Unverkrampfte Augsteinkritik

Die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner hat im Zusammenhang mit der Debatte um den Publizisten Jakob Augstein einen „unverkrampften Umgang mit Israel“ gefordert.

Noch unverkrampfter? Israel ist in Deutschland das am meisten kritisierte Land. Kritik an Israel ist in Deutschland nicht nur möglich sondern Mainstream. 65% sind laut einer durch die WELT am 4.11.2003 veröffentlichen Umfrage der EU der Meinung, dass Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden darstelle. 65% in Europa finden Israel somit bedrohlicher als sämtliche national-islamistischen Diktaturen. Im Jahr 2004 stimmten bei einer Umfrage der Landeszentrale für politische Bildung 38,4 % der in Deutschland Befragten sogar der Aussage zu: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“ 38,4 % haben Verständnis für Judenhass. Wieviel unverkrampfter soll es denn bitte noch werden? Wenn das die deutsche Verkrampfung ist, was passiert dann erst, wenn sich die Deutschen locker machen?

Der Umgang mit Israel ist wahrlich unverkrampft genug. Wie wäre es stattdessen mal mit einen unverkrampften Umgang mit Augstein? Wer ihn kritisiert läuft nämlich Gefahr von einer Keule erschlagen zu werden. Aber dazu später. Hier erst einmal ein paar Zitate von Jakob Augstein.

„Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.“ (Spiegel)

Zu diesem Zitat hat Matthias Küntzel vollkommen geschrieben: „Jakob Augstein bringt damit nicht nur jüdische Strippenzieher ins Spiel, die „unsere“ Politik klammheimlich bestimmen. Gleichzeitig wird mit dem Verb „sich beugen“ auch das aus der Weimarer Zeit berüchtigte Bild des „Erfüllungspolitikers“ evoziert: Der Jude kommandiert, der Deutsche kuscht. Das ist nicht, wie Augstein seine Spiegel-Rubriken überschreibt, „Im Zweifel links“, sondern „Im Zweifel rechtsradikal“; ein Slogan, der weniger einem Möllemann, als einem Jörg Haider eingefallen wäre, eine Hetze, wie sie ansonsten Mahmoud Ahmadinejad formuliert.“ Jakob Augstein sagt:

„Israel bekommt das, was es will. Und dafür muss Israel nicht einmal zahlen.“ (Spiegel)

„Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“ (Spiegel)

Man höre und staune: “Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“ Jakob Augstein hat mit diesem Satz durchaus die Chance, der Martin Luther der Grass-Exegese zu werden, denn wie bei Martin Luther so ist auch das Verhältnis von Jakob Augstein und Günter Grass zu Juden leicht gestört. Der neue Grassismus hat begonnen! Jakob Augstein sagt:

„Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.“ (Spiegel)

Malte Lehming hat sich die Mühe gemacht, diesen Satz einmal zu ubersetzen: „Israel will in einen Krieg ziehen und bedient sich dazu der jüdischen Lobby in Amerika und instrumentalisiert das deutsche schlechte Gewissen wegen des Holocausts.“ Es ist gerade zu faszinierend, woran Jakob Augstein alles glaubt. Laut Jakob Augstein könnten sogar die Ausschreitungen über den Film „The Innocence of Muslims“ auf die jüdische Weltverschwörung zurückgeführt werden:

„Kann man sich vorstellen, dass der kriminelle Kopte, der sich das vermutlich im Gefängnis ausdachte und seine Crew ohne ihr Wissen dafür missbrauchte, in anderem als im eigenen Auftrag handelte? Zumindest traut man den Fundamentalisten im Lager der US-Republikanern und in der israelischen Regierung zu, die unerwartete Schützenhilfe politisch auszunutzen – was sie auch tun.“ (Spiegel online)

Wenn man all dies liest, packt man sich über folgenden Satz von Harald Martenstein an den Kopf: „Von Jakob Augsteins Antisemitismus lässt sich sagen, dass er aus Kritik an der Siedlungs- und Besatzungspolitik der israelischen Regierung besteht.“ Dieser Satz ist wie die angeführten Beispiele zeigen eine reine pure Lüge! Warum lügt Harald Martenstein? Die Antwort hat er vermutlich selbst gegeben: „Ich will auch auf die Antisemktenliste.“ Alan Posener schreibt dazu auf Facebook:

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Jakob Augstein Kritik besteht aus viel mehr und hat die Grenze zum Ressentiment nicht selten überschritten. Matthias Küntzel hält fest: „Seine Israeldarstellung ist von antisemitischen Stereotypen geprägt, etwa wenn er die israelische Politik in einem einzigen Kommentar gleich viermal mit dem „Gesetz der Rache“ in Verbindung bringt; wenn er den israelischen Streitkräften die gezielte Tötung von Kindern unterstellt („Ein 13-jähriger palästinensischer Junge soll vor einer Woche beim Fußballspielen von einem israelischen Helikopter aus erschossen worden sein.“) oder wenn er den Gaza-Streifen mit einem KZ assoziiert („1,7 Menschen hausen da, zusammengepfercht. … Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager.“) Es ist eben nicht so, dass sich Augstein „kritisch mit der israelischen Politik beschäftigt“, wie der Digitalchef des SPIEGEL, Mathias Müller von Blumencron, schreibt. Sondern Augstein unterstellt, dass Israel „an Frieden … kein Interesse“ hat und akzeptiert anschließend nur noch das, was in dieses Wahrnehmungsmuster passt. Weil Israel keinen Frieden will, „brütet“ es sich in Gaza „seine eigenen Gegner aus“; weil Israel keinen Frieden will, „will (es) gar nicht beweisen, … dass Iran eine Bombe baut“; weil Israel keinen Frieden will, setzt es seit 44 Jahren seine Interessen „ohne Rücksicht auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ durch; weil Israel keinen Frieden will, gehe eine „nukleare Bedrohung, … von Israel für den Nahen Osten aus. Keine dieser Behauptungen ist belegt, eine ist absurder und verleumderischer als die andere. Gleichzeitig wird der regionale Kontext, den jeder Politiker in Israel stets zu gegenwärtigen hat, so gut wie vollständig ignoriert.“

Bei solchen Aussagen sollte Augsteinkritik eigentlich kein Problem sein, aber die Realität sieht anders aus. Julia Klöckner zum Beispiel warnte im Spiegel davor: „Wer inflationär die Keule des Antisemitismus-Vorwurfs auspackt, ist dann nicht mehr glaubwürdig, wenn es wirklich darauf ankommt.“

Inflationär? Wer behauptet, Israel stelle die Gefahr für den Weltfrieden dar, führe die Regierungen der Welt am Gängelband und könne ohne Umständen von Jerusalem aus die Berliner Regierung zum Kuschen bringen, ist mit dem neunten Platz der antisemitischer Verunglimpfungen des Jahres noch gut bedient. Dennoch formiert sich eine Breite Allianz für Jakob Augstein, in der selbst Harald Martenstein nicht vor Lügen zurückschreckt. Als Sündenbock hat diese Allianz Henryk M. Broder auserkoren. Er ist der Schuldige. Mit Jakob Augstein aber muss man Mitleid haben. Mina Tendelsohn von zulturkeit auf 3hungrig fragt aber:

“Muss man Mitleid haben mit Jakob Augstein? Ein Mann, der sich unwohl fühlt, sich wähnt in einem Land voller Philosemiten und Judenfreunden. Ein anderes Bild hält er, offenbar, nicht aus. Nichts, aber auch gar nichts darf normaler werden. Da stand immer Augsteins spitze Feder vor. Eine Waffe, sein Antisemitismuskeulenvorwurf, blieb haften. Warum ist er ein armer Mann? Weil es ihn bedrückt, hier zu leben? Er erzählte mir in einem Berliner Cafe, wie er versuchte Günter Grass zu verteidigen. Er stellte sich zur Verfügung als Mühlstein der Israelkritik. Ist er mit seinen Anwürfen gegen Israel zu weit gegangen? Augstein hat überdreht. Eine Chronologie der Augstein-Wiesenthal-Debatte.”

Ja, Mine Tendesohn hat Recht! In Deutschland läuft man nicht ständig Gefahr, einen Antisemitismusvorwurf zu bekommen, wenn man Israel kritisiert, im Gegenteil: 65 % aller Europäer kritisieren fröhlich und unbekümmert Israel. In Deutschland läuft man jedoch sehr wohl Gefahr, wenn man Antisemitismuskritik betreibt. Dann nämlich bekommt man aller Orten den Antisemitismuskeulenvorwurf um die Ohren gehauen. So wird Antisemitismuskritik nachhaltig unmöglich gemacht.

Die Frage ist daher nicht, ob man in Deutschland Israel kritisieren kann, sondern ob man in Deutschland Augstein kritisieren darf. Was Henryk M. Broder gerade wegen seiner Kritik an Jakob Augstein einstecken muss, hat selbst der antisemitischste Israelkritiker in Deutschland noch nie einstecken müssen. Auf Facebook gibt es mittlerweile sogar eine Seite mit dem Titel „Schiebt Broder nach Israel ab“.

Im Tagesspiegel behauptet Harald Martenstein: „Der Mensch, den Broder nicht für einen der zehn schlimmsten Antisemiten der Welt hält, muss nämlich erst noch geboren werden.“ Christian Bommarius von der Frankfurter Rundschau sagt sogar: „Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft“.

Das Simon Wiesenthal Center zeichnet Jakob Augstein mit einem Negativpreis aus und die Presse in Deutschland schießt sich auf Henryk M. Broder ein. Als vor zwei Jahren Thilo Sarrazin in der Top Ten der Negativliste auftauchte, da wurde kein Sündenbock gesucht. Als aber im Jahr darauf ein Massenmörder in Norwegen mordete, da schossen sich die deutschen Medien ebenfalls auf Broder ein. Den Vogel schoss schon damals Christian Bommarius ab. Er schreib: “Henryk M. Broder ist – neben Thilo Sarrazin – die lauteste Stimme der Islamophobie in Deutschland, aber keineswegs die einzige. Der Antiislamismus als Ressentiment, wie er sich in der Mitte der deutschen Gesellschaft herausgebildet hat, ist nicht zum Geringsten Broders Verdienst.”

Jakob Augstein bekommt einen Negativpreis des Simon Wiesenthal Center. Wer ist Schuld? Broder! In Norwegen mordet ein Wahnsinniger. Wer ist Schuld? Broder!

Ich muss gestehen, mir bereitet dieses Phänomen Sorge. In einem Land, in dem es nicht als antisemitisch gilt, Gaza als ein Lager zu bezeichnen, ist es ein unverzeihliches Verbrechen, einen Journalisten wie Jakob Augstein als Antisemiten zu bezeichnen. Ich tröste mich aber mit der Gewissheit, dass irgendwann in der Zukunft, wenn Historiker auf diese Debatte zurückblicken werden, die Aussagen Augsteins wieder in den Mittelpunkt treten. Dann nämlich werden viele denken: „Au Backe, Jakob Augstein hat ja schlimmere Dinge von sich gegeben als Thilo Sarrazin.“ Heute ist es dafür aber noch zu früh, weil Jakob Augstein mit seiner die Grenze zum Ressentiment manchmal überschreitenden Kritik an Israel mehrheitsfähig ist. Broder nicht!

Zum Schluss kann ich es eigentlich nur ganz unverkrampft auf diese einfache Aussage bringen:

Wer behauptet, Israel sei die größte Gefahr für den Weltfrieden, sollte sich nicht wundern, wenn er es damit in die Top Ten der Antisemiten schafft. Jakob Augstein jedenfalls ist gefährlicher für Juden als Israel für den Weltfrieden!

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