wie ein Olympionike, so darf er auch bei den Olympischen Spielen antreten. Dieses Jahr wird der Paralympionike Oscar Pistorius trotz seiner beidseitigen Beinamputation auch als Olympionike antreten. Warum sollte gleiches Recht nicht auch für Frauen gelten? Wenn es wirklich so sein sollte, dass Schwarze im Durchschnitt schneller sind als Weiße und Männer im Durchschnitt schneller als Frauen, dann ist das halt so! Aber so sicher, wie ich bin, dass der schnellste Mensch im Stadion jede Hautfarbe haben kann, so sicher bin ich auch, dass dieser Mensch jedes Geschlecht haben kann. Selbst wenn es nur eine Frau gibt, die besser sein kann als der beste Mann, so hat sie dennoch das Recht, gegen Männer anzutreten und, statt auf ihre vermeintliche Natur reduziert, auf ihr offensichtliches Talent konzentriert zu werden. Wir sollten es einfach versuchen. Wer weiß, vielleicht siegt ja doch mal eine Frau über einen Mann und wer weiß, vielleicht ist sie dann auch noch weiß.“

Ein anderes Argument besagt, Frauen würden im Kampf mit den Männern untergehen und in Folge nicht mehr gefördert werden. Dieses Argument halte ich für vollkommenen Quatsch. Das Gegenteil ist doch der Fall: In der jetzigen Situation gehen Frauen im Sport so gut wie unter und werden nicht im Ansatz so gefördert wie Männer. Man braucht zum Beweis dafür nur die Unterstützung des Mannerfußballs mit der Unterstützung des Frauenfußballs zu vergleichen. Die ersten Jahren spielen Kinder vielleicht noch gemeinsam im Team, aber irgendwann kommt die Trennung der Geschlechter und von dem Moment an beginnt eine hochspezialisierte Ausbildung der Jungen und ein Hobbytraining bei den Mädchen. Im Grunde kann jungen Frauen nichts Besseres geschehen, als mit Männern zu trainieren. So werden sie am Besten gefordert, gefördert, herausgefordert und zu Höchstleistungen getrieben. Im Sport spornt der Beste nämlich an und je besser der Beste, desto besser die Folgenden. Daher:

Liebe Damen und Herren des IOC,

Sie können die Frauenklasse gerne aufrecht erhalten, so lange Sie glauben, dass eine gesonderte Wertung der Menschen mit der besonderen Herausforderung der Weiblichkeit von Nöten ist, aber wie wäre es mit einem Kompromiss? Wie wäre es, wenn Sie in Zukunft einfach jeder Frau gestatten, selbst zu entscheiden, ob sie gegen Frauen oder Männer und Frauen antreten möchte? Wenn Frauen wirklich nicht so gute Leistung bringen können sollen wie Männer, dann gibt es keinen Grund, dass gemeinsame Kräftemessen zu verbieten. Etwas das nicht gebrochen werden kann, braucht nicht verboten werden. Nur Machbares wird verboten! Ich jedenfalls bin fest davon überzeugt, es ist machbar, dass sich Menschen jenseits ihrer Hautfarbe, Herkunft und ihres Geschlechts gemeinsam im Wettkampf messen können. Beenden Sie daher den Zwang zur Geschlechtertrennung. Eine Frau, die gegen Männer und Frauen antreten will, sollte dies dürfen! Keiner Frau darf es verboten werden, gegen Männer anzutreten. Wie heißt es doch in der 3. Regel der Olympischen Charta im Absatz 2:

„Jede Form der Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Geschlecht oder aus politischen und sonstigen Gründen ist mit der Zugehörigkeit zur olympischen Bewegung unvereinbar.“

Lassen Sie Ihren Worten Taten folgen.

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