Willkommensstruktur

„Meine persöhnliche Meinung zählt nicht.“ (Mitarbeiterin eines Meridian-Zugs)

„Two lines!“ (Polizist am Bahnsteig des Bahnhofs Rosenheim).

Ein Bericht von David Serebrjanik. 

Ich steige in Kufstein um 6 Uhr früh in einen Zug nach München ein. Das heisst, ich will einsteigen. Und gewöhnlich steige ich irgendwo ein, in irgendeine Tür des Zuges, die mir gerade als zum Einstieg einladend erscheint. Sie wahrscheinlich auch. Diesmal scheint es ein besonderer Zug zu sein. Denn nur eine Tür ist offen und an dieser stehen Polizisten und irgendwelche Typen in Uniform mit der Aufschrift „Detektei. Weltweit“. Diese Typen teilen mir mit, dass man nur an dieser einen Tür einsteigen kann. Ich bin nicht sprachlos, obwohl ich mich sprachlos fühle, und frage: Warum? Einer der Typen murmelt irgendwas von irgendwelchen Begleitpersonen. Es dämmert mir, dass es, um wen sonst, um Flüchtlinge geht. „Sie können natürlich an den anderen Türen einsteigen, aber diese sind zu“, sagt mir der nette Schutzmann mit süffisantem Lächeln. „Den Ausweis bitte“. Nachdem er meinen usbekischen Pass kurz beäugt hat, sagt er: „Einsteigen und nach rechts gehen!“ „Aber sowas von rechts!“ entgegne ich und frage, was passieren würde, wenn ich nach links ginge? „Dann müssen Sie in Rosenheim aussteigen und werden registriert!“

Wow. Jetzt erst kapiere ich es richtig. DER ZUG IST GETRENNT. In Flüchtlinge und Nichtflüchtlinge. Die Nichtflüchtlinge haben einen grösseren Teil des Zugs. Die Flüchtlinge haben dafür die Polizisten, die sie bewachen. Der Zug fährt los und es ist zum Kotzen: säuberlich getrennt sitzen wir, Nichtflüchtlinge hier – und sie, die Flüchtlinge, dort. Säuberlich getrennt durch zwei Polizisten, Mann und Frau (wie biblisch!), die auf jede Bewegung im Flüchtlingsabteil mit unruhigen Blicken reagieren, ganz so, als würden die Flüchtlinge jede Sekunde etwas böses anstellen können.

Eine Schaffnerin kontrolliert die Tickets (nicht bei Flüchtlingen) und ich frage sie, ob es jetzt hier so üblich ist, dass man die Züge in zwei Sektoren aufteilt. „Ja“, sagt sie, „schon seit einiger Zeit.“ „Finden Sie das persönlich in Ordnung?“, frage ich sie. „Meine persönliche Meinung zählt nicht“, antwortet die pflichtgetreue deutsche Frau. Ich versuche zu dikutieren und frage dann wieder nach ihrer persönlichen Meinung. „Die bekommen Sie hier nicht“, sagt die Hüterin des Zuges und geht weg.

Der Zug rollt in Rosenheim ein. Einer der Polizisten geht durch den Flüchtlingssektor des Zuges und fordert die Menschen dort auf, ihre Sachen zu nehmen und sich zum Ausstieg vorzubereiten. Am Bahnsteig werden sie von weiteren Polizisten erwartet, von denen einer den Menschen zuruft: „Two lines!“ Ja. Genau so. In zwei Kolonnen (ganz wie im Kindergarten) werden diese Menschen aufgestellt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. „This is the Welcome-Culture of Germany! Welcome! I’m ashamed of it!“ rufe ich den Menschen zu. Einige lächeln. Dann werden sie abgeführt.

Oh, Deutschland, ich werde nicht in der Nacht deiner denken!

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