Die Ukraine hat gewählt …

… und ich spüre eine Intervention Russlands um die Ecke kommen.

Im Regelwerk des Eurovision Song Contest von der European Broadcasting Union heißt es im Abschnitt 1.2.2.h:

„Die Texte und Aufführung der Lieder dürfen weder den Eurovision Song Contest als solchen noch die European Broadcasting Union in Misskredit bringen. Keine Texte, Reden, Gesten politischer oder ähnlicher Art sind während des Eurovision Song Contest zulässig. Fluchen oder in anderer Form nicht akzeptabel Sprache in den Texten oder in den Aufführungen der Lieder sind nicht erlaubt. Keine Botschaften einer Organisation, Institution, politischer Angelegenheit oder von Unternehmen, Marken, Produkten oder Dienstleistungen dürfen gefördert werden, weder in den Shows selbst, noch innerhalb des offiziellen ESC Geländes, (das heißt an der Abendkasse, im Eurovision Dorf oder im Presse-Center, usw). Ein Verstoß gegen diese Regel kann zur Disqualifikation führen.“

Die Ukraine hat nun ein Lied von Jamala für den 61. Eurovision Song Contest in Schweden gewählt, das recht eindeutig eine politische Botschaft enthält. In dem Lied heißt es, übersetzt von Tapfer im Nirgendwo:

„Wenn Fremde kommen …
kommen Sie, in Dein Haus,
Sie töten euch alle
und sagen,
‚Wir sind nicht schuldig
nicht schuldig.‘

Wo ist Euer Verstand?
Die Menschheit weint.
Ihr denkt, Ihr deid Götter.
Aber jeder stirbt einmal.
Ihr schluckt meine Seele nicht.
Unsere Seelen.

Wir können eine Zukunft bauen,
Wo Menschen frei sind
zu leben und zu lieben.
Die glücklichste Zeit.

Wo ist Euer Herz?
Die Menschheit erwacht.
Ihr denkt, Ihr deid Götter.
Aber jeder stirbt einmal.
Ihr schluckt meine Seele nicht.
Unsere Seelen.“

Der Refrain wird auf Krimtartarisch gesungen. Es ist das erste Mal, dass diese Sprache im Eurovision Song Contest gesungen wird:

„Yaşlığıma toyalmadım
Men bu yerde yaşalmadım
Yaşlığıma toyalmadım
Men bu yerde yaşalmadım“

(Durfte meine jugend nicht ausleben
An diesem Ort konnte ich nicht leben
)

Der Titel des Liedes lautet „1944“. Das Lied handelt somit von dem Jahr, in dem Stalin die Tataren aus ihrer Heimat vertrieb und nach Zentralasien deportierte. Die Tataren sind eine turksprachige, überwiegend muslimische Minderheit. Tausende starben bei der Deportation oder verhungerten nach der Ankunft in der dürren Steppe. Bis in die 1980er hinein war es den Krimtataren nicht erlaubt, auf die Krim zurückzukehren. Die Sängerin des Liedes zum Beispiel wurde in Kirgistan geboren.

Das Lied weckt jedoch auch Assoziationen an Russlands Annexion der Krim aus Jahr 2014. Laut Berichten von Tartaren habe die Unterdrückung der Krimtartaren seit der russischen Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel zugenommen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Russland aufgrund des Themas des Lieds intervenieren und eine Disqualifikation fordern wird. Es wäre nicht das erste Mal, dass es eine Disqualifikation auf Drängen Russlands gäbe. Beim 54. Eurovision Song Contest im Jahr 2009 in Moskau wurde das Lied „We Don’t Wanna Put In“ von Stephane & 3G, das für Georgien antrat, disqualifiziert. Georgien und Russland befanden sich damals in einem militärischen Konflikt und der Titel des Lieds war zweifach zu verstehen, nämlich „Wie geben nicht auf“ (We don’t wanna put in), aber auch „Wir wollen Putin nicht“ (We don’t wanna Putin). Zudem machten die Musiker an einer Stelle des Lieds mit der Hand die Bewegung eines Kopfschusses und sangen: „Er tötet den Groove. Wir wollen ihn erschießen!“

Beim 52. Eurovision Song Contest in Finnland schaffte es ein Lied ebenfalls aus der Ukraine auf Platz 2, was damals in Russland für Verstimmung sorgte. Das Lied hieß „Dancing Lasha Tumbai“. „Lasha Tumbai“ bedeutet Schlagsahne auf Mongolisch. Es war das erste Mal in der Geschichte des Eurovision Song Contest, dass Mongolisch gesungen wurde. Die Ukraine hat ein Faible für exotische Sprachen.

Die Sängerin des Liedes, Verka Seduchka, sang bei der Aufführung des Lieds die Worte „Lasha tumbai“ jedoch so, dass sie sich anhörten wie „Russia goodbye“ (Russland Leb Wohl). Dazu machte sie eine Handbewegung des Winkens.

In Russland sah man darin eine Anspielung auf die sogenannte Orangene Revolution in Ukraine aus den Jahren 2004/05, in der von dem Revoltierenden eine stärkere Distanzierung von Russland gefordert wurde.

Es bleibt abzuwarten, wie das Lied „1944“ dieses Jahr von russischer Seite aufgenommen wird.

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12 Antworten zu Die Ukraine hat gewählt …

  1. Richard Kallok schreibt:

    Der Angliederung der Krim an Russland ging die Sezession von der Ukraine voraus. Und die basierte nach den Massenmorden der ukrainischen Faschisten auf dem Maidan und in Odessa auf dem überwältigendem Willen der Krim-Bewohner. Diesen Zusammenhang sollte man nicht leugnen.

  2. riepichiep schreibt:

    Nun hat das Lied den ESC gewonnen …

  3. Gutartiges Geschwulst schreibt:

    „Das Lied handelt somit von dem Jahr, in dem Stalin die Tataren aus ihrer Heimat vertrieb und nach Zentralasien deportierte. … Tausende starben bei der Deportation oder verhungerten nach der Ankunft in der dürren Steppe.“

    Die Tartaren starben aus purem Unverständnis. Linke Systeme kennen keinen Rassismus!

  4. abusheitan schreibt:

    „“Wenn Fremde kommen …
    kommen Sie, in Dein Haus,
    Sie töten euch alle
    und sagen,
    ‘Wir sind nicht schuldig
    nicht schuldig.“
    Haben Volker Beck schon protestiert, Claudia Roth schon hyperventiliert, Ralf Stegner schon angezeigt und Heiko Maas den Verfassungsschutz alarmiert? Rassismus und Fremdenfeindlichkeit!
    Der Fremde ist schließlich der heilige Kulturbringer, der mit Willkommenskultur empfangen werden muss!

    • quisa schreibt:

      Wenn es um die Ukraine geht, haben unsere olivgrünen Freunde doch ihre blaugelbe Brille auf. Schließlich kommt das aus Richtung der Supi-dupi hippiesken blumentragenden Maidandemonstranten! Die wollen doch in die EU und sind gegen Russland, die können gar nicht fremdenfeindlich sein..

  5. unbesorgt schreibt:

    Mein Albtraum: Die EU zerfällt. Im selben Jahr begrüßt der Eurovision Song Contest den Iran als neues Teilnehmerland, der Teilnehmer aus Israels darf nicht zum Wettbewerb anreisen, weil er aus den „besetzten Gebieten“ stammt und nicht entsprechend gekennzeichnet ist, der Beitrag aus Syrien erhält zwölf Punkte aus Deutschland.

    Wenn die Ukraine Jamala schickt, sollten wir Wolf Biermann schicken.

  6. Sempronius Densus Bielski schreibt:

    Bei der Eurovision hat Russland nichts zu suchen, da es ein Gesangswettbewerb für Europäer ist. Dies ist nicht rein geografisch zu verstehen, denn Israel gehört selbstverständlich mit dazu und die Türkei logischerweise nicht. https://www.youtube.com/watch?v=byPxwxkdwgQ

Seid gut zueinander!

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