Ist Pippi Langstrumpf rassistisch?

Diese Frage stellte schon vor knapp zwei Jahren der Nachrichtensender n-tv und schrieb:

„Wenn Pippi Langstrumpf in dem gleichnamigen Buch ihren Vater den „Negerkönig“ nennt, macht das Kaisa Ilunga sauer: Der Ausdruck sei rassistisch, sagt er. Der Mann aus dem Kongo lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Der Schwarze ist Mitglied im Bonner Integrationsrat. Der Verlag Friedrich Oetinger hat die Wörter „Neger“ und „Zigeuner“ 2009 zwar aus dem Werk von Astrid Lindgren gestrichen und nennt Pippis Vater jetzt den „Südseekönig“. Aber: In rund 70 alten Exemplaren in der Stadtbibliothek Bonn ist immer noch die Rede vom „Negerkönig“ oder von Pippi der „Negerprinzessin“.“

Mit der Familienministerin Kristina Schröder hat die Debatte jetzt neuen Aufwind bekommen. In einem Interview mit der Zeit sagte Schröder, wenn Pippi Langstrumpfs Vater als „Negerkönig“ bezeichnet werde, dann werde sie dies bei ihrer Tochter „synchron übersetzen, um mein Kind davor zu bewahren, solche Ausdrücke zu übernehmen. Auch ohne böse Absicht können Worte ja Schaden anrichten. Wenn ein Kind älter ist, würde ich dann erklären, was das Wort ‚Neger’ für eine Geschichte hat und dass es verletzend ist, das Wort zu verwenden.“

Mittlerweile wurde in der deutschen Übersetzung das Wort „Negerkönig“ durch „Südseekönig“ ausgetauscht. Dabei wird jedoch ganz außer Acht gelassen, dass es eine Figur in der Geschichte ist, die das Wort „Negerkönig“ benutzt. Pippi Langstrumpf nimmt das Wort in den Mund. An einer Stelle sagt sie:

„Meine Mutter ist schon lange tot. Mein Vater ist ein Negerkönig. Eines Tages kommt er und holt mich. Dann werde ich eine Negerprinzessin. Heihopp, was wird das für ein Leben!“

An anderer Stelle wird Pippi Langstrumpf sogar noch deutlicher:

„Wie kannst du überhaupt verlangen, dass ein kleines Kind mit einem Engel als Mutter und einem Negerkönig als Vater immer die Wahrheit sagen soll? Übrigens will ich euch verraten, dass es in Nicaragua keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag.“

Das ist purer Rassismus! Es ist aber der Rassismus, der aus Pippi Langstrumpf spricht. Diesen Rassismus nun gegen den Willen der Autorin aus einer Figur ihrer Romane zu schneiden, ist so skandalös, als würde man verlangen, Jago in Shakespeares „Othello“ dürfe seinen General nicht mehr als „Mohr“ bezeichnen.

Astrid Lindgren hat sich zu Lebzeiten gegen eine Ersetzung des Worts „Negerkönig“ gewehrt. Sie wollte einfach nicht, dass ihre Pippi glattgebügelt wird. Astrid Lindgren ist nämlich eine Autorin, die mehr zu bieten hat als schlichte schwarz-weiß Malerei. Astrid Lindgren hat deutlich komplexere Charaktere geschaffen, als manch eine Leserin wahr haben möchte. Ihre Figuren sind Menschen mit guten und schlechten Seiten, an denen man sich nicht nur reiben kann, sondern reiben muss. Pippi Langstrumpf ist neben all den bewunderswerten Eigenschaften, die sie besitzt, ein Mädchen mit Brüchen. Im Gegensatz zu einer anderen Romanfigur von Astrid Lindgren, nämlich Ronja Räubertochter, gelangt Pippi Langstrumpf nicht zu der Erkenntnis, dass ihr Vater, so sehr sie ihn auch liebt, auf mehr als unmoralische Art und Weise zu seinem Reichtum gelangt.

Ronja Räubertochter lehnt sich gegen ihren Vater auf, Pippi Langstrumpf nicht!

Pippi Langstrumpf ist eine Figur, die von Astrid Lindgren ganz bewusst als tendenziös rassistisch gezeichnet wurde. Pippi Langstrumpf hat zum Beispiel für manche Völker, die zu ihren Gunsten von ihrem Piratenvater beraubt und geplündert werden, nur Worte der Verachtung übrig. Ihr Reichtum, von der Villa bis zum Pferd, ist das Resultat der Unterdrückung und Ausbeutung ihres Vaters und aus genau diesem Umstand erwächst auch ihre Anarchie. Pippis Freiheit ist somit im Grunde das Resultat des imperialistischen Gehabes ihres Vaters. Das sie diese Ungerechtigkeit nicht erkennen will und doch schon spürt, wird an dem letzten Satz klar, den sie im letzen Roman spricht: „Niemals will ich werden groß.“ Pippi Langstrumpf ist erst 9 Jahre alt und sie will es bleiben! Sie will ihre Privilegien genießen wie ein Kind, ohne erkennen zu müssen, aus welcher brutalen Ungerechtigkeit sie entstammen.

Pippi Langstrumpf ist also auch eine Metapher für Europa. Als Leser frage ich mich, woher kommen eigentlich meine Freiheiten? Gab und gibt es nicht auch in meiner Zeit noch genug Ungerechtigkeiten auf der Welt und fußt nicht gerade auch meine Freiheit, die Freiheit Europas, auf eine nicht hinnehmbare Unterdrückung und Ausbeutung anderer Menschen ferner Länder? All diese Fragen stellen sich mir bei der Lektüre von Pippi Langstrumpf, aber nur, wenn Pippi so verbleibt, wie sie von ihrer Autorin gedacht war.

Astrid Lindgren hat mit Pippi Langstrumpf eine Heldin verfasst, aber eben eine gebrochene Heldin, die nicht dazu taugt, uneingeschränkt verehrt zu werden.

Astrid Lindgren hat ihre Leserinnen und Leser immer ernst genommen, auch und gerade weil sie größtenteils Kinder sind. Der Oetinger Verlag jedoch zieht es vor, Kinder zu bevormunden. In den neuen Übersetzung spricht Pippi nicht mehr von ihrem Vater als „Negerkönig“ sondern als „Südseekönig“, ganz so, als hätten die Völker der Südsee ganz freiwillig diesen skandinavischen Piraten zum Herrscher.

Der Oetinger Verlag hat somit in schier skandalöser Art und Weise ist die Kunstfreiheit einer Autorin eingegriffen und eine Figur in einem Roman glattgebügelt. Aus einer Figur, die mit rassistischen Gedankenmustern verdrängt, dass ihre Freiheit auf Piraterie und Ausbeutung fußt, hat der Verlag ein Mädchen reinen Gewissens gemacht. Pippi Langstrumpf wurde vom Oetinger Verlag von einer gebrochenen Heldin zu einer reinen Heldin gepimpt und hat so dafür gesorgt, dass die unmoralischen und rassistischen Hintergründe von Pippi Langstrumpfs Freiheiten auf einmal ein bißchen weniger verwerflich erscheinen.

Das ist der eigentliche Rassismus!

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20 Antworten zu Ist Pippi Langstrumpf rassistisch?

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  2. Gaby schreibt:

    Das ist alles Quatsch. Pippi Langstrumpfs Vater hat seinen Reichtum weder als Pirat erworben – weil er keiner ist. Jedenfalls nicht in dem Buch. Er ist Kapitän der Hoppetosse. Das Buch ist in den 1940er Jahren verortet. Das gab es keine Piraten.
    Pippi Langstrumpfs Vater ist auch nicht als „Negerkönig“ reich geworden. Jedenfalls stammt Pippis Gold nicht aus dem Staatsschatz ihres Vaters von Taka-Tuka. Sie WEISS nämlich gar nicht, dass er dort König ist. Sie erträumt sich das. Erst viel später in den Büchern stellt sich heraus, dass sie Recht hatte.
    Und das ist er nicht geworden, weil er irgendjemanden feindlich erorbert hat, sondern weil die Taka-Tukaner ihn dazu gemacht haben, als er nach einem Schiffbruch an Land gespült wurde.

    Pippi ist nicht wie ihr Vater über Bord geweht worden. Sie ist von der Besatzung des Schiffes ihres Vaters nach Schweden gebracht worden. Weil dort das Haus steht, dass ihr Vater für später gekauft hat. Sie hat einen Koffer voller Goldstücke von Bord mitgebracht. Woher der stammt, darüber kann man spekulieren. Aber nirgends steht, dass es gestohlenes Geld ist. Und ganz klar ist es NICHT von der Taka-Tuka-Insel.

    Mich nervt das, dass Leute Texte über ein Buch schreiben, dass sie nicht richtig kennen, und daraus falsche Schlüsse ziehen.
    Buch und Film sind hier in keiner Weise identisch. Im Film gibt es übrigens überhaupt keinen Negerkönig – weder in Pippis Fantasie noch in echt. Und auch da ist ihr vater nicht Pirat, sondern wird von Piraten gefangen genommen. Schon wieder so ein Unterschied.

    Beschäftigt euch doch erst mal mit den Quellen, bevor ihr interpretiert!

  3. Albert schreibt:

    Selbst unser Bundesregierung fühlt sich nicht durch den Vergleich mit Pippi Langstrumpf beleidigt, sondern geehrt! Also von Rassismus keine Spur:

    http://www.focus.de/politik/deutschland/bundestagswahl-2013/gesangseinlage-von-andrea-nahles-kanzleramt-bedankt-sich-fuer-pippi-langstrumpf-vergleich_aid_1098372.html
    Zitat (auszugsweise)
    Linke will wissen: Wie findet die Kanzlerin Pippi Langstrumpf?
    Auf diese Einlage hin stellte die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann eine Anfrage an das Kanzleramt: „Wie steht die Bundesregierung zu dem seitens der Abgeordneten Andrea Nahles in ihrem melodischen Redebeitrag geäußerten Vorwurf, es gebe Parallelen zwischen dem Agieren der Bundesregierung und den Handlungsabsichten und Verhaltensweisen der Figur Pippi Langstrumpf?“

    Die Anfrage liest sich genauso ungewöhnlich wie sich Nahles‘ Gesang anhörte. Staatsminister Eckart von Klaeden antwortete jetzt ebenso ironisch auf die ungewöhnliche Anfrage von Zimmermann. „Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf hat in der Bundesregierung viele Fans“, schreibt Klaeden in dem Brief, aus dem die SZ zitiert.

    Staatsminister Klaeden zitiert Wikipedia
    „Im deutschen Wikipedia-Eintrag heiße es zutreffend, Pippi Langstrumpf vereinige „viele Eigenschaften in sich, die sich Kinder wünschen“. So habe sie ein eigenes Pferd, lebe allein in einem eigenen Haus, der Villa Kunterbunt, und sei „sehr mutig“.

    Pippi Langstrumpf gelte außerdem als „literarisches Vorbild für die Frauenbewegung und den Feminismus“, zeige das Buch doch ein Mädchen, das mit der „gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrolle bricht“.

  4. Eitan Einoch schreibt:

    Das, was momentan in Deutschland aus gutmenschlichen Motiven mit literarischen Werken passiert, ist Zensur! Selbst Axel Hackes „Neger Wumbaba“ wird angegriffen.

    Siehe: http://www.focus.de/kultur/buecher/absurde-rassismus-vorwuerfe-gegen-autor-neger-wumbaba-wie-axel-hacke-beschimpft-wurde_aid_900532.html

    • Aristobulus schreibt:

      Die nehmen alles wortwörtlich und wollen nicht zwischen den Buchstaben lesen, rufen nach Schemata, Richtlinien und nach hundert Prozent schon beim Köpfen des Frühstückseis. Auch ’ne Form von Irrsinnigkeit

  5. andreask schreibt:

    zunaechst a) machtkritische und antirassistische Intentionen Lindgrens, falls vorhanden, koennten auch ohne rassistische Begriffe transportiert werden. Das Weisungsrecht darueber haben von Rassismus Betroffene. b) Es steht stark zu bezweifeln, dass Lindgren ihrer Figur bewusst rassistische, negative Eigenschaften in Divergenz ihres eigenen Weltbildes andichtete. Pippis Eigenschaften sind Korrelate europaeischer Stereotypisierungen, die auch unter Sozialdemokraten dieser Zeit weit verbreitet waren. Lindgrens Geschichten sind von diesem Rassismus durchdrungen, das allein laesst sich mit Sicherheit sagen. Hier vielleicht ein Text der dies, auch wenn ich mit der Benutzung des Wortes ‚dunkelhaeutig‘ nicht einverstanden bin, thematisiert:

    http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachwandel/2011-08-08/pippi-langstrumpf-negerprinzessin-und-uebersetzungsproblem/page/2

    • Aristobulus schreibt:

      „Das Weisungsrecht darueber haben von Rassismus Betroffene.“
      Nein, ein ‚Weisungsrecht‘ über fiktionale Bücher kann es nicht geben. Zumal jeder von Rassismus betroffen sein kann, ein Jude in Magdeburg, ein Magdeburger in Schanghai, selbst ein blonder Norweger im tiefsten Jamaica.

      Debatten darüber finden statt. Fußnoten konnte es geben, kritische Ausgaben. Jedoch mehr (etwa Verbote oder Streichungen) darf nicht sein.

  6. Azadeh Sepehri schreibt:

    Ich bin der Meinung, man sollte ein Werk nicht überinterpretieren. Das heutige Bewusstsein gegenüber Rassismus war in dieser Form zu jener Zeit gar nicht vorhanden. Auch Menschen, die Rassismus verabscheut haben, haben oft, ohne sich darüber bewusst zu sein, rassistisch „gehandelt“. (Was auch heute noch nicht selten vorkommt.)

  7. Eliyah schreibt:

    Danke für den Text! Ich konnte mich als Kind auch nicht mit Pippi identifizieren, eher mit ihren kleinen biederen Freunden. Jetzt verstehe ich warum.

  8. Pingback: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

  9. Jana schreibt:

    Als Kind habe ich Pippi Langstrumpf geliebt, gleichzeitig aber auch gedacht, dass sie einige unsympathische Eigenschaften hat. Welche genau das sind, konnte ich damals nicht benennen. Erst im Erwachsenenalter wurde ich auf den, nennen wir es mal kolonialistischen Beigeschmack aufmerksam gemacht, welcher der Geschichte um ihren Vater anhaftet. Erst dachte ich, das wäre dem naiven Geist der Zeit geschuldet, in der das Buch geschrieben wurde; darauf, dass die Autorin mit voller Absicht gehandelt haben könnte, bin ich nicht gekommen.
    Interessanter Text!

  10. Eitan Einoch schreibt:

    Lieber ehrlicher Rassismus als falsche Toleranz!
    Da weiß man wenigstens, woran man ist.

    • anti3anti schreibt:

      Ehrlicher Rassismus? Astrid Lindgren, Schwedin und Sozialdemokratin, darf Rassistin sein, ohne als solche bezeichnet zu werden.

      • Eliyah schreibt:

        Wer sagt denn, dass Astrid Lindgren Rassistin ist? Sie hat ihrer Romanfigur Rassismus in den Charakter geschrieben. Das ist ja fast so, als würde man Quentin Tarantino vorwerfen er wäre ein Nazi, weil er in Inglourious Basterds Hans Landa so ausgezeichnet in Szene setzt.

        • Eitan Einoch schreibt:

          Ich habe nirgends behauptet, Astrid Lindgren sei Rassistin. Um das zu beurteilen, bin ich definitiv der Falsche. Dafür kenne ich die Autorin zu wenig. Ich sagte lediglich, dass mir ehrlicher Rassismus lieber ist als falsche Toleranz. Mir sind Menschen, offen ihre Meinung sagen, auch wenn ich diese nicht teile oder gar verurteile, lieber, als Schauspieler, die sich, um den Anschein der politischen Korrektheit zu wahren, als wahnsinnig tolerant aufspielen. Lieber echte Feinde als falsche Freunde!

  11. abusheitan schreibt:

    „Pippi Langstrumpf wurde… zu einer reinen Heldin gepimpt .“

    Nach bisher unbestätigten Gerüchten plant der Oettinger-Verlag, Pippi in Pimpi Langstrumpf umzubenennen, da es den deutschen Kindern aus pädagogischen Gründen nicht zuzumuten sei, dass eine Kinderbuchheldin mit dem volkstümlichen Ausdruck für Urin benannt werde.

  12. wollecarlos schreibt:

    „Das ist der eigentliche Rassismus!“

    Vielleicht! Nein Sicher!
    Aber vor allem ist es DUMMHEIT,
    Dummheit dieser Frau im Ministeramt.
    Dummheit dieses Verlages.,

Seid gut zueinander!

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