„Eine völlig sinnfreie Formulierung“

Der Journalist Nathan Warszawski hat sich mit einer Frage an den Tagesspiegel gewandt, nachdem er von einer interessanten Formulierung der Zeitung auf Tapfer im Nirgendwo erfahren hatte:

„Sehr geehrte Redakteure,

heute erschien dieser interessante und gut zusammengefasste Artikel Ihrer Zeitung online:

‚Es ist etwa 6.30 am Sonntagmorgen, als der U-Bahnzug der Linie 12 auf dem Bahnhof Hallesches Tor hält. Ein junger Mann steigt aus und wird in diesem Augenblick von einem Unbekannten gefragt, ob er Jude sein. Obwohl das Gegenteil stimmt, bejaht der 25-Jährige die Frage, und da setzt es schon einen Schlag. Der Unbekannte hatte ihm laut Polizeibericht ins Gesicht geschlagen, wie auch später ein Zeuge des Vorfalls berichtet. Der Angreifer springt daraufhin in die abfahrbereite U-Bahn in Richtung Ruhleben und verschwindet.‘

Dazu eine Frage: Was ist das Gegenteil von einem Juden?

Liebe Grüße
Dr. Nathan Warszawski“

Die Antwort kam prompt:

„Sehr geehrter Herr Dr. Warszawski,

Sie haben natürlich völlig recht mit Ihrer Frage. Das war eine völlig sinnfreie Formulierung, sie wurde geändert.

Mit freundlichen Grüßen,
Martina Weigel
Redaktion Berlin/Brandenburg“

Jetzt steht dort:

„Der 25-Jährige bejaht die Frage, obwohl das gar nicht stimmt, und da setzt es schon einen Schlag.“

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14 Antworten zu „Eine völlig sinnfreie Formulierung“

  1. gnaddrig schreibt:

    In dem Text wird nicht über „das Gegenteil von einem Juden“ geschrieben. Der Passus „obwohl das Gegenteil stimmt“ bezieht sich auf die Antwort der Frage „Sind Sie Jude?“ Die wahrheitsgemäße Antwort wäre „Nein“ gewesen, eben das Gegenteil der Antwort, die der junge Mann gab.

    Also: Obwohl das Gegenteil stimmt [„Nein, ich bin kein Jude“] bejaht der 25-Jährige die Frage. Da ist nichts sinnfrei, das ist sprachlich und inhaltlich völlig korrekt. Die geänderte Formulierung finde ich trotzdem besser.

    Ansonsten hat American Viewer das eigentliche Problem aufgespießt – jemand wird angegriffen, weil er (mutmaßlich, vorgeblich, vielleicht) Jude ist und kaum wen scheints zu jucken.

    • Dante schreibt:

      Zum letzten Satz: „Jucken“ tut’s hier jeden, nur überraschen längst nicht mehr.

      • gnaddrig schreibt:

        Ok, schlampig geschrieben von mir. Dass es dem Publikum hier nicht gleichgültig ist, versteht sich. Aber sonst im Land der Dichter und Denker ist da kaum irgendwelches Jucken zu beobachten. Das und dass solche Ereignisse nicht mehr überraschen – bitter und zum Kotzen.

  2. abusheitan schreibt:

    Ich möchte nicht für einen Juden gehalten werden, weil ich nicht geschlagen werden will.
    Wenn ich einen durchgestrichenen Judenstern trüge, wie angebliche Antifaschisten ein durchgestrichenes Hakenkreuz, wäre ich dann vor Schlägen sicher?

  3. Max schreibt:

    Das Gegenteil von Jude ist Nicht-Jude. Das Gegenteil von schnell ist ja auch nicht langsam sondern nicht-schnell. Logic is a bitch 🙂

  4. Paul schreibt:

    Na bitte, geht doch.
    Es ist, so finde ich, schon wichtig Medien darauf hinzuweisen, dass sie manchmal „völlig sinnfrei formulieren“.
    Nicht immer steht hinter einer derartigen Formulierung nur flüchtigkeit oder Unaufm erksamkeit, die ich in diesem Fall annehmen würde.
    Oft, allzuoft, wird die Sinnfreiheit zur Propaganda. Ganz besonders zur Propaganda gegen Juden.

    Herzlich, Paul

  5. Horst Nietowski schreibt:

    War ja klar, wie es gemeint gewesen ist. Da was falsch zu verstehen, dies muss man schon extra machen, gegen den eigenen Verstand.

  6. yoyojon schreibt:

    Sehr gut festgestellt American Viewer. Übrigens erinnert mich diese Geschichte an das, was Günther Anders über den „Antisemitismus ohne Juden“ geschrieben hat.
    Zudem sieht es aus als sei weltweit (?) Gewalt im Begriff Normalität zu werden und Antisemitismus und Gewalt finden darin ihren siamesischen Platz ganz vorn.
    Ich finde das so erschreckend, dass ich glauben möchte, mich zu irren. (Und so dachten viele Juden um 1933 ff. auch).

  7. American Viewer schreibt:

    Das Gegenteil von einem Juden ist ein Goi würde ich mal sagen. Ein Nichtjude. Interessant finde ich, dass nun offenbar Detailformulierungen wichtiger geworden sind, als die antisemitische Gewalttat an sich. Warum? Weil schon Normalität?

    • Arme Sau schreibt:

      AV: „Das Gegenteil von einem Juden ist ein Goi würde ich mal sagen.“

      Naja, so einfach ist es nicht. Die Dichotomie ist schon sehr aufgeladen, wenn man das so verwendet. Versuchen Sie es mal mit einer anderen Religion:
      „Er ist das Gegenteil eines Christen.“
      „Sie ist das Gegenteil einer Buddhistin.“
      „Er ist das Gegenteil eines Hindus.“
      „Sie ist das Gegenteil einer Muslimin.“
      Bei mir werfen diese Sätze die Frage aus, was wohl inhaltlich damit gemeint sein könnte, nicht einfach, dass die Betreffenden halt nicht dieser Religion angehören.

      Insofern ist die Frage schon berechtigt, was denn das Gegenteil eines Juden sein soll. Fragen Sie einen beliebigen Goi, und die Antworten werden höchstwahrscheinlich eher positiv ausfallen, denn der Jude ist ja vor allem schlimm, nicht wahr?

Seid gut zueinander!

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