Jude, Asiate, Türke – Die Nachfrage steigt

Vor 13 Jahren lud N24 Henryk M. Broder ein, zusammen mit Cem Özdemir über Rechtsradikalismus zu reden. Da Henryk Broder im Umgang mit Medien schon damals deutlich besser war als Philipp Rösler heute, präsentiert Tapfer im Nirgendwo heute den Briefverkehr von damals. Dieser Briefverkehr zwischen Broder und der Redaktion von Koschwitz bietet nämlich bereits alle nötigen Antworten auf den desaströsen journalistischen Totalausfall der Redaktion der taz im Interview mit Philipp Rösler.

Tapfer im Nirgendwo bedankt sich besonders bei Henryk M. Broder dafür, dass er sich noch dreizehn Jahre nach dem Briefverkehr an eben jenen erinnern kann.

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Sehr geehrter Herr Broder,

hätten Sie eventuell Zeit und Interesse, am Montag, den 4.9. zusammen mit Cem Özdemir an der Aufzeichnung einer „Koschwitz“-Sendung zum Thema Rechtsradikalismus teilzunehmen? (Herr Özdemir kommt am Montag von einer Reise nach Auschwitz zurück.

Das Konzept: 35 Minuten Redezeit, kein Studiopublikum, 1 bis 2 Gäste. Bei „Koschwitz“ kommen Sie ausführlich zu Wort. In einer persönlichen, konzentrierten Gesprächssituation werden Zusammenhänge und Hintergründe beleuchtet.
Der Moderator: Thomas Koschwitz wurde einem breiten Fernsehpublikum durch seine RTL Late-Night gekannt; davor moderierte er jahrelang beim Hessischen Rundfunk. Die Sendung „Koschwitz“ läuft seit 10. April 2000 auf N24.
„Koschwitz“ wird täglich Mo-Do gesendet und mehrfach wiederholt – hinzu kommen Statements in den Nachrichten von N24 / Pro Sieben / Kabel 1. Das Studio liegt zentral zwischen Deutschem Theater und Friedrichstadtpalast. Die Aufzeichnung dauert, inkl. Vorgespräch und Maske, ca. eine Stunde.

Wenn Sie Interesse haben (und auch wenn Sie kein Interesse haben!), freue ich mich über Ihren Rückruf – wenn Sie es einrichten könnten, möglichst schon heute vormittag.

Mit herzlichen Grüßen,
Matthias Grau
CvD N24 / Koschwitz

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herzlichen dank für ihre einladung zu „koschwitz“.

das konzept und den moderator kenne ich. nun wäre ich ihnen noch sehr dankbar, wenn sie mir darüber hinaus erklären würden, warum sie herrn özdemir und mich in der sendung haben möchten und wie ich den hinweis auf die auschwitz-reise von herrn özdemir verstehen soll. muss man, um über rechtsradikalismus reden zu können, vorher in auschwitz gewesen sein?

für eine rasche antwort zu diesen beiden punkten wäre ich ihnen sehr verbunden. ich werde mich dann umgehend bei ihnen melden und ihnen sagen, ob ich teilnehmen mag oder nicht.

mit vielen grüßen,
Broder

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Sehr geehrter Herr Broder,

viele Dank für die rasche Antwort. Nein – man muss nicht in Auschwitz gewesen sein, um über Rechtsradikalismus reden zu können. Aber es hilft wahrscheinlich, das Thema in seiner ungeheuren historischen Dimension zu begreifen (soweit das überhaupt möglich ist).

Warum Sie und Özdemir: man mag es für eine willkürliche Kombination halten, ich weiß auch – offen gestanden – nicht, wie Sie zu Özdemirs Positionen stehen. Was Sie m.E. Gemeinsam einbringen könnten: die ganz persönlichen Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus, die Ursachenanalyse und das Nachdenken über mögliche Lösungen – aus der Perspektive des Politikers und des Publizisten.

Auch wenn Sie dieser Ansatz so nicht überzeugen sollte, würden wir uns freuen, Sie bei Gelegenheit zu dieser Sendung begrüßen zu können.

Mit freundlichen Grüßen,
Matthias Grau
CvD N24 / Koschwitz

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sehr geehrter herr grau,

vielen dank für ihre antwort auf meine anfrage. ich möchte nicht kleinlich erscheinen und sie nicht unnötig aufhalten, dennoch wäre es hilfreich, wenn sie zwei punkte präzisieren könnten.

warum laden sie zu einer solchen diskussion einen türken und einen juden ein, die im übrigen ebenso deutsche sind wie sie und herr koschwitz (will ich zu ihren gunsten mal annehmen)? fühlen sie und herr koschwitz sich von ausländerfeindlichkeit nicht bedroht oder zumindest belästigt?

glauben sie nicht, dass es allmählich an der zeit wäre, dass sich die arische volksgemeinschaft des problems annimmt, anstatt es zuerst auf dem rücken der türken und der juden auszutragen und dann dieselben türken und juden zu bitten, „ursachenanalyse“ zu leisten und „über mögliche lösungen“ nachzudenken?

für ein klärendes wort wäre ich ihnen sehr verbunden.

mit besten grüßen
Broder

p.s. falls sich herr özdemir übers wochenende aus auschwitz bei ihnen melden sollte, richten sie ihm bitte einen herzlichen gruß von mir aus verbunden mit der anregung, auf dem rückweg mal in guben, cottbus und rathenow vorbei zu schauen, um die aktuelle dimension des rechtsradikalismus zu begreifen.

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Sehr geehrter Herr Broder,

auch wenn Sie das vielleicht langweilig finden: ich bin Ihrer Meinung: es wäre etwas schlicht, zu diesem Thema einfach einen Türken oder einen Juden einzuladen. Wir laden auch keine Arier ein. Wir laden Leute ein, mit denen es zu reden lohnt. Leute, die mit Scharfsinn und Eloquenz ausgestattet sind.

Wie möchten mit zwei Deutschen u.a. darüber reden, dass eine verquere Öffentlichkeit immer noch so tut, als wären eben diese beiden doch ein bisschen weniger deutsch und ein bisschen sehr exotisch, bloß weil der eine türkische Eltern hat und vielleicht auch Moslem ist und der andere Jude. Der dritte in der Gesprächsrunde – käme sie zustande – hieße Koschwitz und ist übrigens auch Deutscher. Und nimmt sich eben deshalb dieses Thema sehr zu Herzen. Auch wenn er sich persönlich vielleicht nicht bedroht fühlt. Ich dachte, der ganze völkische Murks ist der Kern des ganzen Wahnsinns. Dass Sie gefragt werden: „warum leben Sie nicht in Israel, als Jude“. Ich dachte, das genau ist Ihr Thema. (Denk ich immer noch).

Wir wollen klar Stellung beziehen. Wir können auch irgendwas anderes senden. Wollen wir aber nicht. Und wir werden Fragen zu diesem Thema auch noch vielen anderen Gästen stellen, die wir in diesem Herbst erwarten. Ob das nun Klaus Bresser ist, Roger Willemsen oder Reich-Ranicki. Der ist nun wieder Jude. Aber deshalb laden wir ihn nicht ein.

Sie würden wir auch gerne mal einladen. Mit oder ohne Özdemir. Einfach als Broder. Das ist schon spannend genug.

Herzliche Grüße!
Matthias Grau

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sehr geehrter herr grau,

nein, ich finde es nicht langweilig, ich finde es nur mal wieder aufschlussreich. rein zufällig und ohne sich dabei etwas zu denken, laden sie einen türken und einen juden ein, so wie die brandenburger und mecklenburger glatzen rein zufällig und ohne sich dabei etwas zu denken, „fidschis“ und „nigger“ klatschen, weswegen die polizei hinterher „nach allen richtungen“ ermittelt und einen „fremdenfeindlichen hintergrund“ nicht von vorneherein unterstellen mag. sie wollen über eine „verquere öffentlichkeit“ diskutieren (lassen), das blöde an diesem vorsatz ist nur, dass sie es sind, der die verquere haltung verkörpert. ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal gefragt wurde, warum ich als jude nicht in israel leben würde. sie sind seit mindestens zehn jahren der erste, der mir diese frage stellt, rein zufällig und ohne sich etwas dabei zu denken, im namen einer imaginären verqueren öffentlichkeit.

darf ich ihnen im gegenzug eine andere frage stellen: warum leben sie eigentlich in deutschland? warum sind sie (und herr koschwitz) noch nicht emigriert? nur weil sie beide hier geboren wurden? das ist im zeitalter der globalisierung nicht grund genug. das wäre mein thema, über das wir reden könnten. derweil geb ich ihnen einen guten rat: senden sie etwas anderes.

schabbat schalom
Broder

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Dem kann sich Tapfer im Nirgendwo nur anschließen, allerdings an die taz gerichtet etwas abgewandelt: „Ich geb Ihnen einen guten Rat: Drucken Sie etwas anderes.“

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