Angriff auf jüdischen Demonstranten in Hamburg

Ein Augenzeugenbericht von Alexei Pavlovic.

Am Freitag, dem 20. Juni fand ein deutschlandweiter Flashmob unter dem Motto #BringBackOurBoys statt. Dabei sollte Aufmerksamkeit auf die Entführung der drei israelischen Jungen Eyal Nifrah (19), Naftali Frenkel (16) und Gilad Shaer (16) gelenkt und Solidarität bekundet werden. Auch in Hamburg wurde von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft eine Mahnwache am Jungfernstieg organisiert. Wir waren ca. 35 Teilnehmer, verteilten Handzettel und hielten Fahnen und selbstgebastelte Schilder und Transparente hoch.

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Trotz des ernsten und traurigen Anlasses war die Stimmung am Anfang recht ausgelassen. Kaum 10 Minuten nach dem Beginn der Mahnwache tauchte ein erster Gegendemonstrant auf: ca. 60 Jahre alt, schmuddeliges Aussehen und laut haolam.de wohl regelmäßig mit antiisraelischen Parolen in der Fußgängerzone anzutreffen. Er hatte eine anscheinend häufiger getragene und ausgeblichene Weste mit der Aufschrift ”Boycott Apartheid Israel” an, trug ein Pappschild mit der Botschaft “Israel entführt Kinder täglich” und spazierte vor uns auf und ab.

Unser ältester jüdischer Demonstrant (86) ging daraufhin auf den “Mahner” zu, um mit ihm den Inhalt seiner Plakate kritisch zu besprechen. Das war ein Fehler: der Angesprochene fing unvermittelt an, den Mann an den Kleidern zu zerren, schleuderte ihn auf den Boden, riss ihm die Brille vom Gesicht und ließ sie anschließend auf der Straße zerschellen, auch nach der Tochter des alten Mannes, die ihrem Vater helfen wollte, trat der Angreifer aus. Ich bin dem Verletzten, der nicht selbstständig vom Boden aufstehen konnte, sofort zur Hilfe geeilt und habe, zusammen mit seiner Tochter und seiner Enkelin, erste Hilfe geleistet. Währenddessen ist eine weitere Gegendemonstrantin zu uns gelaufen und hat die Tochter aggressiv beschimpft und körperlich bedrängt. Der alte Mann hatte mehrere blutige Kratzer in der linken Gesichts- und Vorderkopfhälfte und starke Schmerzen in der linken Hüfte, so dass er sein Bein nicht belasten konnte. Deswegen musste ein Rettungswagen gerufen werden, laut haolam.de befindet sich der Mann immer noch im Krankenhaus (Stand 21.6, 11:00).

Es wurde Strafanzeige erstattet und die Polizei musste die auf inzwischen 15 Menschen angewachsene Gegendemonstration auffordern, einen größeren Abstand zu uns einzunehmen.

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Durch den plötzlichen Gewaltausbruch waren wir alle in sehr aufgewühlter Stimmung, einige waren ganz aufgelöst und haben geweint. Der Rest der Mahnwache verlief friedlich und ohne weitere Zwischenfälle, nach ca. 1,5 Stunden war die Demonstration vorbei.

Ich hoffe, der alte Mann wird schnell wieder auf die Beine kommen. Melden Sie sich bei mir, falls Sie das lesen, ich wüsste gern, wie es Ihnen ergangen ist. Ich hoffe auch, dass Eyal, Gilad und Naftali so schnell wie möglich unversehrt wieder zuhause sind!

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Bildnachweis: Waldemar Pabst
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Nachtrag: Mittlerweile gibt es ein offizielles Statement der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, dem sich Tapfer im Nirgendwo nur vollumfänglich anschließen kann:

„Das Junge Forum der DIG Hamburg sowie Hamburg für Israel e.V. verurteilen diese antisemitische und damit politisch motivierte Straftat und fordern Polizei und Staatsanwaltschaft auf, diese mit allem Nachdruck zu verfolgen. „Wir erwarten übrigens, dass diese politisch motivierte Gewalttat gegen einen friedlichen Demonstranten auch in den Hamburger Verfassungsschutzbericht Eingang findet“, sagt Dinslage. „Bemerkenswert ist übrigens, dass dieses offen rassistische Delikt von Linken begangen wurde. Wir sind deshalb neugierig, wie der Verfassungsschutz den Angriff einstufen wird. Denn ATTAC bewegt sich hier auf braunem Terrain.“

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Nachtrag II: Mittlerweile gibt es einen weiteren Augenzeugenbericht von aro1, der auch sehr lesenswert ist:

„Mehrere vorbeikommende Jugendliche, um die 15 Jahre, schätze ich, die man in der Zeitung wohl mit „südländisch“ oder „mit Migrationshintergrund“ charakterisieren würde, boten sofort ihre Hilfe an, fragten, ob wir ein Handy bräuchten, um ggf. einen Krankenwagen zu rufen, wollten dann wissen, was passiert war:

„Aber einen alten Mann schlägt man doch nicht?!“, stellten sie wiederholt fest, und fragten noch mal dezidiert nach: „Also ihr, und der alte Mann, ihr steht da wegen der entführten Schüler? Und die dort sind dagegen?“

Es interessierte sie überhaupt nicht, dass die verschleppten Schüler Israelis und Juden sind, auch der Konflikt interessierte sie nicht, das spielte keine Rolle:

Eine alten Mann schlägt man nicht, Schüler entführt man nicht, und wenn jemand Hilfe braucht, geht man nicht weiter, sondern bietet Hilfe an.

Eine kleine Geschichte am Rande, die mich sehr gerührt hat.“

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