Salah Abdeslam wurde gefasst! Jetzt redet Robespierre.

Der wegen der Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris gesuchte Salah Abdeslam ist bei einer Razzia im Brüsseler Stadtteil Molenbeek gefasst worden. Das bestätigte der belgische Justizminister. Frankreich hat bereits die Auslieferung von Salah Abdeslam erbeten. Ein schöner Grund, mal zu schauen, was ein berühmter Mann der Französischen Revolution einst über den Terror als Mittel der Politik gesagt hat. Am 7. Februar 1794 erklärte Maximilien Robespierre:

„Was ist das Ziel, dem wir zustreben? Der friedliche Genuss der Freiheit und der Gleichheit, das Reich jener ewigen Gerechtigkeit, deren Gesetze eingegraben sind nicht in Marmor und Stein, sondern in den Herzen aller Menschen, selbst im Herzen des Sklaven, der sie vergißt, und des Tyrannen, der sie verleugnet.

Wir wollen eine Ordnung der Dinge, in der alle niedrigen und grausamen Leidenschaften in Ketten liegen, in der alle wohltätigen und großmütigen Leidenschaften durch die Gesetze erweckt werden, wo der Ehrgeiz besteht in dem Verlangen, den Ruhm zu gewinnen und dem Vaterland zu dienen; wo sich die Unterscheidungen nur ergeben aus der Gleichheit selber, wo der Bürger der Behörde, die Behörde dem Volk, und das Volk der Gerechtigkeit unterworfen ist, wo das Vaterland das Wohlergehen jedes Individuums sichert und wo jedes Individuum mit Begeisterung sich des Wohlergehens und des Ruhmes des Vaterlandes erfreut; wo jede Seele sich weitet durch die ständige Gemeinschaft der republikanischen Gefühle und durch das Bedürfnis, sich die Achtung eines großen Volkes zu verdienen, wo die Künste die Zierde der Freiheit sind, die sie adelt, die Wirtschaft die Quelle des öffentlichen Reichtums und nicht die groteske Protzerei einiger Häuser.

Wir wollen in unserem Land an Stelle des Egoismus die Moral setzen, an Stelle der Ehre die Rechtschaffenheit, an Stelle der Gewohnheiten die Grundsätze, an Stelle der Willkür die Pflichten, an Stelle der Tyrannei der Mode das Reich der Vernunft, an Stelle der Verachtung des Unglücks die Verachtung des Lasters, an Stelle des Hochmuts den Stolz, an Stelle der Eitelkeit die Seelengröße, an Stelle der Geldgier die Liebe zum Ruhm, an Stelle der »guten Freunde« die guten Menschen, an Stelle der Intrige das Verdienst, an Stelle der Geistreichigkeit den wahren Geist, an Stelle des Aufsehens die Wahrheit, an Stelle der Langeweile der Lüste die Heiterkeit des Glückes, an Stelle der Kleinheit der Großen die Größe des Menschen, ein großmütiges, mächtiges, glückliches Volk an Stelle eines liebenswürdigen, frivolen und erbärmlichen, d. h. alle Tugenden und alle Wunder der Republik an Stelle der Laster und Lächerlichkeiten der Monarchie.

Wir wollen mit einem Wort die Wünsche der Natur erfüllen, das Schicksal der Menschheit vollenden, die Versprechungen der Philosophie halten, die Vorsehung freisprechen von der langen Herrschaft des Verbrechens und der Tyrannei. Frankreich, so lange berüchtigt unter den Sklavenländern, verdunkelnd den Ruhm aller freien Völker, die existiert haben, soll das Modell für die Nationen werden, der Schrecken der Unterdrücker, der Trost der Unterdrückten, der Schmuck des Universums. Wenn wir unser Werk mit unserem Blute besiegeln, dann können wir wenigstens die Morgenröte der allgemeinen Glückseligkeit aufleuchten sehen. Das ist unser Ehrgeiz, das ist unser Ziel.

Welche Art von Regierung kann diese Wunder vollführen? Allein die demokratische oder die republikanische Regierung: die beiden Worte sind Synonyme trotz des Missbrauchs in der gewöhnlichen Sprache; denn die Aristokratie ist ebensowenig republikanisch wie die Monarchie. Die Demokratie ist nicht ein Staat, wo das Volk, ständig versammelt, unmittelbar alle Geschäfte regelt, erst recht nicht eins, wo 100 Millionen Bruchstücke des Volkes mit vereinzelten vorschnellen und widersprüchlichen Maßnahmen über das Schicksal der ganzen Gesellschaft beschließen. Solch ein Regime hat niemals existiert, und es könnte nur existieren, um das Volk wieder dem Despotismus auszuliefern. Die Demokratie ist ein Staat, wo das souveräne Volk, gelenkt durch Gesetze, die sein eigenes Werk sind, selbst alles ausführt, was es gut ausführen kann, und durch Delegierte das, was es nicht selbst auszuführen vermag.

Aber um unter uns die Demokratie zu begründen und zu festigen, um zur friedlichen Herrschaft der verfassungsmäßigen Gesetze zu gelangen, müssen wir den Krieg der Freiheit gegen die Tyrannei beenden und glücklich die Stürme der Revolution überstehen; das ist das Ziel des revolutionären Systems, das ihr organisiert habt. Ihr müsst euer Verhalten noch nach den stürmischen Umständen einrichten, in denen sich die Republik befindet, und der Plan eurer Verwaltung muß das Ergebnis des Geistes der revolutionären Regierung in Verbindung mit den allgemeinen Grundsätzen der Demokratie sein.

Welches ist nun der entscheidende Grundsatz der demokratischen Volksregierung, d. h. die Haupttriebfeder, die sie hält und in Bewegung setzt? Das ist die Tugend, und zwar die öffentliche Tugend, die in Griechenland und Rom so viele Wunder erzeugte und die im republikanischen Frankreich noch viel erstaunlichere vollbringen wird; jene Tugend, die nichts anderes ist als die Liebe zum Vaterland und zu seinen Gesetzen.

Da aber das Wesen der Republik oder Demokratie die Gliederung ist, so folgt daraus, dass die Liebe zum Vaterland logischerweise die Liebe zur Gleichheit in sich schließt. Es folgt ferner, dass die erste Regel eurer politischen Haltung die sein muß, eure sämtlichen Handlungen auf die Erhaltung der Gleichheit und die Förderung der Tugend zu richten: denn die erste Sorge des Gesetzgebers muß auf die Stärkung des Regierungsprinzips gerichtet sein. So müsst ihr alles, was die Liebe zum Vaterland wecken, die Sitten reinigen, die Seelen erheben, die Leidenschaften des menschlichen Herzens erziehen soll, ergreifen oder dementsprechende Maßregeln treffen.

Hier könnten wir die Entwicklung unserer Theorie beenden, wenn wir das Schiff der Republik nur bei Windstille zu steuern hätten; aber der Sturm braust, und der revolutionäre Zustand, in dem wir uns befinden, erlegt uns eine andere Aufgabe auf. Wenn die Triebkraft der Volksregierung im Frieden die Tugend ist, so ist in revolutionärer Zeit diese Triebkraft zugleich die Tugend und der Terror; die Tugend, ohne die der Terror unheilvoll wäre, der Terror, ohne den die Tugend ohnmächtig bliebe. Der Terror ist nichts anderes als die rasche, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; er ist also ein Ausfluss der Tugend; er ist weniger ein besonderes Prinzip als eine Folge des allgemeinen Prinzips der Demokratie in seiner Anwendung auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes. Die Regierung der Revolution ist der Despotismus der Freiheit im Kampf gegen die Tyrannei.“

So hat Salah Abdeslam bestimmt noch nie über den Terror nachgedacht. Am 17. Januar 1794 erklärte Maximilien Robespierre zudem, was man seiner Meinung nach mit Tyrannen machen sollte:

“Wenn man vorschlägt, Ludwig XVI. den Prozess zu machen, so stellt man die Revolution in Frage. Kann er gerichtet werden, so kann er freigesprochen werden, kann er freigesprochen werden, so kann er unschuldig sein. Ist er aber unschuldig, was wird aus der Revolution? (…) Wie könnte der Tyrann den gesellschaftlichen Pakt für sich anrufen? Er hat ihn vernichtet! Welche Gesetze sind an seine Stelle getreten? Die Gesetze der Natur: das Volkswohl.”

Ich sag mal so, ich wünsche Salah Abdeslam eine schöne Reise zurück nach Frankreich. Er kann froh sein, dass Maximilien Robespierre dort nichts mehr zu sagen hat, sonst würde dort diese Maschine auf ihn warten:

»Das Guillotinieren« – erklärte ich ihm
»Ist eine neue Methode,
Womit man die Leute jeglichen Stands
Vom Leben bringt zu Tode.
Bei dieser Methode bedient man sich
Auch einer neuen Maschine,
Die hat erfunden Herr Guillotin,
Drum nennt man sie Guillotine.
Du wirst hier an ein Brett geschnallt; –
Das senkt sich; – du wirst geschoben
Geschwinde zwischen zwei Pfosten; – es hängt
Ein dreieckig Beil ganz oben; –
Man zieht eine Schnur, dann schießt herab
Das Beil, ganz lustig und munter; –
Bei dieser Gelegenheit fällt dein Kopf
In einen Sack hinunter.«
– Heinrich Heine

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