Heiteres zur Pogromnacht von der Badischen Zeitung

„Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen.“ Diesen Satz schrieb Kurt Tucholsky 1931. Besonders außer sich können deutsche Karikaturisten geraten. Wenn sie ihre Federn gegen Juden schwingen, warum tun sie es nur, dann machen sie eine Pause für das Gehirn und jonglieren mit alten Bildern und ewigen Stereotypen. Den ersten Platz aller Vorurteile nimmt dabei das Bild vom giftmischenden Juden an.

Eine Karikatur der Stuttgarter Zeitung vom 6. August 2013 zum Beispiel zeigte Netanjahu auf einer Parkbank, wie er dabei ist, eine Friedenstaube zu vergiften. Dazu trällert er Georg Kreislers Lied vom Taubenvergiften. Die Karikatur war so geschmacklos, dass die Tochter Kreislers sofort eine Stellungnahme veröffentlichte.

Am 9. November 2013, am Gedenktag der Pogromnacht von 1938, entschied sich die Badische Zeitung für das Veröffentlichen einer Karikatur, die einen Juden zeigt, wie er sich Gift besorgt. Zu sehen war Netanjahu, der seinen Blick auf eine Friedenstaube richtet, die wie eine Schnecke Richtung Genf und einer „Iran-Atom-Lösung“ schleicht, während er in sein Handy spricht: „Ich brauche Taubengift und Schneckenkorn!“

Man kann zu der Karikatur stehen wie man will, aber sie am 9. November zu veröffentlichen, an dem Tag, an dem 1938 vom nationalsozialistischem Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich stattfanden, bei denen über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört wurden, begleitet von einem deutschen Mob, der unter anderem vom Karikaturen aus dem Stürmer aufgepeitscht wurde, die Juden nicht selten als Giftmischer darstellten, zeugt bestenfalls von einer dramatischen Unkenntnis um die deutsche Geschichte, im schlechteren Fall von hemmungsloser Geschmacklosigkeit oder im schlimmsten Fall von Vorsatz. Der Zeichner Haitzinger jedenfalls hat das Datum stolz auf seine Karikatur gemalt: „2013 9. XI“

Mir fehlen die Worte!

Tapfer im Nirgendwo zitiert daher einen Kommentar, der am 13. November 2013 von Rainer David Früh verfasst wurde und unter der Karikatur zu finden ist:

„Großartig!!! Jetzt habt Ihr es den Juden mal wieder gezeigt! Steckt doch offensichtlich in (fast) jedem Zeitungskarikaturisten ein stürmerischer, völkischer Beobachter, der die Juden ermahnt, nicht rückfällig zu werden. Aber ich weiß: Das hat selbstverständlich nichts mit Antisemitismus zu tun, nönö. Dass Juden „Friedenstauben und -schnecken“ vergiften hat ebensowenig mit Antisemitismus zu tun, wie die schon lange feststehende Tatsache, dass sie Brunnen vergiften. Badener, Ihr könnt stolz sein auf Eure Presse!“

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