Navid Kermani – Ein Widerspruch

Am 14. Januar 2015 hielt Navid Kermani nach den Morden in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo und in einem jüdischen Supermarkt in Paris eine Rede in Köln:

Er nahm sich viel Zeit, seine „Brüder und Schwester im Glauben“ ins Gebet zu nehmen, um ihnen zu verdeutlichen, dass die Anschläge von New York bis Paris etwas mit dem Islam zu tun hätten, schon allein, weil sich die Terroristen auf den Koran beriefen. Es sei daher die Pflicht eines jeden aufgeklärten Muslims, sich klar und deutlich gegen diesen Terror zu positionieren.

Navid Kermani positionierte sich auch gegen PEGIDA, ProKöln, Rechtsradikale, „Hassprediger in Moscheen und Talkshows“ und all die anderen Gruppierungen, die „die Morde an siebzehn unschuldigen Menschen missbrauchen, um gegen eine einzelne Bevölkerungsgruppe zu hetzen“ und als vermeintliche Retter des Abendlandes „alles verraten, was an diesem Abendland liebens- und lebenswert ist.“

Navid Kermani appellierte an die Verantwortung in jedem von uns. Gleich zu Anfang seiner Rede kam er auf den brutalen Judenhass zu sprechen, der den Anschlägen in Paris zu Grunde lag. Er erwähnte den Mord an den vier Menschen in einem Supermarkt, die nur aus einem einzigen Grund ermordet wurden, weil sie Juden waren.

Es war eine interessante Rede, die Navid Kermani hielt. Auf der Suche nach den Gründen für Terrorismus erklärte er, es sei ein Problem, dass „den Palästinensern Siedlung um Siedlung ihr Land weggenommen wurde.“

Lieber Navid Kermani,

Juden, die im Nahen Osten siedeln und Häuser bauen, sind sowenig ein Problem wie Muslime, die in Deutschland siedeln und Häuser bauen! Gegen Muslime, die in Europa siedeln, hetzen die sogenannten Patrioten Europas gegen eine Islamisierung des Abendlandes. Gegen Juden, die im Nahen Osten siedeln, hetzen die Patrioten der Welt gegen eine Judaisierung des Nahen Ostens. Die Einen sind so PEGIDA wie die Anderen !

Die sogenannten „illegalen jüdischen Siedlungen auf besetztem Gebiet“ sind in Wahrheit nichts weiter als jüdische Siedlungen auf umstrittenen Gebieten.

Momentan gibt es im Nahen Osten Gebiete, die zu keinem Nationalstaat gehören. Ob diese Gebiete, die einst zum Osmanischen Reich gehörten, irgendwann einem Land zugeschlagen oder einen neuen Staat bilden werden, wird die Geschichte zeigen. Zur Zeit jedoch sind diese Gebiete noch umstritten. Dennoch siedeln auf diesem Gebiet die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen. Warum aber werden nur die jüdischen Siedler als „illegal“ bezeichnet? Ich sag es Ihnen. Aus dem gleichen Grund aus dem die Menschen im Supermarkt in Frankreich ermordet wurden: Weil sie Juden sind!

Der Judenhass wütet im Nahen Osten und er beruft sich, wie der aktuelle Anschlag in Paris, auf den Islam. Artikel 7 der Gründungscharta der Hamas beruft sich auf Allah und ruft zur Vernichtung aller Juden weltweit auf! Die Fatah beruft sich ebenfalls auf den Koran und erklärt, keinen Juden auf palästinensischen Boden dulden zu wollen.

Lieber Herr Kermani,

in einer Rede diese Gewalt nicht zu erwähnen, dafür aber Menschen vorzuwerfen, sie würden illegal siedeln, nur weil sie Juden sind, ist nicht minder geschmacklos als die Behauptung, die Gewalt gegen Charlie Hebdo sei verständlich, weil die Karikaturen den Islam beleidigt hätten. Für Islamisten sind Karikaturisten, die Mohammed zeichnen, so verabscheuungswürdig wie Siedler, die jüdisch sind. Von aufgeklärten Menschen erwarte ich, sich von dieser Ideologie zu distanzieren. Kein Mensch ist illegal! Möge er nun ein türkischer Siedler in Deutschland oder ein israelischer Siedler im Nahen Osten sein!

Gegen türkische Siedler in Deutschland macht PEGIDA Front. Die Demonstranten behaupten: „Wir sind das Volk!“ Tausende Gegendemonstranten machen deutlich, dass das nicht stimmt. Gegen israelische Siedler im Nahen Osten jedoch machen auch die Gegendemonstranten Front. Hier gilt: „Wir sind das Volk!“

Lieber Navid Kermani,

Ihre Rede hielten Sie vor dem EL-DE-Haus in Köln. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war dort eine Gestapodienststelle und ein NSDAP-Gefängnis. Bevor die Nazis in Europa wüteten, gab es viele jüdische Siedlungen in Europa. Sie wurden Schtetl genannt. Die Nazis erklärten diese Schtetl zu illegalen jüdischen Siedlungen und vernichteten sie.

Als im 21. Jahrhundert der Gazastreifen der palästinensischen Verwaltung übergeben wurde, wurden alle Juden innerhalb weniger Tage aus dem Gazastreifen vertrieben. Am Morgen des 12. September 2005 verließen die letzten Juden das Gebiet über den Grenzübergang Kissufim. Der Abzug wurde von Arabern teils frenetisch mit Freudenschüssen und Autokorsos gefeiert. Die verlassenen Synagogen wurden in Brand gesteckt. Es kam zu einer wahren “Gazakristallnacht”. Dieses Ereignis hat sich fest in die Erinnerung eines jeden Juden eingebrannt.

Was immer aus den verbliebenen „umstrittenen Gebieten“ im Nahen Osten wird, es müssen Orte werden, an denen alle Menschen, die dort siedeln, als gleichberechtigte Bürger des Landes angesehen werden, egal woran sie glauben, wen sie lieben oder was sie sagen. Juden, die siedeln und Häuser bauen, sind kein Problem! Sie sind es nicht in Israel, nicht in Amerika und nicht in Europa. Sie dürfen es auch nicht im Nahen Ostens sein! Überall auf der Welt es gibt jüdische Siedlungen und Viertel.

In Deutschland gibt es jüdisch, muslimisch und christlich geprägte Viertel. Nur wenige sehen in ihnen ein Friedenshindernis, wie die Leute von PEGIDA, die in muslimischen Siedlungen eine Gefahr sehen!

Weniger ängstliche Deutsche jedoch verstehen diese Viertel als eine kulturelle Bereicherung, die ein friedliches Miteinander in Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz fördern. In Köln gibt es die überwiegend muslimisch geprägte Keupstraße. In Paris gibt es den Marais im dritten und vierten Arrondissement, eine überwiegend jüdisch geprägte Siedlung. In Israel wiederum gibt es eine Menge muslimische Viertel und Siedlungen. Fast zwanzig Prozent aller Israelis sind Muslime. Für Israel sind muslimische Siedlungen innerhalb und außerhalb Israels kein Friedenshindernis, sondern gelebte Demokratie!

Ich erwarte diese Offenheit überall! Wer behauptet, Juden seien ein Problem, wenn sie in Palästina siedeln, ist nicht besser als jene, die behaupten, Muslime seien ein Problem, wenn sie in Europa siedeln.

Mit Ihrem Verweis auf das angeblich „geraubte“ Land durch jüdische Siedlungen in einer Rede, die sich mit den Terroranschlägen in Paris beschäftigte, haben Sie den Atemzug der Überlegung zugelassen, die Opfer würden noch leben, wenn Israel sich nur anders verhalten würde. Mit diesem Atemzug in Ihrer Rede waren Sie leider für ein paar Sekunden PEGIDA!

Lieber Navid Kermani,

wie ist es möglich, dass Sie in genau jener Rede, in der Sie die Aussage kritisieren, Türken in Deutschland seien ein Problem, behaupten können, Israelis in Palästina seien Problem? Ich würde mich freuen, wenn Sie mir diesen Widerspruch erklären.

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