Massenpsychose TTIP-Widerstand

Die Geschichte des deutschen Volkes ist eine Geschichte der Identitätskrise. Eine vermeintlich gemeinsame nationale Identität bildete sich in Deutschland immer nur durch einen gemeinsamen Feind heraus!

Es gibt keine gemeinsame deutsche Identität! Das erkennt man schon daran, dass die Deutschen von den verschiedenen Nationen verschieden bezeichnet werden.

Die Engländer nennen uns „Germans“, aber kaum ein Deutscher aber nennt sich Germane. Die Finnen nennen uns „Saks“, aber nur wenige Deutsche bezeichnen sich als Sachsen. Die Franzosen nennen uns „Allemands“, aber die meisten Allemannen leben nicht in Deutschland. Die Polen nennen uns „Niemiecki“, aber kein Deutscher bezeichnet sich selbst so. Die benachbarten Nationen benannten die Deutschen so, wie sie die Menschen an ihren Grenzen kennenlernten und die Bayern haben mit den Friesen nun mal so gut wie nichts gemein, nicht mal die Sprache!

Die Italiener nennen uns „Tedesco“. Das ist das Wort, aus dem sich der Begriff „Deutsch“ herleitet. „Tedesco“ bedeutete soviel wie „zum Volk gehörig“ oder „die Sprache des Volkes sprechend“ und wurde seit spätkarolingischer Zeit zur Bezeichnung der nicht-romanischsprechenden Bevölkerung benutzt. Das Wort entstand somit als Fremdbezeichnung in Abgrenzung zum Latein.

So wurden Stämme mit einem gemeinsamen Begriff versehen, die keine gemeinsame Identität hatten, im Gegenteil: oft lagen diese Stämme miteinander in blutigen und kriegerischen Auseinandersetzungen. Cherusker, Sachsen, Friesen, Ubier, sie alle waren plötzlich Deutsche. Sie wurden dazu gemacht. Sie selbst wären nie auf die Idee gekommen, sich Deutsche zu nennen. Es war das Heilige Römische Reich, das die Deutsche Nation erfand.

Als das sogenannte Heilige Römische Reich (Deutscher Nation) sich auflöste, zerfiel die Deutsche Identität in über dreißig verschiedene Länder. Es brauchte einige Zeit, bis sich einige dieser Länder unter preußischer Herrschaft wieder zu einer deutschen Identität zusammenraufen konnten. Als identitätsstiftende Maßnahme wurde damals eine Abgrenzung nach außen vollzogen: Der deutsche Zollverein wurde gegründet.

Als Heinrich Heine im Jahr 1843 ein (vor)letztes Mal Deutschland besuchte, spottete er sehr über den Zollverein und erkannte in ihm die preußische Manifestation der Sehnsucht nach einer deutschen Einheit in Ablehnung allen Fremdens aus dem Ausland.

„Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte, ich hätte
Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.

»Der Zollverein« – bemerkte er –
»Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.

Er gibt die äußere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle –

Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach außen und innen.«“

Wer damals für eine Abschaffung des Zollvereins eintrat, hatte schnell eine ganz große, nationale Koalition gegen sich. „Dann kommt der Schimmelkäse aus Frankreich“, unkten die Einen. „Die bösen Banken aus England werden uns knechten“, wussten die Anderen. Manchen trieb die Angst vor gepanschtem Bier aus Belgien, andere fürchteten die Äpfel aus Russland, denn sie kamen von Pfröpflingen, also von Pflanzen, die aus zwei genetisch unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt und zusammengewachsen ware . „Das ist bestimmt gefährlich“, raunte die deutsche Seele in ihrer Angst vor allem Neuen. Besonders Angst hatten die Deutschen vor dem in Luxemburg von Étienne Lenoir erfundenen Verbrennungsmotor. „Zurück zur Natur“, rief die preußische Ökofraktion. „Pferde statt Motoren!“ „Pfröpflinge? Nein, Danke!“ „Deutsche, esst nur konventionelle Äpfel aus Preußen!“

Neben dem Zollverein vereinte ebenfalls ein gemeinsamer Feind die deutsche Identität. Frankreich galt als Erbfeind! Heute sind die USA der Feind vieler Deutsche und die Argumente gegen TTIP sind heute nicht minder absurd als die Argumente des Zollvereins.

„Das Reinheitsgebot für Bier fällt“, unken die Einen. „Die deutschen Sparkassen werden verschwinden“, wissen die Anderen. Aus allen Ecken erschallen Warnrufe: „Die Buchpreisbindung wird fallen!“ „Gentechnisch veränderte Lebensmittel werden uns vergiften!“ „Hormonfleisch kommt!“ „Amerikanischer Anwaltskanzleien werden uns knechten!“

All die „Argumente“ sind nicht neu. Sie wurden schon von dem Zollverein vorgebracht und immer wieder aufgewärmt, zum Beispiel als über die Umsetzung des EU-Binnenmarkts diskutiert wurde. Keine der Befürchtungen trat ein. Sie traten auch nicht ein, nachdem die Freihandelsabkommen mit Peru oder Südkorea beschlossen wurden, im Gegenteil: Viele Vorteile, die wir heute haben, sind Errungenschaften einer auf den Abbau von Handelsbeschränkungen setzenden Außenhandelspolitik: starke Exporte, Arbeitsplätze, Produktvielfalt, hoher Gesundheits- und Verbraucherschutz, mehr ‚Konsumentensouveränität‘ durch größeren Wettbewerb und vor allem Frieden!

Einen zentralen Gründungsmoment der Europäischen Union bilden die sogenannten Römischen Verträge von 1957. Mit diesen Verträgen unterzeichneten die sechs Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ein Handelsabkommen mit dem Ziel der Schaffung eines gemeinsamen Marktes, in dem sich Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte frei bewegen können. Um nichts anderes geht es bei TTIP. Diese Freihandelszone ist eine friedenssichernde und wurde mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt!

Die Absurdität mancher TTIP-Gegner wird besonders an der Panik um das Chlorhühnchen deutlich, oder wie ich die Chlorhühnchen nenne: saubere Hühnchen! Wer sich über Chlorhühnchen aufregt, muss sich auch über Chlor in Freibädern aufregen: „Die tun Chlor in unsere Freibäder! Skandal! Ich verlange gutes, deutsches, chlorfreies Wasser in deutschen Schwimmbädern! Nur kontaminierte Bäder sind echte deutsche Bäder!“

Das Ziel des transatlantischen Freihandelsabkommens ist nichts weiter als der Abbau von Handelshemmnissen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika, zwei Staatenbünde, die sich in entscheidenen Fragen des menschlichen Zusammenlebens kaum unterscheiden und in der Kunst und Philosophie eine gemeinsame Tradition pflegen. Allerdings sehen viele Deutsche in den Vereinigten Staaten von Amerika einen identitätsstiften Feind. Gegen die USA sein, heißt für sie, Deutscher sein. In Deutschland werden Kabarettisten gefeiert, wenn sie offen fremdenfeindlich gegen die USA agitieren. Volker Pispers zum Beispiel sagte einst:

„Mein Antiamerikanismus ist gar nicht oberflächlich. Ich habe ja gar nichts gegen Amerika, das ist ein wunderschönes Land. Das Problem sind die Menschen, die dort leben.“

Man stelle sich mal vor, Volker Pispers hätte so über Türken, Russen oder Franzosen geredet. Wenn es aber gegen die USA geht, dann haken sich die Deutschen unter und schunkeln gemeinsam.

Am 10. Oktober 2015 fand in Berlin eine der größten Demonstrationen statt, die Deutschland in den vergangenen Jahren je gesehen hatte. Rund 150.000 Menschen gingen gegen das geplante Freihandelsabkommen mit den USA auf die Straße und protestierten vom Berliner Hauptbahnhof bis zur Siegessäule. Mitglieder aller Parteien standen vereint. Grüne, afD, Linke, Rechte, NPD, CDU und SPD standen Hand in Hand. Man konnte förmlich Kaiser Wilhelm hören: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“

Eine wahre Massenpsychose breitete sich über Berlin aus, ein deutscher Taumel, der Heinrich Heines Spott wieder Wirklichkeit werden ließ:

»Der Zollverein« – bemerkte er –
»Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.

Am 26. Mai 1931 schrieb Kurt Tucholsky:

„Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen.“

Im Oktober 2015 kamen die Deutschen zu sich, wie selten zuvor! Sowas passierte in den Jahren davor nur im Fußball.

Es ist der Fußball, der die Deutschen heutzutage dazu bringt, die schwarz-rot-goldene Fahne herauszuholen. Fußball beschreibt Deutschland einfach am besten:

Jeder Stamm hat sein eigenes Team. Jedes Jahr treten diese Stämme gegeneinander an. Dabei kommt es teilweise sogar zu richtigen Ausschreitungen. Es gibt Stämme, die sich regelrecht hassen. Alle paar Jahre jedoch, entsendet jeder Stamm seinen besten Mann und die kämpfen dann als Deutsche gegen die anderen Länder. Der gemeinsame Gegner macht den Deutschen! Dann kommen die schwarz-rot-goldene Fahnen raus. Kaum aber ist Wettbewerb vorbei, gehen alle Männer zurück in ihren Stamm und kämpfen gegeneinander. Das ist Fußball in Deutschland, recht erfolgreich, wie man sagen muss.

Was im Fußball jedoch akzeptabel ist, vielleicht sogar lustig, ist in der Politik eher beängstigend.

Wenn 150.000 Deutsche gegen etwas auf die Straße gehen, bekomme ich ein ungutes Gefühl!

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