Eine Frau der Worte

Joyce Carol Oates ist eine Frau der Worte. Sie weiß genau mit ihnen umzugehen.

Joyce Carol Oates findet, die ermordeten Karikaturisten von Charlie Hebdo hätten mit ihrer Kunst „viel Leid hervorgebracht“ und viele „Menschen gedemütigt“, was natürlich nicht bedeuten solle, dass der Mord an ihnen gerechtfertigt sei, aber „anti-islamisch und anti-arabisch“ seien die Kunstwerke dann doch irgendwie. Ich habe nach ihren Einlassungen sofort einen offenen Brief auf deutsch und auf englisch verfasst.

Joyce Carol Oates ist um keine Peinlichkeit verlegen. Als im Februar 2014 in einem Zoo in Kopenhagen eine Giraffe getötet wurde, haute Oates dieses Statement raus:

“Ich kann immer noch nicht begreifen, warum der dänische Zoo die schöne junge gesunde Giraffe getötet hat. Ja, sie hatten “Gründe”, so wie die Nazi-Ärzte.”

Für Joyce Carol Oates sind Veterinäre Nazis und Giraffen Juden. Was für eine Frau!

Joyce Carol Oates ist generell verdammt schnell mit Vergleichen bei der Hand. Am 7. Januar 2015 wurden in Paris zwölf Menschen in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo ermordet, weil sie für Mohammed-Karikaturen verantwortlich waren. Zwei Tage später wurden in Verbindung mit diesem Anschlag vier Menschen in einem Supermarkt ermordet, weil sie Juden waren. Joyce Carol Oates sah sofort Verbindungen zur Tyrannei des Nationalsozialismus‘, aber nicht aufgrund der Ermordung von Juden und Künstlern, nein, es waren die ermordeten Künstler, die sie an Nazis erinnerten. Sie schrieb:

„Qualifizieren sich Nazi-Karikaturen als Satire?“

Anfang 2015 ermordeten zwei Männer zwölf Menschen, weil sie in ihren Augen für entartete Kunst verantwortlich waren und ein Mann ermordete vier Menschen, weil sie Juden waren. Wer waren für Oates die Nazis? Die Künstler!

Joyce Carol Oates hat offenkundig einen Ekel vor Künstlern. Sie gehört sogar zu den 145 Autorinnen und Autoren, die einen Brief unterschrieben haben, der gegen die Entscheidung PENs protestiert, das Magazin Charlie Hebdo mit dem PEN/Toni and James C. Goodale Freedom of Expression Courage Award für Freie Meinung auszuzeichnen. Sie sei “besorgt”, weil “Teile der französischen Bevölkerung, die an den Rand gedrängt wurden, durch das Erbe des französischen Kolonialismus geprägt sind und einen großen Prozentsatz frommer Muslime enthalten”, die Karikaturen von Charlie Hebdo als “weitere Demütigung” ansehen könnten, gemacht, um “noch mehr Leid zu verursachen”.

Viele Fundamentalisten fühlen sich auch von unabhängigen, schreibenden Frauen beleidigt, von Frauen, wie Oates eine ist. Vielleicht sollte Oates all ihre Auszeichnungen zurück geben, die sie in ihrem Leben für ihre Schriften erhalten hat. Um es mal in ihren Worten zu sagen:

Joyce Carol Oates hat als schreibende Frau Teile der männlichen Bevölkerung beleidigt, die an den Rand gedrängt wurden, durch das Erbe des westlichen Feminismus’ geprägt sind und einen großen Prozentsatz frommer Muslime enthalten. Eine unabhängig schreibende Frau können diese Männer als weitere Demütigung ansehen. Oates verursacht dadurch eigentlich nur noch mehr Leid. Oates behandet durch ihr Schreiben Muslime so wie Nazis einst die Juden behandelt haben!

Das ist die perverse Logik Oates‘, auf sie selber angewandt!

Evelyn Beatrice Hall war eine englische Schriftstellerin. Von ihr stammt der oft zitierte Satz „Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen“, der oft irrtümlich Voltaire zugeschrieben wird. Sie verwendete ihn in ihrer Biografie von Voltaire als Illustration von Voltaires Einstellungen. Der Satz wird oft zur Beschreibung des Prinzips der Meinungsfreiheit zitiert.

Ich habe das Gefühl, Joyce Carol Oates hätte damals auch einen Brief des Protests gegen Voltaire unterzeichnet, weil er es gewagt hatte, Religionen zu verspotten. Oates kann sagen, was sie will. Ich werde immer ihr Recht verteidigen, es zu sagen. Falls sie für ihre Ergüsse getötet werden sollte, werde ich sogar eine feministische Auszeichnung für sie unterstützen.

Ich bin mir aber sicher, niemand wird sie töten. Sie kritisiert schließlich nur Künstler und keine Fundamentalisten. Künstler sind zivilisiert. Sie schlagen höchstens mit Worten zurück, so wie ich jetzt:

Hör mal Oatse,

es gibt etwas, das ich Dir sagen möchte. Ich werde es auf Französisch sagen, weil die Sprache so viel zärtlicher klingt:

FUCK YOU!

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