Judith Butler, die Täuferin

Auf kaum einen Artikel habe ich so viele kritische Kommentare erhalten wie auch „Dear man with a sign“. In dem Artikel habe ich mich über folgendes Plakat aufgeregt:

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Mir ist die Form der Sippenhaft, die aus diesem Schild spricht einfach unverständlich.

Ich weiß, die Mörder vom 11. September 2001 haben sich alle auf ihren Allah und den Koran berufen,
Ich weiß, die Todesstrafe für Homosexuelle gibt es nur in Ländern, in denen der Islam herrscht,
Ich weiß, in manchen arabischen Ländern gibt es Straßen nur für Arier Muslime,
Ich weiß, in allen „judenreine“ Ländern herrscht der Islam,
Ich weiß, in Mekka darf keine Synagoge gebaut werden,
Ich weiß, die Talibanverbrecher, die Frauen elementare Menschenrechte absprechen, das Musizieren verbieten und kleinen Kindern Gesichter entstellen, berufen sich allesamt auf den Islam,

aber in Amerika gilt die Constitution of the United States of America und die geht von der Unschuldsvermutung aus. Kein Muslim ist schuldig für ein Verbrechen, das von anderen Muslimen begangen wurde, selbst wenn es die Mehrheit ist! Außerdem sagt die Verfassung, dass kein Gesetz erlassen werden darf, dass eine Religion fördert oder behindert. In Amerika herrscht Meinungs- und Religionsfreiheit. Natürlich kennt auch die Amerikanische Verfassung Grenzen. Keinem Moslem und keinem Mormonen ist die Polygamie erlaubt, egal was der eigene Glaube erlaubt. Auch der aktuelle Präsidentschaftskandidat und Mormone Mitt Romney durfte nur monogam heiraten. Aber keine staatliche Organisation darf ihm verbieten, ein Gotteshaus zu bauen.

Lieber Mann mit dem Schild in der Hand,

Was hätte dagegen gesprochen, diese Botschaft mit patriotisch stolz geschwellter Brust zu verkünden„You can built a mosque on Ground Zero even though we can’t built a synagogue in Mekka.“

Ich habe in Amerika gelebt, gearbeitet und studiert, ich habe die „Star Spangled Banner“ gesungen und die „Pledge of Allegiance“ gesprochen. Die Verfassung bedeutet mir alles. Ich orientiere mich an die Bill of Rights und nicht an die Scharia. Für Sippenhaft gibt es in der auf individuelle Rechte aufgebauten Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika keinen Platz.

Nicht wenige Nazis waren überzeugte Christen. Viele haben sich sogar auf den christlichen Religionsstifter Martin Luther berufen, der in seinem Werk “Von den Jüden und ihren Lügen“ folgendes schreibt:

“Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.”

In seinem “Handbuch über die Judenfrage” fordert Martin Luther sogar jene Dinge, die unter Hitler am Wannsee in Berlin zur deutschen Staatsräson wurde:

“Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.”

Der Holocaust war auch ein christlich Ding. Dennoch gibt es Kirchen in der Stadt Auschwitz!

Alle Muslime für das Verhalten einiger muslimischer Verbrecher zu bestrafen ist im amerikanischen Sinne vollkommen verfassungswidrig. Das heißt nicht, dass ich alle Muslime aus der moralischen Verantwortung nehme. Als vor genau zwanzig Jahren in Deutschland Asylantenheime brannten und Pogrome gegen Ausländer veranstaltet wurden, da erwarte ich von jedem Deutschen, sich zu diesen Taten zu verhalten, denn die Täter beriefen sich auf Deutschland. An Muslime erhebe ich den selben Anspruch, aber ich versage ihnen zu keiner Sekunde auch nur ein Recht, nur weil Verrückte glauben, im Namen des Islams zu handeln.

Außerdem: Im World Trade Center waren auch Muslime, die ermordet wurden. Muslime waren unter den Opfern der Anschläge und den Angehörigen und Glaubensgenossen kann und darf nicht das Recht auf Trauer und Gebet genommen werden.

Ich sehe keinen Unterschied zwischen dem Mann mit dem Schild in der Hand und dem grünen Politiker Christian Ströbele. Der eine will keine Moschee an Ground Zero, der andere will kein McDonalds in Berlin-Kreuzberg.

Auch Judith Butler reiht sich in die Gruppe derer ein, für die Sippenhaft eine Option ist, allerdings nur für eine ganz besondere Bevölkerungsgruppe. Wie ich, weiß auch Judith Butler von den Verbrechen, die im Namen des Islams von Staaten, Regierungen und Privatpersonen begangen werden. Eine kollektive Verurteilung aller Muslime lehnt sie wie ich ab. Wenn es jedoch um Israel geht, dann ist Sippenhaft für sie auf einmal machbar.

Im Gegensatz zu all den anderen Regimen im Nahen Osten ist Israel eine Demokratie. All die oben genannten Verbrechen, die im angeblichen Namen des Islams begangen wurden, wurden nie im Namen Israel begangen. Seit der Unabhängigkeitserklärung befindet sich Israel im Krieg mit Ländern, deren erklärtes Ziel es ist, Israel zu vernichten. Dennoch hält Israel an der demokratischen Verfassung fest. Ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte der Menschheit. Israel ist nicht perfekt, Israel macht Fehler, die kritisiert werden können, aber es gibt bei vergleichbarer Gefahr keine Nation, die es jemals besser gemacht hätte.

Dennoch, Judith Butler ist eine der prominentesten Förderinnen der Campaign of Boycotts, Divestment and Sanctions against Israel (BDS). So wie der Mann mit dem Schild keine Moschee in der Nähe von Ground Zero fordert, fordert BDS keine israelischen Professoren und Professorinnen an Universitäten, keine israelischen Produkte in Kaufhäusern, keine israelischen Gastensembles in Theatern und keinen Kontakt mit israelischen Intellektuellen. So wie Muslime die Sünde begehen, Muslime zu sein, begehen diese Israelis die Sünde, Israelis zu sein. So wie der Mann mit dem Schild in der Hand erst einmal etwas von allen Muslimen erwartet, bevor er bereit ist, ihnen Bürger- und Menschenrechte zu garantieren, so erwartet Judith Butler von Israelis, sich im Sinne der BDS Kampagne gegen die israelische Politik auszusprechen, bevor sie gleichberechtigt behandelt werden.

Judith Butler ist somit keine Antisemitin im modernen Sinne, da sie Israelis nicht als Rasse versteht, sondern jedem Israeli die Möglichkeit der Bekehrung gibt. In frühen Jahren des Judenhasses gab es für Juden noch die Möglichkeit, der Verfolgung und Ermordung durch Konvertierung zum Christentum zu entkommen. Erst später, als das Judentum zur Rasse erklärt wurde, gab es für Juden keine Möglichkeit mehr, der Verfolgung und Ermordung zu entkommen. Für die Judenhasser waren Juden eine minderwertige Rasse, die es auszurotten galt. Aus Judenhass wurde Antisemitismus. Judith Butler ist keine Antisemitin! Judith Butler gibt Israelis die Möglichkeit zur Bekehrung. Sie verlangt zwar von keinem Chinesen, Iraner oder Nord-Koreaner ein Bekenntnis gegen die eigene Regierung abzugeben, aber sie gibt den israelischen Bürgerinnen und Bürger, die von der Sünde der israelischen Staatsbürgerschaft befallen sind, durchaus die Möglichkeit der Läuterung von dieser Sünde. Chinesen, Iraner und Nordkoreaner sind für Judith Butler zunächst einmal Menschen, Israelis jedoch Israelis. Judith Butler, die Täuferin.

Judith Butler ist keinen Deut besser als all die Leute, die Muslime in Sippenhaft nehmen für furchtbare und grausame Taten einiger Muslime. Judith Butler jedoch nimmt nicht Muslime in Sippenhaft, sondern Juden und auch nicht für grausame und furchtbare Taten, sondern für politische Aktionen und Reaktionen, die durchaus kritisiert werden dürfen, aber in allen demokratischen Systemen bei ähnlicher Bedrohung vorkommen (würden). In Deutschland gilt jedoch: Für ein Verhalten, das wir verurteilen, wenn es Muslime betrifft, vergeben wir Preise, wenn es Juden trifft.

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