„Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“

Es gibt Menschen, die schreiben den Satz Bertolt Brecht zu. Manche behaupten sogar, der Satz ginge wie folgt weiter: „Und dann kommt der Krieg zu euch.“ 

Das stimmt nicht!

Der Satz „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ stammt ursprünglich von Carl August Sandburg. Er war ein US-amerikanischer Dichter, Journalist und Historiker und lebte von 1878 bis 1967. Bekannt ist er besonders durch seine Biographie von Abraham Lincoln, für die er den Pulitzer-Preis gewann. Sein bekanntester Satz stammt allerdings aus dem Buch „The people, Yes“. Dort heißt es:

„The first world war came and its cost was laid on the people.
The second world war — the third — what will be the cost.
And will it repay the people for what they pay?…
The little girl saw her first troop parade and asked,
‘What are those?’
‘Soldiers.’
‘What are soldiers?’
‘They are for war. They fight and each tries to kill as many of the other side as he can.’
The girl held still and studied.
‘Do you know … I know something?’
‘Yes, what is it you know?’
‘Sometime they’ll give a war and nobody will come.’“

Laut Harpo Marx soll jedoch schon vor Carl Sandburg jemand diese Geschichte erzählt haben, nämlich der Schriftsteller Thornton Wilder. In seiner Autobiographie „Harpo speaks“ schreibt Marx:

„My favorite Thornton Wilder story was the one about the time a little girl asked him what war was. Wilder replied, „A million men with guns go out and meet another million men with guns, and they all shoot and try to kill each other.“ She thought that over, then said, „But supposed nobody shows up?“

Die amerikanische Frauenzeitschrift „McCall’s“ formulierte dann 1966 im Schatten des Vietnamkrieges die Schlagzeile: „Suppose They Give a War, and No One Came?“. Ein Anti-Kriegs-Poster aus dem Jahr 1969, auf dem weiße Tauben zu sehen waren, die in einer Blumenwiese auf Waffen sitzen, nahm dann diese Schlagzeile auf. Auf dem Poster stand: „What if they gave a war and nobody came …“

So kam der Satz dann nach Deutschland, wo er schnell in folgender Übersetzung benutzt wurde: „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“.

Irgendwann wurde der Satz fälschlicherweise Bertolt Brecht zugeschrieben. Ein anonymer Scherzkeks kam dann später auf die Idee, den Satz „Und dann kommt der Krieg zu euch“ hinzuzufügen und hängte diesem Satz gleich noch ein wahres Gedicht von Bertolt Brecht an:

„Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt,
und lässt andere kämpfen für seine Sache,
der muss sich vorsehen:
denn wer den Kampf nicht geteilt hat,
der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal Kampf vermeidet,
wer den Kampf vermeiden will:
denn es wird kämpfen für die Sache des Feinds,
wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“

Das Gedicht stammt aus dem Werk „Koloman Wallisch Kantate“. So entstand also das folgende Gedicht:

„Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin,
und dann kommt der Krieg zu euch.
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt,
und lässt andere kämpfen für seine Sache,
der muss sich vorsehen:
denn wer den Kampf nicht geteilt hat,
der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal Kampf vermeidet,
wer den Kampf vermeiden will:
denn es wird kämpfen für die Sache des Feinds,
wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“

Das Gedicht ist somit nicht von Bertolt Brecht, sondern ein lyrischer Cocktail aus Carl Sandburg, Bertolt Brecht, Thornton Wilder, einem anonymen Scherzkeks und einem Schuss Marx, Harpo, nicht Karl!

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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6 Antworten zu „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“

  1. Paul Fuchslocher schreibt:

    Bis heute früh war mir nicht klar, dass der Satz von Karl Sandburg stammt. Er war mir immer geläufig, habe in aber als Sponti aus den 68ern in Erinnerung. Danke für die schlüssigen Erklärungen.

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  2. Anonymous schreibt:

    Aus aktuellem Anlass: die Annahme stell dir vor es ist Krieg und niemand geht hin, tröstet. Tröstet im Entsetzen. Der Mensch geht leider hin. Aber Utopien trösten diejenigen, die sich mit gutem Gewissen dem Krieg verweigern. Und wenn unter persönlichem Entsetzen einer der ersten Gedanken dieses Zitat ist, dann geht es hoffentlich mehr Menschen so. Wenn weniger Menschen dem Appell folgen und hingehen, um einen verrückten Gedanken zu ihrem eigenen Krieg machen, dann bleibt die Hoffnung. #tapferimnirgendwo: Danke für Ihren Blog!!! So aus der Welt ist man nirgendwo. Lg

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  3. Coloradu Art schreibt:

    Schönen Tag,
    War heute auf der Suche nach dem Original Zitat von Bertold Brecht „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ und wurde schnell eines besseren belehrt. Ich bin auf ihr Beitrag gestoßen ( den ich im Übrigen top finde, großes Kompliment) und habe ohne mir groß was zu denken zwei stellen daraus in mein blog post hinein kopiert. Ich habe ihr Blogpost voll verlinkt, so das eigentlich kein Missverständnis über die Urheberschaft der Recherche entstehen sollte. Hoffe ich habe nicht gegen ihren Willen oder irgend ein Journalisten Codex verstoßen, bin recht neu im Posten von Zitaten. Auf jeden Fall haben sie ab heute ( mindestens) ein follower mehr

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  4. Pingback: Poem on Wednesday – color to Art

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