Die Macht des Gebetes

Ein Gastbeitrag von Nathan Warszawski.

Wirken Gebete? Und wenn sie wirken, wirken sie in die gewünschte Richtung?

Allein das gemeinsame Beten erbringt eine Wirkung. Das Überleben der Religionen über Jahrtausende hinweg reicht als Beweis aus. Das gemeinsame Beten bestärkt das „Wir“. Zu bestimmten Zeiten vereinigen sich Hunderttausende, gar Millionen Pilger, um gemeinsam zu beten.

Auch das stille Beten allein bietet Trost und Stärke und hilft, schwierige Aufgaben zu bewältigen.

Diese Macht bezeichnet man als indirekte Macht der Gebete. Die direkte Macht des Gebetes wäre die Erhörung des Gebetes durch das höhere Wesen, meistens Gott, an dem das Gebet gerichtet ist. Atheisten werden die direkte Macht des Gebetes abstreiten. Auch viele Theisten fühlen sich bei dem Gedanken nicht wohl, dass Gebete erhört werden. Ist Gott dazu verpflichtet, Gebete zu erfüllen? Ist er dazu fähig?

Wenden wir uns zunächst der indirekten Macht der Gebete zu. Derzeit werden die Juden Israels aufgefordert, öffentlichen zu beten, auf dass die drei entführten Jugendliche wohlbehalten zu ihren Familien zurückkehren. Auch einige Juden außerhalb Israels schließen sich diesem Gebet an. Die Solidarität unter den Juden tröstet die Eltern der entführten Kinder und verleiht den israelischen Soldaten, die nach den Kindern suchen, eine moralische Stärke. Würden die entführten religiösen Jugendlichen von den gemeinsamen Gebeten erfahren, so wird es ihnen sicherlich eine Hilfe sein, ihr Unglück leichter zu ertragen. Sollten die Entführer religiöse Muslime sein, die das gemeinsame Beten der Juden beherzigen, so besteht die Hoffnung, dass sie die Kinder freilassen, zumindest nicht quälen. Das gemeinsame Beten stärkt auch das Wir-Gefühl der Juden und erstickt entstehende Gedanken der Rache an Araber.

Es ist davon auszugehen, dass ein großer Teil der betenden Juden an die direkte Macht der Gebete glaubt.

Auch wenn die Zahl der Betenden in Israel die Hunderttausend überschreitet, ist von einem weltweiten Einfluss dieser Gebete außerhalb Israels nicht auszugehen. Hier hat sich ein anderes, ähnliches Ereignis zumindest kurzzeitig in das Gedächtnis der Menschheit festgesetzt. Ein hervorragendes gemeinsames Beten hat nicht wegen seiner Quantität, sondern wegen seiner Qualität weltweit die Zeitungen mit Schlagzeilen gefüllt. Es ist das gemeinsame Gebet für den Frieden, speziell im Nahen Osten, zu dem der römische Papst den Präsidenten des Staates Israel, Schimon Peres, und den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, Anfang Juni 2014 nach Rom in die Gärten des Vatikans eingeladen hat.

Warum hat der Papst die beiden Präsidenten eingeladen? Kurz zuvor hat der Papst auf seiner Pilgerreise im Heiligen Land neben Jordanien die Palästinensischen Autonomiegebiete und Israel besucht. Schon dort hat er sich für ein gemeinsames Gebet mit den politischen Kontrahenten eingesetzt, welches nicht realisiert worden ist. So kam er auf die hervorragende Idee, das Treffen in Rom auf neutralem, etwas weniger heiligem Boden, zu arrangieren.

Warum schlägt der Papst ein gemeinsames Gebet vor?

Neben hausinternen Sorgen, die ihm seine Vorgänger überlassen haben und ihn plagen, fühlt sich der Papst für den Frieden in der Welt verpflichtet. Er hofft zurecht, dass ihm religiöse Erfolge helfen werden, kommende Probleme erfolgreich anzugehen. Auch wenn der Friedensnobelpreisträger Peres der höchste Vertreter des einzigen Judenstaates ist, sind Peres und Abbas keine anerkannten religiösen Führer. Beide Präsidenten sind die höchsten Repräsentanten ihrer miteinander zerstrittenen Völker. Für einen frommen Menschen wie den Papst ist das gemeinsame Beten mit einem Juden und einem Muslimen ein wichtiger Schritt in Richtung Frieden.

Warum haben Peres und Abbas dem Treffen zugestimmt?

Beide Präsidenten sind überzeugte Atheisten, was nicht bedeutet, dass sie in der Not nicht an Gott glauben. Peres hat aus politischem Kalkül dem gemeinsamen Gebet zugestimmt, weil Abbas zugestimmt hat, et vice versa. Beide Präsidenten haben sich zuvor bei ihren jeweiligen religiösen Autoritäten rückversichert, dass sie keinen religiösen Tabubruch begehen. Die anerkannten Autoritäten des Judentums und des Islams haben unter dem Vorbehalt dem gemeinsamen Treffen zugestimmt, dass es sich nicht um ein gemeinsames Gebet handelt. Das hat den Papst und die Weltöffentlichkeit nicht daran gehindert, das Treffen trotzdem als gemeinsames Gebet darzustellen.

Sowohl Peres, als auch Abbas glauben an oder fürchten die indirekte Macht des Gebetes. Was glaubt der Papst?

Als Politiker ist der Papst ebenfalls von der indirekten Macht des Gebetes überzeugt. Als religiöser Führer der Katholiken darf angenommen werden, dass er zusätzlich an die direkte Macht des Gebetes glaubt.

Nun ist das Gebet in Rom nach einer kurzen Zeitspanne von den jetzt laufenden Gebeten in Israel abgelöst worden, wobei gestritten werden darf, ob die Macht des Gebetes in Rom überhaupt dafür verantwortlich ist, oder ob die direkte oder die indirekte Macht oder beide Mächte des Gebets daran schuld sind. Nachzuvollziehen ist die indirekte Macht des Gebetes, die besorgte Muslime derart in Rage getrieben hat, dass sie einer weiteren Annäherung zwischen den Religionen und vor allem zwischen den Völkern durch die Entführung der drei Jugendlichen einen festen Riegel vorgeschoben haben. Vorstellbar, dass fromme Muslime im gemeinsamen Gebet zwischen Muslimen und Juden, obwohl es offiziell keines gewesen ist, eine Gotteslästerung verstehen, die Konsequenzen erfordern.

Sollte der römische Papst der direkten Macht der Gebete vertrauen, so weiß er, dass er dem Gott seines Glaubens nicht vorschreiben kann, was geschehen soll. Wer auf den Erfolg seiner Gebet vertraut, muss auch den Misserfolg akzeptieren, das Gute wie das Schlechte. Wir wissen nicht, wie der Papst zu diesen Überlegungen steht, weil er bisher zur Entführung der jüdischen Kinder nicht öffentlich gesprochen hat. Als tief religiöser und intelligenter Mensch wird er diese Überlegungen nicht leichtfertig beiseiteschieben.

Die Folgen für das Judentum liegen offen dar, auch wenn sie wegen widersprechenden Interessen verdrängt werden. Das Judentum verbietet das gemeinsame gleichberechtigte Beten mit Anhängern anderer Religionen.

Nachtrag: In Berlin werden Spenden für das zu erbauende House Of One, dem gemeinsamen Haus dreier monotheistischer Religionen angenommen. Noch fehlen mehr als 99,9 % der notwendigen Gelder.
Sollen Juden beten, dass die Kraft des Gebetes ihre Wirkung verliert?

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