„Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen. Das ist gegen die Natur!“

Wenn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan krank wird, verlässt er sich nicht allein auf die Natur, er ruft nach der Vernunft der Ärztin. Wenn ihm Unrecht widerfährt, sehnt er sich nicht nach der Herrschaft der Natur, sondern spricht die Vernunft der Richterin an. Wenn Recep Tayyip Erdogan jedoch Frauen unterdrücken will, ist er schnell mit der Natur zur Hand. Recep Tayyip Erdogan hält die Gleichberechtigung von Mann und Frau für keine gute Idee. Er sagt:

„Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen. Das ist gegen die Natur!“

Immer wieder ist es die Natur, die zur Begründung einer Unterdrückung herangezogen wird. Mal ist es die „Natur des Schwarzen“, mal die „Natur des Weibes“, mal die „Natur des Juden“. Immer aber geht es darum, einer Gruppe von Menschen mit Verweis auf ihre vermeintliche Natur, Rechte vorzuenthalten.

Im 17. Jahrhundert erklärte die Philosophin und Feministin Marie Le Jars de Gournay unveräusserliche Menschenrechte für alle Männer und Frauen. Mehr als hundert Jahre später kam der Philosoph und Humanist Jean-Jacques Rousseau daher und deklarierte seine „Menschenrechte“, die sich dadurch auszeichneten, dass er Frauen aus der Gruppe aller gleichberechtigter Menschen heraus nahm. Die bedeutendsten Feministinnen erklärten schon früh, dass alle Männer und Frauen unveräußerliche Menschenrechte besitzen. Nicht wenige Humanisten jedoch erklärten statt Menschenrechte Männerechte. Dennoch hat der Feminismus heute komischerweise einen schlechteren Ruf als der Humanismus. Der Humanismus hat einfach das bessere Marketing.

Für die Feministin Gournay war es eine Sache der Vernunft, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Für den Humanisten Rousseau jedoch war es eine Frage der Natur. Für Rousseau stand fest, dass alle Menschen von Natur aus gut seien und den Zustand des Guten nur bewahren könnten, wenn alle Menschen ihren von der Natur zugewiesenen Platz einnehmen würden. Jetzt raten sie mal, auf welcher Stufe der Natur für Rousseau Schwarze und Frauen standen. Rousseau hatte es mit der Natur wie Recep Tayyip Erdogan.

Es gibt Menschen, die schreiben mit einer solchen Gewissheit über die Absichten der Natur, dass man meinen möchte, sie wären jeden Sonntag bei Mutter Natur zum Tee eingeladen. Was sagt denn die Natur? Wer weiß es? Die Philosophin Hedwig Dohm argumentierte Ende des 18. Jahrhunderts:

„Eine Byzantinerin ist die Natur, redet dem, der gerade die Macht hat, zu Munde, oder gibt wenigstens immer die Antwort, die der Fragende erwartet. Was ist natürlich, was unnatürlich? Die meisten geistigen Errungenschaften sind Einbrüche in vermeintliche Naturgesetze.“

Was immer über die Natur geschrieben und gesagt wird, sobald der Natur eine Absicht unterstellt wird, sobald behauptet wird, die Natur handele in moralischen Kategorien von gut und böse, haben wir es mit einer Religion zu tun. Die Natur hat keine Absicht! Die Natur ist indifferent. Sie ist ganz einfach! Gut und böse sind Kategorien der Vernunft. Die Vernunft versucht zwar, Natur wissenschaftlich zu verstehen, aber alles, was Vernunft hat, weiß, dass Moral in der Natur nicht zu finden ist.

Die Frage nach gut und böse war lange Zeit ein Diktat Gottes. Gott aber ist auch ein Geschöpf der menschlichen Vernunft. So wie sich die Menschen einst Gott nach ihrem Bilde schufen, so legen sie heute der Natur ihre Ansichten in den Mund! Für die Einen regelt Gott, was gut und was böse ist, für die Anderen die Natur.

Ob man nun gottesfürchtig oder natürfürchtig ist, das Sagen haben jene, die glaubhaft machen können, Erleuchtete zu sein, die den direkten Draht nach oben haben. Sie wissen genau was Gott oder die Natur will. Sie haben es vernommen. Sie kennen den wahren Weg. Sie sind die Propheten, die Guten! Und sie benehmen sich so!

Es braucht keinen Gott, um gute Dinge zu vollführen. Der Glaube an Gott stört bei guten Taten nicht, hilft vielleicht sogar manchmal dabei. Böse Taten jedoch brauchen einen Glauben an Gott, den festen Glauben, die abscheulichen Taten im Namen eines höheren Sinns und Zwecks zu begehen. Gotteskrieger kämpfen für den lieben Gott, und für manchen Gläubigen ist die Natur Gottes Schöpfung. Die Natur ist aber nicht lieb. Sie ist aber auch nicht böse. Die Natur ist ganz einfach. Die Natur kennt keine Moral.

Recep Tayyip Erdogan kennt auch keine Moral mehr. Er ist somit ein ganz natürlicher Sexist!

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