Digitale Ethik 4.0

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Am 16. Juni 2015 nahm ich teil als Redner an der Fachtagung „Digitale Ethik 4.0 / Gestalten Sie noch die Zukunft oder lassen Sie schon gestalten?“ Zu meiner Überraschung war die deutliche Mehrheit der Teilnehmenden geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Internet und malte ein extrem pessimistisches Bild der Zukunft. Ich dachte bei mir: „So werden die Leute vor sechshundert Jahren vermutlich auch über den Buchdruck gesprochen haben.“

Im Jahr 1494 wurde erstmals eine Sammlung von Gedichten veröffentlicht: „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant. Im ersten Kapitel heißt es:

„Im Narrentanz voran ich gehe,
Da ich viele Websites um mich sehe,
Die ich nicht lese und verstehe.


Dass ich im Schiffe vornan sitz,
Das hat fürwahr besondern Witz;
Nicht ohne Ursache ist das:
Auf’s Internet ich mich verlass,
Das Internet ist ein großer Hort,
Versteh ich selten auch ein Wort,
So halt ich es doch hoch in Ehren:
Will es gern die Fliegen wehren.
Wo man von Künsten reden tut,
Sprech ich: »Daheim hab ich sie gut!«
Denn es genügt schon meinem Sinn,
Wenn ich umringt von Websites bin.
Von der Google-Suche wird erzählt,
Es hat die Seiten der ganzen Welt
Mancher hält das für den größten Schatz,
Doch manches füllt doch nur den Platz.
Ich lese selbst nur wenig drin.
Zerbrechen sollt ich mir den Sinn,
Und mir mit Lernen machen Last?
Wer viel studiert, wird ein Phantast!
Ich gleiche sonst doch einem Herrn,
Kann zahlen einem, der für mich lern‘!
Zwar hab ich einen groben Sinn,
Doch wenn ich bei Gelehrten bin,
So kann ich sprechen: »Ita! – So!«
Des deutschen Ordens bin ich froh,
Dieweil ich wenig kann Latein.
Ich weiß, dass vinum heißet »Wein«,
Gucklus ein Gauch,
Und dass ich heiß‘: » domine doctor!«
Die Ohren sind verborgen mir,
Sonst sah man bald des Müllers Tier.“

Ich gebe zu, ganz so steht es da nicht. Ich habe das Wort Buch durch Internet ersetzt, um zu zeigen, wie sehr sich die Kritiken ähneln. Der Buchdruck war 1494 ungefähr so alt wie heute das Internet und wurde, wie das Internet heute, größtenteils zur Vervielfältigung schundhafter Literatur genutzt.

Zudem machte der Buchdruck den Beruf des Kopisten überflüssig. Kopisten vervielfältigten Schriften in Handarbeit. Sie waren überwiegend Mönche. Mit der Erfindung des Buchrucks verlor die Kirche somit einen großen Herrschaftsanspruch über die Verbreitung von Wissen. Die Kirche wehrte sich und unkte, mit dem Buchdruck verschwimme die Grenze zwischen relevatem und unnützen Wissen. Während der Fachtagung „Digitale Ethik 4.0“ lautete ein Dikussionsbeitrag: „Wer garantiert im Internet für die relevante Wahrheit?“

Der Buchdruck brachte Katastrophen mit sich. Martin Luther konnte Dank des Buchdrucks nicht nur seine Thesen der Reformation vervielfaltigen sondern ebenfalls seine judenfeindlichen Traktate. In seinem Werk „Von den Jüden und ihren Lügen” schreibt Luther:

„Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“

In seinem „Handbuch über die Judenfrage“ fordert Martin Luther jene Dinge, die im 20. Jahrhundert am Wannsee in Berlin zur deutschen Staatsräson unter Hitler werden sollten:

„Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich …“

Mit dem Buchdruck hatten nicht nur viel mehr Menschen plötzlich Zugang zu Bildung, es konnten auch mehr Menschen ihre Meinung veröffentlichen und zwar unabhängig vom Inhalt. Der Buchdruck presste den Judenhass in den Mainstream, wie heute das Internet. Eine gewöhnliche Mitternacht auf Facebook sieht wie folgt aus: Klicken Sie hier! Judenhass wohin man blickt!

Die Reformation von Martin Luther war eine Buchdruck-Revolution, so wie die Aufstände im arabischen Raum vor einigen Jahren eine Facebook– und Twitter-Revolution waren. So wie der Buchdruck zur Reformation führte, was die Spaltung der Kirche zur Folge hatte und im Dreißigjährigen Krieg einen brutalen Höhepunkt erreichte, so sorgt heute das Internet dafür, dass sich im arabischen Raum die Gläubigen spalten. Heute haben alle Muslime den gleichen Zugang zum Internet, mögen sie nun Reformmuslime sein oder Angehörige des Islamischen Staates, und so wie damals sind die Reformatoren ebenso jundenfeindlich wie die Konservativen, teilweise sogar noch judenfeindlicher! Es war ein Reformator, der den Judenhass in den Mainstream schrieb. Sein Name war Martin Luther.

Es war ein Reformator der einige Jahrhunderte später die Ideologie des Antisemitismus’ prägte. Sein Name war Wilhelm Marr (1819-1904). Er war Journalist und gehörte dem extrem linken Flügel der radikal-demokratischen Partei um 1848 an. Er war erklärter Atheist, links, demokratisch und er hasste Juden!

In Marrs linker Überzeugung waren die Juden schuld am Liberalismus, weil sie sich den jüdisch konnotierten Kapitalinteressen verschrieben hätten. In Berlin erschien im Februar 1879 seine Propagandaschrift “Der Sieg des Germanenthums über das Judenthum – Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet”, die noch im selben Jahr zwölf Auflagen erlebte. In dieser Schrift grenzt sich Marr deutlich von der traditionellen religiösen Judenfeindschaft ab und behauptet stattdessen, dass die Juden eine fremde Rasse von „Parasiten“ seien, die erfolgreich die Ausbeutung Deutschlands betreiben. Diesen Paradigmenwechsel von Religion zu Rasse verdeutlichte er durch die Benutzung des Begriffs „Antisemitismus“. Marr prägte wesentliche Klischees und Schlagworte. Er legte 1880 mit seiner Schrift “Goldene Ratten und rothe Mäuse” die Basis für die verschwörungstheoretische Gleichsetzung von Judentum, Kapitalismus und Kommunismus, wie sie später Adolf Hitler in “Mein Kampf” vertrat.

Wilhelm Marr gehört zu jenen aufgeklärten Demokraten, die zwar auf Gott und den König verzichten konnten, nicht aber auf den Judenhass. Mit pseudo-wissenschaftlicher Akribie wurde der Judenhass intellektuell rehabilitiert und dabei brutalisiert. War es bei dem religiösen Judenhass noch möglich, dass ein Jude Christ werden konnte, um der Verfolgung zu entgehen, war der Jude für den Antisemiten ein ewiger Jude und dadurch nur noch durch die physische Vernichtung zu entfernen.

Ich werde daher immer ganz skeptisch, wenn ich höre, jemand sei ein Reformator!

Das Internet hat gerade erst angefangen, die Welt zu reformieren. So gut wie jeder Mensch hat heute Zugang zum Wissen der Welt. Jeder kann sich und seine Gedanken veröffentlichen, es sei denn, man lebt in Nordkorea. Das Internet stellt uns vor ganz neue Herausforderungen. Die Erfindung ist jedoch da. Sie wird uns nicht mehr verlassen. Die Frage ist daher, wie gehen wir mir den neuen Gefahren um?

Eins ist klar: Ein Verbot wird nichts bringen! Internetseiten zu löschen, im Glauben, man würde dadurch etwas verhindern ist so produktiv, wie Bücher zu verbrennen. Es ist ein symbolischer Akt, nicht mehr, ein fragwürdiger zudem. Wir können uns nur noch anschnallen. Das Flugzeug hat den Boden bereits verlassen.

So wie der Buchdruck einst das Christentum reformiert und gespalten hat, mit all den blutigen Nebenwirkungen des Dreißigjährigen Kriegs, so wird heute das Internet den Islam spalten und reformieren. Und die islamische Reformation wird nicht minder grausam ausfallen als die christliche Variante, vermutlich sogar noch brutaler in Anbetracht all der neuen Waffen. Ich weiß wohl, was Saint-Just gesagt weiland im Wohlfahrtsausschuß: Man heile die große Krankheit nicht mit Rosenöl und Moschus. Doch dieser Zukunftsduft wird alles überragen, was meine Nase je geahnt. Ich kann es nicht länger ertragen – – –

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