Kulturzeit: „Was gesagt werden muss“

Die Kulturzeit-Sendung vom 30. August 2012 hat einen Leser von Tapfer im Nirgendwo, der unter dem Namen Dante kommentiert, zu einer E-Mail an die Redaktion veranlasst, die im Betreff mit „Was gesagt werden muss“ überschrieben wurde. Der Brief wurde in Prosa formuliert und erhebt ausdrücklich nicht den Anspruch auf die Bezeichnung Gedicht. Tapfer im Nirgendwo präsentiert den Wortlaut der Mail:

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Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Interesse und leider auch wachsendem Verdruss habe ich Ihren Beitrag über die geplante Adornopreisverleihung an die US-amerikanische Philosophin Judith Butler gesehen, die wegen bestimmter Äußerungen zu Hamas und Hizbollah sowie ihrer Teilnahme am Boykott gegen Israel in der Kritik steht, bis hin zum Vorwurf des „Antisemitismus“ (ich verwende diesen von Judenfeinden für sich selbst ersonnenen Euphemismus ungern). Im Zusammenhang damit wurden im Beitrag einige jüdische Prominiente (Hannah Ahrendt, Alfred Grosser) erwähnt und dabei recht suggestiv gefragt, ob diese wegen ihrer israelkritischen Haltung gleichfalls „Antisemiten“ seien, und am Ende des Beitrages hieß es ebenfalls ziemlich suggestiv, ob man denn Israel überhaupt nicht kritisieren dürfe.

Dies reizt mich zum Widerspruch:

1. Zur Kritik an Israel und ob sie erlaubt sei: Es geht überhaupt nicht um erlaubt oder nicht erlaubt! Es geht darum, ob Kritik, die an Israel geäußert wird, berechtigt und fair ist. Auch einseitige und maßlose Kritik ist in einer freien Gesellschaft selbstverständlich erlaubt, auch Boykottaufrufe und Beteiligungen an Boykottaktionen sind es – ebenso, wie es erlaubt ist, zu behaupten, die Erde sei eine Scheibe. Ob jemand, der sich derart äußert, einen Preis verdient hat, steht jedoch auf einem völlig anderen Blatt. Es ist erlaubt, aber unfair, Israel allein die Schuld am Nahostkonflikt zu geben. Es ist erlaubt, zeugt aber von unglaublicher Ignoranz, Organisationen wie Hamas als soziale und progressive Bewegung und Teil der globalen Linken zu verherrlichen und ihre reaktionäre und explizit judenfeindliche Seite zu ignorieren. Die Freiheit, seine Meinung zu äußern, impliziert nicht den Anspruch, dies unwidersprochen zu tun, und sie impliziert nicht einmal den Anspruch darauf, für seine Äußerung keine ätzende Kritik zu ernten. Wer austeilt, und das hat Frau Butler getan, sollte auch einstecken können.

Übrigens gilt Meinungsfreiheit selbstverständlich auch für zionistisch eingestellte Menschen und auch für den ZdJ und seine Mitglieder einschließlich seiner höchsten Funktionäre.

2. Selbstverständlich ist keineswegs jeder, der Israel kritisiert, „Antisemit“, schon gar nicht, wenn er selbst Jude ist. Es kommt jedoch nicht allein darauf an, ob, sondern vor allem, wie man Israel kritisiert. Kritik an spezifischen politischen Entscheidungen ist eine Sache, die Infragestellung oder gar Antizionismus, also das Bestreiten seines Existenzrechts, ist eine andere. Wer dies tut, spricht dem jüdischen Volk das Recht auf den einzigen Staat ab, in dem Juden nicht auf das Wohlwollen nichtjüdischer Herren bzw. einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft angewiesen sind. Wer nun einwendet, die Juden seien doch eine Religionsgemeinschaft und Religionsgemeinschaften hätten üblicherweise keinen Staat, dem muss ich widersprechen: Die Katholiken z.B. haben sogar viele Staaten, denn es gibt viele Länder, in denen der Katholizismus Staatsreligion ist oder lange war.
wie folgt umzuformulieren:
Wer nun einwendet, die Juden seien doch eine Religionsgemeinschaft und Religionsgemeinschaften hätten üblicherweise weder einen eigenen Staat noch Anspruch auf einen solchen, dem muss ich widersprechen: Erstens sind die Juden im Unterschied zu Katholiken oder Muslimen sowohl Religionsgemeinschaft als auch Volk, und zweitens haben o.g. Religionsgemeinschaften sogar mehr als einen Staat, denn es gibt viele Länder, in denen sie Staatsreligion sind oder lange waren. Außerdem ist keine Religionsgemeinschaft über so lange Zeit zeitweise geduldet, zeitweise aber auch verteufelt und verfolgt oder schließlich zur „Rasse“ umdefiniert worden.

Frau Butler hat im Übrigen nicht nur Israel kritisiert, sondern sich positiv über eine Organisation geäußert, für die Judenmörder Helden sind und jeder, der Juden gegenüber nicht feindlich eingestellt ist oder gar mit ihnen Geschäfte macht, ein Verräter ist, der den Tod verdient. Sie sei missverständlich zitiert worden, sagt sie heute. Dann soll sie, wenn das keine Schutzbehauptung ist, doch bitte detailliert darlegen, wie sie das genau gemeint hat. Ihre Rede anlässlich der Preisverleihung wird ihr zweifelsohne eine ideale Gelegenheit dafür bieten. Ich bin auf das Äußerste gespannt.

3. Das Stilmittel des Zweifels daran, dass man Israel überhaupt kritisieren dürfe, ist eigentlich typisch für eine ganz bestimmte Sorte „Israelkritiker“, nämlich solche, die nicht ein gutes Haar am jüdischen Staat zu lassen pflegen. Es ist diffamierend, weil es jeder Gegenkritik vorwirft, Zensur zu sein, obwohl sie in Wahrheit die Wahrnehmung der eigenen Meinungsfreiheit (s. letzter Satz von 1.) ist. Es mag sie vielleicht sogar geben, die Auschwitz-Keule, mit der Israelkritik mundtot gemacht werden soll, aber ganz gewiss gibt es die Auschwitzkeulen-Keule, mit der Israel-„Kritiker“ gelegentlich versuchen, Israelkritik-Kritiker mundtot zu machen oder als Freiheitsfeinde zu diffamieren. Einer Kultursendung von Qualität, für die ich Kulturzeit durchaus halte, ist diese Rhetorik nicht würdig.

In der Hoffnung, dass diese Kritik als Anregung und Denkanstoß aufgenommen wird, verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen,

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