Wahlkampfgetöse

Der Wahlkampf hat begonnen und schon plärrt es aus allen Ecken: „Das ist doch nur Wahlkampfgetöse!“ Ja, ist es. Und ich liebe das Getöse. Es gefällt mir, den Angestellten dabei zuzuschauen, wie sie bei uns um eine Verlängerung ihres Arbeitsvertrags buhlen. Das ist Demokratie. Mehr Stolz, Ihr Bürgerinnen und Bürger!

Das Wort Demokratie stammt von dem griechischen δῆμος [dēmos], „Volk“ und κρατία [kratía], „Herrschaft“ und bedeutet somit: “Herrschaft des Volkes”. Das Wort Populismus wiederum kommt vom lateinischen populus und bedeutet: Volk.

Wenn populus Volk heißt und Demokratie „Herrschaft des Volkes“, warum hat dann der Populismus einen so schlechten Ruf?

Der Duden erklärt in der 21. Auflage den Begriff Populismus als opportunistische Politik, die die Gunst der Massen zu gewinnen sucht. Jeder Wahlkampf in einer Demokratie zeichnet sich genau dadurch aus. Parteien und Kandidatinnen versuchen, Mehrheiten zu gewinnen. Sie versuchen eine so große Masse zu erreichen, wie sie nötig ist, um eine Regierung zu bilden. Das ist Demokratie! Was also verleiht dem Populismus seinen schlechten Ruf?

Als Populismus wird im allgemeinen Sprachgebrauch eine Politik bezeichnet, die Unzufriedenheit, Ressentiments, Ängste und aktuelle Konflikte ausdrückt und demagogisch instrumentalisiert, indem sie Gefühle anspricht und einfache Lösungen vorstellt. Statt für Demokratie steht Populismus also für Instrumentalisieren und einfache Lösungen anbieten. Woher kommt diese Definition?

Das Volk hat ein Recht darauf, Unzufriedenheit und Ängste zu artikulieren. Das sind Bürgerrechte! Die Politik hat die Verpflichtung, darauf einzugehen. Das ist noch kein Populismus im negativen Sinne! Es gibt auch guten Populismus. „Wir sind das Volk“ rief 1989 die Vox populi der elitären Schicht zu und löste so die erste erfolgreiche Revolution für Freiheit in Deutschland aus.

Der aktuelle Wahlkampfslogan der SPD lautet: „Das WIR entscheidet.” Vielleicht liegt hier der Unterschied?

Das Wir gegen Wir

Das kleine Wörtchen „das“. Es sind nur drei Buchstaben, ein Artikel, ein Begleiter, ein grammatisches Formativ, zudem das Neutrale und doch macht es all den Unterschied. Wenn das Wir nämlich entscheidet haben wir die Fresse zu halten. Wir stören!! Wo das Wir entscheidet, entscheiden wir nicht. Wir haben das Nachsehen. Das Wir entscheidet, was gut für uns ist. Wir dürfen zahlen, was sich das Wir ausgedacht hat. Wir bekommen verboten, was dem Wir nicht in den Kram passt. Wir bekommen verordnet, was sich das Wir für uns überlegt hat. Das Wir kümmert sich und wir müssen uns fügen. Und das Wir hat ein verdammt gutes Gewissen dabei!

All die Individuen mit ihren Eigenheiten verschwinden. Aus “wir sind” wird: “Das Wir ist”. Es ist die Unterwerfung der Vielfalt unter dem Diktat des “das Wir”. Das ist eine Form des Populismus‘ bei der auch ich sage: Da mache ich nicht mit!

Ich bin ein Theatermensch. Ich mag es, wenn wir gemeinsam Theater erleben. Ich bin ein Familienmensch. Ich mag es, wenn wir zusammen Familienfeste feiern. Ich bin ein geselliger Mensch. Ich mag es, wenn wir uns treffen und Zeit verbringen. Ich bin ein sozialer Mensch. Ich mag es, wenn wir uns gegenseitig helfen. Ich liebe es, wenn ich im wir sein kann, wenn wir uns wohl fühlen, wenn wir füreinander da sind, wenn wir offen bleiben.

Wenn wir aber zu einer Masse werden, wenn wir uns verschließen, abschotten, erheben, wenn wir uns einen Artikel geben, ein „das Wir“ werden, dann wird mir unwohl. Das ist Populismus im negativen Sinne.

Aber am Ende sind auch die Plakate und Slogans der SPD nur Wahlkampfgetöse – genau wie meine Reaktion darauf! Und wie sagte ich schon ganz zu Anfang:

„Ich liebe das Getöse. Es gefällt mir, den Abgestellten dabei zuzuschauen, wie sie bei uns um eine Verlängerung ihres Arbeitsvertrags buhlen. Das ist Demokratie. Mehr Stolz, Ihr Bürgerinnen und Bürger!“

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