Variationen aufs Taubenvergiften

Kennen Sie Tom Lehrer?

Er ist ein Musikkabarettist aus Amerika und hat einige bedeutende Werke der musikalischen Satire geschrieben. Zu seinen bekanntesten Liedern gehören:

Who’s next

National Brotherhood Week

Vatican Rag

Sein bekanntestes Lied allerdings dürfte „Poisoning Pigeons in the Park“ sein.

Dieses wunderbar böse Lied hat zwei deutschsprachige Ausnahmekünstlerinnen dazu motiviert, jeweils eine eigene Variation zu schrieben. Die erste Ausnahmekünstlerin in ein Mann. Seine Variation ist die deutlich bekanntere von beiden. Sein Name ist Georg Kreisler und das Lied heißt: „Tauben Vergiften“

Die zweite und leider viel weniger bekannte Variation ist von meiner hoch geschätzten Kollegin Sarah Hakenberg. Ich habe sie das erste Mal in einer Kunst gegen Bares kennengelernt und mich gleich in sie verliebt. Sarah Hakenberg führt das Singen und Schreiben böser Lieder und Geschichten fort. Es ist eine wahre Freude, dieser phänotypischen Unschuld beim Verbreiten ihrer Gemeinheiten zuzuhören. Ihre Variation zu Tom Lehrers Lied heißt: „Hündchen lynchen in München“

In der Ansage zu ihrem Lied erwähnt Sarah zwar leider nicht Tom Lehrer, aber sie weiß um Tom Lehrers Original. Die Sendezeit auf dem Bayrischen Rundfunk war jedoch zu begrenzt, um solch ein großes Fass aufzumachen. Außerdem ist es nun mal so: In Deutschland geht die Mehrheit davon aus, wenn sie überhaupt schon mal von Tom Lehrer gehört hat, dass das Original von Georg Kreisler stammt. So ist es manchmal eben: Es ist der Sieg der Kopie über das Original. Es gibt da einige Beispiele.

Von wem zum Beispiel glauben Sie stammt der Satz: „Freedom is just another word for nothing left to lose.“ Janis Joplin? Nein. Kris Kristofferson! Oder, von wem kommt das Lied „Nothing compares to you“. Sinead O’Connor? Nein. Prince! Oder, von wem stammt das Zitat „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.“ Heinrich Heine? Nein. William Shakespeare! In „The Merchant of Venice“ betritt Antonio die Bühne und sagt: „In sooth, I know not why I am so sad!“

Heine hat Shakespeares Satz jedoch außer Frage hervorragend übersetzt. Das muss man auch Georg Kreisler lassen: Tom Lehrers Lied vom Taubenvergiften hat er genial übersetzt. Es kann als eigenständiges Werk gelten. Tom Lehrer sagte einst in einem Interview über Georg Kreisler:

„Kreisler, ja, George Kreisler, sein deutscher Name ist Georg. Er ist ein Wiener Künstler, der zwei meiner Lieder gestohlen hat. Er hat jedoch seine eigenen Melodien. Bei „Poisoning Pigeons in the Park“ nutzt er nicht meine Melodie. Es ist nicht mein Lied. Da kann ich wirklich nichts machen. Ich meine, was soll’s! Die Idee ist nur gleich. Ich kann nicht genug Deutsch, um es ganz zu verstehen, aber die Idee ist die selbe. Aber es ist ein Walzer; es ist die selbe Liedart. Und tatsächlich, als ich mal rüber flog, da dachten sie, dass ich von ihm gestohlen hätte. Ich hatte einmal die Möglichkeit bei einem Auftritt in einer Fernsehshow dort, in der ich aufgetreten bin, ihn zu sticheln, was mir sehr gefallen hat. Anstatt ihn anzuschreien oder zu kritisieren, sagte ich nur, dass ich mich bei George Kreisler bedanken möchte, meine Lieder der deutschen Öffentlichkeit bekannt gemacht zu haben.“

Das ist wahrhafte Größe. Sie erinnert mich ein wenig an die Größe der Menschen von New Jersey, die bisher recht gelassen geblieben sind bei der Art und Weise, wie sich New York mit den fremden Federn der Freiheitsstatue schmückt, obwohl sie auf Liberty Island steht und diese Insel deutlich auf dem Gebiet von New Jersey ist und eben nicht zu New York gehört. Die Freiheitsstatue selbst ist zwar New Yorkerin, weil die Gebäude auf der Insel von New York verwaltet werden, aber die Insel selbst ist Grund von New Jersey. Die Freiheitsstatue steht somit nicht in New York sondern in New Jersey! Aber was soll’s? Man muss auch gönnen können!

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Mein Dank gilt Daniel Austerfield bei der Hilfe der Übersetzung.

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