Was hätte Georg Kreisler dazu gesagt?

Diese Karikatur zierte am 6. August 2013 die Titelseite der Stuttgarter Zeitung:

Netanjahu sitzt auf einer Parkbank und ist dabei, eine Friedenstaube zu vergiften. Dazu trällert er Georg Kreislers Lied vom Taubenvergiften. Auf der Karikatur hat Netanjahu einen Davidstern auf der Brust, damit auch jeder weiß, für wen er steht. In diesem Fall ist der Stern blau.

In finsteren Zeiten wurden Juden als Brunnenvergifter bezeichnet. Heute werden sie als Friedensvergifter verunglimpft. Die Stuttgarter Zeitung macht es möglich. Was hätte wohl Georg Kreisler dazu gesagt, dass ein Lied von ihm dazu benutzt wird, eine Karikatur zu bezeichnen, die einen Juden als Friedensvergifter darstellt?

„Die Berichterstattung in den deutschen Zeitungen über den Nahen Osten aber ist doch nahe am: Haut den Juden! Es hat gerade heute wieder einer in der »Basler Zeitung« einen Artikel geschrieben, in dem er die Palästinenser gleichsetzt mit den Juden in der Hitlerzeit. Und das ist einfach falsch. Es wohnen genügend Palästinenser in Israel, die sagen, sie leben lieber in Israel als in einem arabischen Staat, denn in Israel gibt es mehr Demokratie. Und Palästina war nie ein Staat, das darf man nicht vergessen. Wenn sie jetzt einen Staat verlangen, so ist das etwas Neues. Ich bin nicht dagegen, dass sie einen Staat haben, nur gegen die Art und Weise, wie sie einen Staat zu erzwingen versuchen. Man soll nicht vergessen, dass die Palästinenser lange Zeit auf die Auslöschung des Staates Israel hingearbeitet haben und heute immer noch viele darauf hinarbeiten.

Offensichtlich fällt es uns hier schwer, von einer historischen Situation für sich und nicht von einer Metapher für uns selbst zu sprechen. Immer geht es da um so eine klammheimliche Schadenfreude: Die Juden haben auch ihre Juden. Die Juden sind selber Faschisten und so weiter. Und dabei sehen wir, ich weiß nicht ob Sie uns da recht geben, eine fatale Tendenz, dass sich dabei auch die Begriffe umdrehen lassen, wie zum Beispiel all die Formen des ästhetischen und rhetorischen Widerstands, »Provokation«, »Tabuverstoß«, »Subversion« links verschwunden sind und dafür rechts und sehr rechts wieder auftauchen. Toleranz ist dabei nur noch ein Mantel für die imaginäre Mitte.“

Das sagte Georg Kreisler im Jahr 2002 in einem Interview mit der konkret.

Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, die Stuttgarter Zeitung hat Georg Kreisler nicht instrumentalisiert, sie hat ihn geschändet.

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