„Wir wollen nur, dass Juden perfektioniert werden.“

Mit meinem gestrigen Artikel über das Prinzip der Rache im christlichen und jüdischen Vergleich habe ich einige Debatten in der Kommentarspalte ausgelöst. Es ist immer wieder spannend, dem christlich-jüdischen Dialog zuzuschauen, wenn es ans Eingemachte geht. Ich muss in solchen Momenten immer an einen kleinen Eklat denken, der im Jahr 2007 in einer amerikanischen Talkshow zwischen Gastgeber Donny Deutsch und Gast Ann Coulter stattfand.

Ann Coulter ist eine der bekanntesten, umstrittensten, harrsträubensten, aber auch unterhaltsamsten Konservative Amerikas. Als Donny Deutsch sie fragt, wie ein Amerika aussähe, das die Werte Ann Coulters verinnerlicht hat, entwickelt sich folgender Dialog:

Coulter: Die USA sähe aus wie New York, die schönste Stadt der Welt, während der Republikanischen Nationalversammlung. Um genau zu sein, ich denke, dass es im Himmel so aussehen wird.

Deutsch: Nein, ich meine nicht politisch. Wie sähe das Fundament Amerikas aus? Wären wir glücklicher? Gesünder? Toleranter? Wären Frauen glücklicher? Würden die Rassen besser miteinander auskommen? Wie sähe es aus zwischen arm und reich? Präsentieren Sie das Ann Coulter Rezept.

Coulter: Amerika wäre glücklich, christlich und tolerant. Jeder würde für Amerika stehen und in Amerika verwurzelt sein.

Deutsch: Moment, es wäre also besser, wenn wir alle Christen wären?

Coulter: Ja! Möchten Sie mal mit mir zur Kirche gehen, Donny?

Deutsch: Ich sollte also nicht jüdisch sein?

Coulter: Wäre einfacher.

Deutsch: Ehrlich?

Coulter: Ja, ist eine Abkürzung.

Deutsch: Das können Sie nicht wirklich glauben. Sie sind zu gebildet für sowas.

Coulter: Doch. Wissen Sie überhaupt was Christentum ist? Sie haben ihre Gesetze und Gebote und wir haben die Abkürzung.

Deutsch: Warum reden Sie hier wie das Staatsoberhaupt des Irans?

Coulter: Das Staatsoberhaupt des Irans ist kein Christ, falls es Ihnen entgangen sein sollte.

Deutsch: Er möchte Israel von der Erde fegen. Sollte es auch für Sie keine Juden geben?

Coulter: Nein, wir wollen nur, dass die Juden perfektioniert werden.

Deutsch: Was haben Sie gesagt?

Coulter: Juden sollen sich perfektionieren. Sie haben das Alte Testament und wir haben Federal Express.

Deutsch: Wenn jemand sowas absurdes sagt, dann breche ich ab. Hätte Ann Coulter Verstand, dann hätte sie das nicht gesagt.

Coulter: Was ist absurd?

Deutsch: Juden müssen perfektioniert werden.

Coulter: Das ist es, was Christen glauben! Wir sehen uns selbst als perfekte Juden. Christen glauben an das Alte Testament und an die Gebote. Juden glauben aber nicht an das Neue. Im Alten Testament wurde Gott oft zornig, weil sich die Menschen nicht an seine Regeln halten konnten. Jetzt glauben Christen, und es tut mir leid, aber das ist es nun mal, wofür das Neue Testament steht, dass Jesus gekommen ist, um für unsere Sünden zu sterben. Die Juden haben Gebote, an die sie sich halten müssen, aber wir haben Jesus, der für unsere Sünden gestorben ist.

Deutsch: Ihre genauen Worten waren: Juden müssen perfektioniert werden.

Coulter: Nein, ich sage, das ist es, was ein Chirst ist: ein perfekter Jude.

Deutsch: Sehen Sie nicht, wie hasserfüllt und antisemitisch das ist?

Coulter: Überhaupt nicht.

Deutsch: Und das finde ich sogar noch gruseliger.

Coulter: Nein, nein, nein! Ich möchte nicht, dass Sie sich dadurch beleidigt fühlen, aber das ist es nun mal, woran wir Christen glauben.

Der Dialog ist im Original etwas länger. Ich habe ein paar lustige Exkurse zu „Seinfeld“ und Backenhörnchen auf Schultern ausgelassen, da diese Referenzen nur noch wenigen Leuten bekannt sind. Viel wichtiger ist: Worüber sich Donny Deutsch aufregt ist die leider wahrlich christliche Lehre. Es ist das Fundemant des Christentums. Ann Coulter hat leider recht. Laut dem Evangelium von Johannes, sind Juden „Söhne des Teufels“, die die perfektionierte jüdische Lehre von Jesus nicht annehmen wollen:

„Jesus sprach zu ihnen: Wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr mich; denn ich bin ausgegangen und komme von Gott; denn ich bin nicht von mir selber gekommen, sondern er hat mich gesandt. Warum kennet ihr denn meine Sprache nicht? Denn ihr könnt ja mein Wort nicht hören. Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben. Ich aber, weil ich die Wahrheit sage, so glaubet ihr mir nicht. Welcher unter euch kann mich einer Sünde zeihen? So ich aber die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; darum hört ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott.“ (Johannes 8, 42-47)

Für Paulus ist klar, dass jene Juden, die Jesus Lehre nicht leben wollen, auch seinen Tod zu verantworten haben:

„Ihr seid nämlich, Brüder, Nachahmer der Gemeinden Gottes in Judäa geworden, die in Christus Jesus sind; denn ihr habt von den eigenen Landsleuten dasselbe erlitten wie jene von den Juden, die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns verfolgt haben, die Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich sind, indem sie uns hindern, den Heiden zu ihrer Rettung. So machen sie das Maß ihrer Sünden unablässig voll. Es ist aber schon der ganze Zorn über sie gekommen.(1. Thess 2, 13-16)

Donny Deutsch kann sich somit selbstverständlich echauffieren über Ann Coulters Auslegung der christlichen Lehre, aber er muss sich dann wohl oder übel über das Christentum aufregen.

Nirgends wird die christiche Lehre der „perfektionierten Juden“ deutlicher propagiert, als während der Karfreitagsfürbitte für Juden, den die römischen Katholiken, Altkatholiken und manche Anglikaner verwenden und entstand im 6. Jahrhundert. In diesem Gebet werden Juden seit 750 als perfidis („treulos“) bezeichnet und ihr Glauben als iudaica perfidia („jüdische Treulosigkeit“). In dem Gebet wird Gott darum gebeten, den „Schleier von ihren Herzen“ wegzunehmen, ihnen die christliche Erkenntnis zu schenken und so der „Verblendung ihres Volkes“ und „Finsternis“ zu entreißen. Eine zaghafte Kritik an der traditionellen Judenfürbitte wurde erst nach der Shoa formuliert. Seit 1956 veränderte der Vatikan sie schrittweise. Israles Erwählung zum Gottesvolk wird seitdem stärker betont.

Das Christentum ist eine Gemeinschaft, die aus dem Judentum entstanden ist. Die frühen Christen verstanden ihre Lehre zuerst noch als Fortführung des Judentums und waren eine unter vielen jüdischen Sekten. Im Verlaufe der Zeit wurden die jüdischen Wurzeln allerdings immer mehr abgestreift und eine Annährung an das Römische Reich vollzogen. Im Zuge dieser Trennung wurde aus einer subjektiven Fortentwicklung des jüdischen Glaubens eine Trennung und dadurch eine subjektive „Perfektionierung“ des jüdischen Glaubens. Das Christentum war geboren.

Dass sich Christen als „perfektionierte Juden“ verstehen, kann man auch an der mittlerweile zweitausendjährige Geschichte des Christentums erkennen. Der Umgang vieler Christen, also der „perfektionierten Juden“ mit jenen Juden, die sich einer Perfektionierung verweigerten, wurde immer brutaler. Einen traurigen Höhepunkt fand diese Brutalität in dem Reformator Martin Luther, der in seinem Werk Von den Jüden und ihren Lügen folgendes schreibt:

„Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“

In seinem „Handbuch über die Judenfrage“ fordert Martin Luther jene Dinge, die im 20. Jahrhundert am Wannsee in Berlin zur deutschen Staatsräson erklärt werden sollten:

„Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.“

Die christliche Religion, die sich als Perfektionierung der jüdischen Religion versteht, griff zur Gewalt. Wie konnte es zu so einem Judenhass bei den Christen kommen? Die Antwort findet sich im Selbstverständnis gläubiger Christen:

Für Juden ist das Christentum lediglich eine andere Religion. Sie hat zwar jüdische Wurzeln, aber ist für den eigenen Glauben vollkommen belanglos. Für einen Juden ist ein Christ ein Christ, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Christ stellt für den Juden kein religiöses Problem dar. Er kann ihm egal sein. Für einen Christen jedoch ist ein Jude schon durch seine pure Existenz eine Provokation. Der Christ nämlich, der meint, er sei ein „perfektionierter Jude“, erkennt in einem Juden, der an seiner alten Lehre festhällt, eine lebende Infragestellung der eigenen Selbstverständlichkeit. Deshalb gibt und gab es einen brutalen christlichen Antijudaismus. Es gubt aber keinen vergleichbaren jüdischen Hass auf Christen, weil Juden egal ist, was Christen glauben.

Etwas ähnliches erleben wir übrigens auch im Islam. Der Islam versteht sich ebefalls als Fortführung des alten jüdischen Glaubens. Es verwundert daher nicht, dass sich auch im Islam ein brutaler Judenhass findet. In einer aktuellen Predigt des Sheich Ibrahim Madhi in der Sheik ‚Ijlin Moschee befasst sich der Redner mit einer Hadith-Stelle, in der Mohammed die perfekte Welt erst nach dem Tod aller Juden verorten kann.

Mohammed sagt: „Die Stunde wird nicht kommen, bis ihr gegen die Juden solange kämpft, und bis der Stein, hinter dem sich der Jude versteckt hat, spricht: „Du Muslim, hier ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt, so töte ihn.“

Sheich Ibrahim Madhi interpretiert: Der Prophet sagt: ‚Die Juden werden gegen euch kämpfen, und Allah wird Euch als Herrscher über sie setzen.‘ Wir blasen sie in die Luft in Hadera, wir blasen sie in die Luft in Tel-Aviv und in Netanya. Und auf diese Weise wird Allah uns als Herren über diese Rotte hergelaufener Landstreicher setzen. Wenn ein Jude sich hinter einem Stein oder einen Baum versteckt, dann werden der Stein oder der Baum sagen: Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude versteckt sich hinter mir, komm und töte ihn…“

Judenhass ist eine Eigenschaft, die das Christentum und den Islam vereint. Deshalb verwundert es mich auch immer, wenn von einem christlich-jüdischen Kulturkreis in Europa gesprochen wird. Die christlich-jüdische Tradition in Europa besteht zum größten Teil aus einer Verfolgung der einen Religion durch die andere. Wenn man in Europa von einer Zusammenarbeit zweier Religionen sprechen möchte, so sollte die Rede mal auf die christlich-islamische Zusammenarbeit kommen. Als Deutschland Juden mordete, gab es überwiegend nur ein lautes Schweigen und teilweise sogar ein aktives Mitlhelfen der christlichen und islamischen Religionen. Das war gelebte christlich-islamische Zusammenarbeit.

Als die Nazis ihren brutalen Antisemitismus propagierten, fiel der Hass in Deutschland auf fruchtbarem christlichen Boden. Zur selben Zeit ging Heinrich Himmler ein Bündnis mit Teilen des Islams, u.a. mit dem Mufti Al Husseini ein. Dieses Bündnis wird noch heute von vielen islamischen Organisationen als heilig angesehen, wie ich in dem Artikel „Der zweite Holocaust“ beschrieben habe.

Natürlich gab es auch christlichen und muslimischen Widerstand, der sich aus der Religion heraus definierte, aber der Hass entsprang eben der selben Quelle; genauso wie sich sowohl die Nazis als auch Teile des Widerstands auf Deutschland und seine Kultur bezogen.

Heute haben sich die meisten Christen von ihrem radikalen Judenhass verabschiedet. Unter Muslimen jedoch gibt es ihn leider noch sehr aktiv, wie ich in meinem Artikel „Die verlorenen Kinder von Gaza“ beschrieben habe. Allerdings versteht der Islam sich nicht nur als eine Ideologie des perfektionierten Judentums, sondern auch als eine Religion des perfektionierten Christentums. Das Christentum hat jüdische Wurzeln und wir wissen, wie viele Christen mit ihren Wurzeln umgegangen sind. Der Islam hat jüdische und christliche Wurzeln. Was sollte die Anhänger des Islams davon abhalten, ihre christlichen Wurzeln so zu behandeln, wie ihre jüdischen oder sogar so, wie viele Christen ihre jüdischen Wurzeln behandelt haben?

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