Erzwungener Respekt ist kein Respekt!

An Karfreitag erinnern Christen der Menschwerdung ihres Gottes. Er wurde Mensch, indem er litt, starb und im Sterben an Gott, also an sich selbst, zweifelte. In den Evangelien des Markus und Matthäus finden sich folgende letzte Worte von Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Der Zweifel macht den Menschen aus. Jesus hadert mit Gott. Gott zweifelt an Gott. Da muss man erst einmal drauf kommen!

An Karfreitag hören Christen keine Musik, tanzen nicht und die Kirchenglocken werden nicht geläutet. Karfreitag ist für Christen ein besonderer Tag. Jede Religion kennt besondere Tage.

Juden zum Beispiel feiern Pessach. Das Fest dauert mehrere Tage und erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Es gibt während Pessach viele Rituale und Gebote, aber das bekannteste Gebot ist das Verbot von gesäuerten Nahrungsmitteln. Über Pessach wird kein Brot verkauft, besessen oder verzehrt. Dies soll an die biblische Überlieferung erinnern, nach der die Israeliten so rasch aus Ägypten ausziehen mussten, dass zum Säuern und Gären der Brote als Reisenahrung keine Zeit mehr blieb. Während der acht Festtage wird daher nur ungesäuertes Brot gegessen.

Kein Jude kommt in Deutschland auf die Idee, von allen Bürgerinnen und Bürgern zu verlangen, während der Zeit von Pessach kein Brot zu essen. Es gibt kein Gesetz, das jedes Geschäft, das es wagt, in der Zeit Brote zu verkaufen, mit empfindlichen Geldstrafen sanktioniert. Trotz der viel beschworen christlich-jüdischen Tradition in Deutschland verzichtet das Judentum darauf, alle Bürger mit ihren Sitten und Bräuchen zu belästigen. Religion ist Privatsache. Beim Christentum sieht das jedoch anders aus.

Das Land Nordrhein-Westfalen zum Beispiel untersagt es allen Bürgerinnen und Bürgern, mögen sie nun christlich sein oder nicht, an Karfreitag Theater zu spielen oder öffentliche Tanzveranstaltung zu besuchen. Von Mitternacht bis zum Samstag um 6 Uhr morgens, also ganze 30 Stunden, untersagt das Land NRW folgende Aktivitäten: Märkte, gewerbliche Ausstellungen, Sportveranstaltungen einschließlich Pferderennen, Zirkus, Volksfeste, Freizeitanlagen, soweit dort tänzerische und artistische Darbietungen erfolgen, alle Unterhaltungsveranstaltungen einschließlich sämtlicher, auch klassischer, Theater- und Musikaufführungen wie Opern, Operetten, Musicals, Puppenspiele und Ballett, Spielhallen, Wettannahme, musikalische sowie sonstige unterhaltende Darbietungen in Gaststätten sowie alle anderen der Unterhaltung dienenden öffentlichen Veranstaltungen einschließlich Tanz. Mit anderen Worten: Karfreitag ist NRW ein Gottesstaat!

Das Feiertagsgesetz ist Ländersache. Es gibt Bundesländer, in denen das Verbot herrscht und andere, die dieses Verbot nicht kennen. Da stellt sich mir die Frage, wenn ich nun an der Grenze zweier Bundesländer, auf der Seite spiele und tanze, wo das Spielen und Tanzen an Karfreitag erlaubt ist, mein Publikum aber ganz ruhig und still auf der Seite sitzt, wo es verboten ist, macht sich dann wer strafbar?

Vom Verbot nicht betroffen sind Kino, Radio und Fernsehen. Die dürfen senden, was sie wollen. Soviel zum Thema Gleichheitsgrundsatz! Vom Verbot ebenfalls nicht betroffen, sind ein paar religiöse Stücke. Heinrich Heine ist verboten! Woody Allen, Hedwig Dohm, Kurt Tucholsky und Neil Simon auch. Felix Mendelssohn Bartholdy sowieso. Nicht verboten ist jedoch die Oper „Parsifal“ von Richard Wagner! Im Jahr 2013 wurde das Werk in der Oper Köln gegeben, während allen anderen Theatern in Köln das Spielen unter Androhung empfindlicher Geldstrafen verboten wurde. Die Kölner Studiobühne zum Beispiel öffnete an dem Tag seine Tore nicht. Am 2. April 2010 jedoch öffnete sich der Vorhang in der Studiobühne an Karfreitag. Raten Sie mal, was an dem Tag gegeben wurde? Richtig! Wagners „Parsifal“.

Wenn die Politik entscheidet, welche Stücke gespielt werden dürfen und welche nicht, so ist das Zensur!

Im “Parsifal” gibt es eine Figur, die Kundry heißt. Sie ist von Richard Wagner als eine Art “ewige Jüdin” angelegt. Kundry ist eine Frau, die Jesus auf seinem Weg zur Kreuzigung verspottet und ausgelacht hatte und daher dazu verflucht wurde, in ständiger Wiederkehr durch die Welt zu wandern. Erlöst wird sie erst im dritten Akt an Karfreitag. Es ist der Tag, an dem sie Jesus erkennt und schließlich getauft wird. Mit der Taufe endet der Fluch und Kundry findet ihren Frieden. Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet diese Oper zu den wenigen Stücken gehört, die an Karfreitag in NRW gezeigt werden dürfen. In der Geschichte des Christentums hatten es Juden nämlich besonders an Karfreitag schwer, da sie jahrhundertelang für den Tod von Jesus verantwortlich gemacht wurden.

Nirgends wurde dieser christliche Vorwurf an Juden deutlicher propagiert, als während der Karfreitagsfürbitte für Juden, den die römischen Katholiken, Altkatholiken und manche Anglikaner über Jahrhunderte verwendeten und teilweise immer noch verwenden. Im 6. Jahrhundert tauchen die ersten Karfreitagsfürbitten auf, in denen Gott darum gebeten wird, Juden den „Schleier von ihren Herzen“ wegzunehmen, ihnen die christliche Erkenntnis zu schenken und so der „Verblendung ihres Volkes“ und „Finsternis“ zu entreißen. Ab 750 wurden Juden in den Karfreitagsfürbitten perfidis („treulos“) genannt und ihr Glauben als iudaica perfidia („jüdische Treulosigkeit“) bezeichnet. Eine zaghafte Kritik an der traditionellen Judenfürbitte wurde erst nach der Shoa formuliert, aber 2008 erlaubte Papst Benedikt XVI. eine abgeschaffte Karfreitagsfürbitte für die alte lateinische Messe schon wieder. Der Wortlaut lautet: “Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen.”

Im “Parsifal” erkennt Kundry Jesus als Retter und wird getauft. “Parsifal” darf an Karfreitag in NRW gespielt werden. Alles andere ist verboten.

Als Hauptgrund für die Entscheidung der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, an dem Feiertagsgesetz festzuhalten, wird immer wieder der Ruf nach Respekt angeführt. An einem Tag im Jahr, so heißt ed, dürfe der christliche Teil der Gesellschaft durchaus mal Respekt für seinen Glauben verlangen. Ein einziger Freitag im Jahr ohne Kunstfreiheit, Tanzen und dem Recht auf freie Entfaltung könne schließlich nicht so schlimm sein.

Für mich haben Kunst, Kultur, Aufklärung und Liberalismus den gleichen Stellenwert wie für andere Menschen ein religiöser Glaube. Theater ist für mich Menschendienst, wie die Kirche für Christen Gottesdienst ist. Wie würden Christen reagieren, lebten sie in einem Land, in dem ihnen die Heilige Messe oder der Gottesdienst für nur einen einzigen Sonntag im Jahr untersagt wäre, mit der Begründung, einmal im Jahr dürfe die Religion durchaus mal ruhen, es sei schließlich nur ein Tag im Jahr!

Respekt kann nicht erzwungen werden. Respekt ist eine Form der Wertschätzung, ein Geschenk der Aufmerksamkeit und der Ehrerbietung. Respekt ist nur da möglich, wo sich ein Mensch frei dazu entscheidet, seine Wertschätzung und seine Aufmerksamkeit zu schenken. Alles andere ist Zwang. Es ist wie ein Kind, das von der Mutter gezwungen wird, Danke zu sagen. Ein erzwungenes Danke ist kein Dank und erzwungener Respekt ist kein Respekt!

Das Karfreitagsgesetz ist zudem eine staatlich vorgeschriebene Gotteslästerung! Es ist nämlich gotteslästerlich zu glauben, der allmächtige Gott brauche menschliche Institutionen und Regierungen, um seine Macht zu bezeugen. Ein Staat, der sich so etwas anmaßt, reduziert den Allmächtigen zu einem Wesen, so schwach, so mickrig und so unbedeutend, dass er sogar der Hilfe der Landesregierung NRW bedarf. Respekt und Ehrfurcht vor Gott sehen anders aus!

Ein Glaube, der es nicht schafft, die Herzen seiner Anhänger ohne staatlichen Zwang zu erreichen, ein Glaube, der nicht stark genug ist, dass er sich auch unter Nachbarn mit fremden Sitten und Gebräuchen entfalten kann, ein Glaube, der nur leben kann, wenn er anderen Menschen Fesseln anlegt, ist ein schwacher Glaube. Ein Gott, der auf Staatsdiener angewiesen ist, um seinem Wort Nachdruck zu verleihen, ist ein armseliger Gott!

Warum müssen die Christen in NRW alle Menschen an Karfreitag zwingen, sich an ihre Gesetze zu halten? Warum fühlen sich diese Christen von Theaterstücken, Konzerten oder Tanzveranstaltungen gestört, obwohl sie in separaten Räumen stattfinden und sie nichts davon mitkriegen, wenn sie zu Hause oder in der Kirche ihren Karfreitag begehen?

Es gibt Christen, die mir sagen, ich solle dankbar sein, dass mir ein stiller Tag geschenkt wird. Für mich ist Karfreitag aber kein stiller Tag, im Gegenteil: So wie der Karfreitag zur Zeit abläuft, ist er für mich purer Stress. Den ganzen Tag lang muss ich aufpassen, nicht ich selbst zu sein, weil ich mich sonst strafbar mache. Ruhe sieht anders aus!

Ich wünsche mir mehr Gelassenheit. Glaube, woran Du willst, ich hindere Dich nicht daran. Du kannst still sein, Deinen Laden zu lassen und beten. Aber bitte zwinge mich nicht dazu, mitzumachen! Ich respektiere Dich. Bitte respektiere Du auch mich!

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24 Antworten zu Erzwungener Respekt ist kein Respekt!

  1. Charly schreibt:

    „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Der Zweifel macht den Menschen aus. Jesus hadert mit Gott. Gott zweifelt an Gott. Da muss man erst einmal drauf kommen!“

    Falsch. Gott zweifelte nicht an Gott. Jesus als Mensch zweifelte an Gott.

    „ Karfreitag ist für Christen ein besonderer Tag. Jede Religion kennt besondere Tage.“
    Das ist nun mal eine sehr feinsinnige Erkenntnis, ich denke du hast lange darueber sinieren muessen.

    „Trotz der viel beschworen christlich-jüdischen Tradition in Deutschland verzichtet das Judentum darauf, alle Bürger mit ihren Sitten und Bräuchen zu belästigen. Religion ist Privatsache. Beim Christentum sieht das jedoch anders aus.“

    Ja, wir Christen haben hier halt die Mehrheit. In Israel ist es umgekehrt.
    Eine juedisch-christliche Tradition besagt nicht, dass auch wir das Judentum uebernehmen muessen. Und wenn du dich belaestigt fuehlst, bitte, die Tuer ist offen. Nur Leute mit der Schnappsidee, die behaupten Religion sei privat, koennen so denken. Erbaust du dich am betrachten des Koelner Doms? Siehst du, das ist der Teil der christlichen Tradition, die du privat nennst. Sie ist fuer alle sichtbar. Unsere ganze Kulturentwicklung baut auf das Christentum auf. Schau dir nur mal den Minnesang an, wie er sich entwickelte und wer ihn ausbaute. Es waren deine verachteten Christen; Priester und Moenche und Nonnen die Romane und Gedichte nach 1100 schrieben, aus denen sich die heutige Literatur entwickelte. Ebenso bei den Gemaelden, alles war christlich beeinflusst. Ohne dein verachtetes Christentum haette es Michelangelos David nie gegeben.
    Alles privat? Dann duerftest du niemals solche christlichen Kuenste anschauen oder dich an ihnen erfreuen.
    Du redest Stuss.

    „In der Geschichte des Christentums hatten es Juden nämlich besonders an Karfreitag schwer, da sie jahrhundertelang für den Tod von Jesus verantwortlich gemacht wurden.“

    Stimmt doch auch. Aber ich sehe das nicht als Schuld, sondern Notwendigkeit. Ohne die Kreuzigung, die eine Handvoll juedischer Fanatiker, Hohepriester, erzwangen, haette es keine Auferstehung gegeben, du darfst also stolz auf den Vorwurf sein. Keine Ironie.

    „Für mich haben Kunst, Kultur, Aufklärung und Liberalismus den gleichen Stellenwert wie für andere Menschen ein religiöser Glaube.“

    Warum weigerst du dich, den offensichtlichen Zusammenhang von Religion, Spiritualitaet, Kultur und Kunst zu erkennen? Ohne Religion gaebe es keine sixtinische Kapelle und keine Klagemauer. Obwohl ich bei letzerer nicht gerade aesthetische Kunst finde.
    Aufklaerung hat nur Tausende von Toten gefordert, aber den Menschen keinen Trost im Leid gegeben. Wenn du mal stirbst wirst du nur sagen: Danke Chemie, Danke Biologie, schoen das es dich gibt Atomwissenschaft. Das wird dich aber ungeheuerlich troesten. Und deine Familie, sofern du eine hast, auch.

    „Ein erzwungenes Danke ist kein Dank und erzwungener Respekt ist kein Respekt!“
    Du sollst auch nicht Respekt vor dem Karfreitag haben, du sollst Respekt vor der Glaeubigkeit der Menschen haben, denen der Karfreitag etwas bedeutet, Heilig ist, und zwar mehr als dein albernes Taenzchen.

    „ Respekt und Ehrfurcht vor Gott sehen anders aus!“ Sagt der Atheist. Witzbold.

    „Ein Glaube, der es nicht schafft, die Herzen seiner Anhänger ohne staatlichen Zwang zu erreichen, (… … …) ein Glaube, der nur leben kann, wenn er anderen Menschen Fesseln anlegt, ist ein schwacher Glaube.“
    Geschwafel ohne Wert. Pure dumme Polemik. Ich hatte dir mehr zugetraut.
    Jeder Mensch braucht aeusserliche Riten. Ob bei der Hochzeit oder Beerdigung, ob beim Freundschaftskuss oder sonstwann, es gab und gibt immer Rituale an die sich der Mensch halten will.

    „Warum fühlen sich diese Christen von Theaterstücken, Konzerten oder Tanzveranstaltungen gestört,“

    Tja, warum fuehlt sich ein trauender in seiner Trauer gestoert, wenn neben ihm Rockmusik entgegen plaerrt? Warum wohl? Beantworte es selber wenn du deine Fragen ernst nehmen solltest.

    „ Für mich ist Karfreitag aber kein stiller Tag, im Gegenteil: So wie der Karfreitag zur Zeit abläuft, ist er für mich purer Stress. Den ganzen Tag lang muss ich aufpassen, nicht ich selbst zu sein, weil ich mich sonst strafbar mache. „

    Mir kommen die Traenen.- Die Welt hat sich nach deiner Pfeife zu drehen?
    Nur Menschen, die Angst vor der Stille haben, weil Stille den Blick in sich, in die Abgruende der Seele verleiten kann, empfinden Stress bei stillen Tagen.
    Meditiere darueber.

  2. M schreibt:

    Ich glaube, Sie haben den Unterschied zwischen Respekt einerseits und Toleranz und dem Recht auf körperlich Unversehrtheit andererseits nicht ganz verstanden.

  3. Paul schreibt:

    2008 erlaubte Papst Benedikt XVI. eine abgeschaffte Karfreitagsfürbitte für die alte lateinische Messe schon wieder. Der Wortlaut lautet: “Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen.”

    In der katholischen Gemeinde in der ich war wurde das hier gebetet:

    „Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.

    Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.“

    (Diese von den deutschen Bischöfen approbierte Fassung wurde bei uns gebetet und soweit ich weiß überall in Deutschland.. Findest Du auch bei Wikki.)

    Daran finde ich nichts Anstößiges.

    Herzlich, Paul

  4. Paul schreibt:

    Kein Jude kommt in Deutschland auf die Idee, von allen Bürgerinnen und Bürgern zu verlangen, während der Zeit von Pessach kein Brot zu essen.

    Das ist ist richtig.

    Kein Katholik kommt in Israel auf die Idee von allen Bürgerinnen und Bürgern die Einhaltung des Karfreitagsgebots zu verlangen.

    Lieber Gerd, hier hast Du Dich ein wenig vergallopiert. Kann bei Deinem Lieblingsaufreger schon mal passieren. 🙂

    Herzlich, Paul

    • M schreibt:

      Die christlich Kirche sollte keine Vorrechte vor anderen Religionsgemeinschaften haben. Darum geht es. Nicht darum, dass wir in Deutschland und nicht in Israel leben.

  5. Pingback: Stiller Feiertag | Kamikaze-Demokratie

  6. yoyojon schreibt:

    Hallo Minus,
    dass es Anarchisten gab, die geglaubt haben sich antisemitische Entgleisungen leisten zu können oder zu müssen, hat nichts mit Anarchismus zu tun, sondern damit, dass Antisemiten, egal, was sie sonst zu sagen hätten, ihrer eigenen Dummheit und ihren rassistischen Projektionen offensichtlich nicht entkommen können. Demgegenüber stehen etwa die jüdischen Anarchisten und Kommunisten, die im spanischen Bürgerkrieg gekämpft haben.
    Und Du hast Recht, Anarchie ist in reiner Form zu ideal um real werden zu können.
    Ich will mal einen Versuch machen, das etwas mehr auf den Boden zu kriegen.
    1. Haben wir da den Marxismus, der entgegen der eindeutig positiven Ziele in der Realität bisher immer diktatorisch und überregulierend aufgetreten ist.
    2. Diese Herrschaftstendenz sollte also z.B. durch ein gerüttelt Maß an anarchistischen Ideen aufgelockert werden.
    3. Hätten wir dann eine Art Synthese zwischen beiden, die gar nicht so unvernünftig aussähe.
    ABER:
    Was haben wir dann? Wir hätten ein Weltmodell, das ich immer gern mit einem „Lego-Weltmodell“ vergleiche. Alle Weltmodelle haben die Eigenschaft, zwar irgendwie die Welt darzustellen oder darstellen zu wollen – und wir benötigen sie durchaus – die aber letztlich immer so grob sind, dass sie keines Falls mit der Welt verwechselt werden dürfen. Es ist dabei etwa so ähnlich, als wollte man mittels eines Legemodells vom Menschen medizinisch vorgehen und Operationen ausführen wollen.
    Um aber überhaupt eine Vorstellung von Mensch und von Welt zu haben, benötigen wir solche Modelle und müssen dann aber deren extreme Unvollkommenheit dadurch berücksichtigen, dass wir sie ständig an der Realität – so weit diese uns zugänglich ist – überprüfen und akkommodieren müssen.
    Das Problem beginnt bereits weit vorher: Wir sind nur in der Lage, die Welt in Bruchstücken und Fragmenten wahrzunehmen (Wahrnehmungstheorien) und dementsprechende Modelle in unseren Köpfen zu errichten, die wir im Alltag pausenlos mit der Erfahrung abgleichen. Sonst bekämen wir beim Essen den Löffel nicht in den Mund 😉 Die Wissenschaft beschäftigt sich ebenso mit Fragmenten und Bruchstücken (Geltungsbereiche) und ist dann aber mit ihren Modellen durchaus erfolgreich. Aber auch sie ist der ständigen Überprüfung ausgesetzt und ihre Modelle werden andauern verbessert und durch neue ersetzt.
    So also auch mit politischen, sozialen etc. Modellen. Sie können uns ein paar Ideen vorgeben, was wir so alles versuchen könnten oder können – müssen dann aber den „reality-check“ ständig durchlaufen.
    Wenn ich also etwa ein marxistisch-anarchistisches Modell im Kopf habe, dann darf das kein Prokrustes-Bett sein, sondern im Gegenteil dazu muss das „Bett“ immer wieder und ständig dem angepasst werden, der sich darin niederlegen will.
    Und ganz in diesem Sinne sage ich nun: „Es lebe das marxistisch-anarchistische Weltmodell!“ 🙂

    • yoyojon schreibt:

      Vielleicht noch ein kleiner Nachtrag. Betrachten wir einmal nur das marxistische Weltmodell. Das sagte aus sich selbst heraus, dass etwa die russische Gesellschaft ganz und gar nicht für dessen Umsetzung geeignet war. Der gewaltsame Versuch, es dennoch umzusetzen, ging dementsprechend so völlig daneben, wie es nur hätte gehen können. Manche meinten, dass nach 1918 allenfalls Deutschland für so etwas geeignet gewesen wäre. Bei genauerem Hinsehen allerdings auch nicht – und so ging der Versuch ebenfalls ganz und gar daneben.
      Nach all den unsinnigen Versuchen, Marxismus gewaltsam zu realisieren wurde dann um 1990 herum das Kind endgültig – wie ich meine – mit dem Bade ausgeschüttet.
      Von da an galt, dass ein solcher Mangel an brauchbaren Weltmodellen entstand, dass auf der einen Seite ein solcher Schwachsinn, wie der Neoliberalismus um sich greifen konnte und „zum Ausgleich“ auf der anderen Seite ein solcher Schwachsinn, wie der religiöse (islamistische) Fundamentalismus.
      Unterdessen hat sich die Welt in einer Weise weiter entwickelt, dass der traditionelle Marxismus in keinster Weise mehr anwendbar sein kann, selbst wenn wir davon ausgehen sollten, dass wir gerade den „Niedergang des Spätkapitalismus“ beobachten können. Die Welt heute ist mehr und anders als ein marxistischer Spätkapitalismus und die Probleme sind weithin neu und anders. Kurz:
      Wir sehen eine Welt, für deren „Reformierung“ weit und breit kein brauchbares Weltmodell zu erkennen ist.
      ABER… könnte es nicht sein, dass das „mit dem Bade ausgeschüttete Kind“ des Marxismus und der Anarchie Elemente enthalten, die eine Basis für ein neues, brauchbares Weltmodell darstellen könnten? (Schließlich bleibt der Mensch sich gleich, bleiben gewisse Probleme zu allen Zeiten bestehen).
      So. Und Nun ist Jedermann / Jedefrau herausgefordert, sich Gedanken zu machen und an der Hervorbringung neuer Weltmodelle zu arbeiten, die dann eine etwas andere Zielrichtung vorgeben können als es Islamismus und Neoliberalismus tun.
      Viel davon ist leider im Moment nicht zu erkennen. Immerhin gibt es zahllose, bruchstückhafte Ansätze, aus denen sich vielleicht etwas entwickeln könnte. Aber eben nur „vielleicht“.

  7. abusheitan schreibt:

    Es geht nicht um Respekt, sondern um Unterwerfung. Das Christentum demonstriert seine immer noch vorhandene, vielleicht sogar erstarkende, Macht. Eine andere Religion, die sich sogar ehrlicherweise Unterwerfung nennt, setzt immer mehr Ansprüche durch. Bald wird es wohl verboten werden während des Ramadan tagsüber Grillfeste zu veranstalten.

  8. American Viewer schreibt:

    und die Kirchenglocken werden nicht geläutet.
    Das sollte man besser mal für jeden Tag einführen.

    Die Kirchen, die zum Beispiel jeden Sonntagmorgen viel zu früh läuten, sind eine bodenlose Unverschämtheit. Da ist es nur logisch, dass man vor so einer Kirche/Religion keinen Respekt haben kann.

  9. tapferimnirgendwo schreibt:

    Wow. Jetzt greift der Wahnsinn nach Dir!

  10. yoyojon schreibt:

    Oben steht: „Juden zum Beispiel feiern Pessach“. Dazu fällt mir ein – ist es eigentlich mal Jemandem aufgefallen? Der Kern der jüdischen Feste bzw. Religion (Angefangen beim Shabat) ist… 🙂 … beisammen sitzen und gut essen. Wenn das nicht eine sympathische Religion ist! 🙂

  11. yoyojon schreibt:

    Wie war das? Da war da so ein griechischer Mysterienkult, vermischt mit Gnosis und Aspekten jüdischer Tradition. Und da wurde dann der Proband an einen aufgestellten Pfahl oder ein Kreuz gebunden um symbolisch (wie es auch in schematischen Kulten ähnlich vorkommt) zu sterben (Drogen?). Dann erstand er auf zu neuem Leben und wurde gesalbt, wurde ein „Christos“.
    Und.. hast Du nicht gesehen – wurde diese jüdische Sekte bzw. deren Mythus, mit historischen Attributen versehen und der Jedermann zugängliche Stand eines „Christos“ zur historischen Figur ernannt, womit der eigentliche Kult zur leeren Hülle wurde. Und leeren Hüllen (die sind billiger zu haben als der Durchgang durch eine schamanistisch-mystische Erfahrung) ist offensichtlich jahrtausendelanger Erfolg bestimmt. Erstaunlich…
    Und zur Unterdrückung und (Selbst-) Kontrolle der Menschen ist solch eine leere Hülle natürlich besonders gut geeignet. Aber das ist hinreichend bekannt.

  12. heidelbear schreibt:

    Übrigens: wenn sie über das Kommentarfeld schreiben: „Schreiben Sie mit Respekt!“ ist das dann echter oder erzwungender Respekt 😉

  13. heidelbear schreibt:

    Erzwungener Respekt ist kein Respekt aber schützt andere vor Respektlosigkeit. Natürlich ist die Frage, was zu respektieren ist, eine Frage, die in Gesellschaften sehr unterschiedlich gesehen wird. Unserem Staatsoberhaupt braucht man nicht so viel Respekt erzeigen wie in der Türkei, dafür aber Frauen mehr. Repektlosigkeit gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus ist bei Strafe verboten, während Politiker fröhlich veralbert werden dürfen. Das alles hat mit Geschichte, Kultur und unserem Grundgesetz zu tun.
    Die Religion als ganze hat Respekt verspielt. Dass sie grundsätzlich zu schützen und zu respektieren sei, dass fehlender Respekt gegenüber Religion den inneren Frieden gefährdet – das kann heute kaum einer einsehen. Das Zeigen Debatten um Tanzverbot und Blasphemieparagraph.
    Und das Christentum im besonderen ist eben nicht mehr selbstverständliche „Mehrheitsreligion“. Es muss sich an eine Randexistenz gewöhnen. Der Gedanke, dass die vielen in ihren religiösen Gefühlen und Verrichtungen nicht durch die Respektlosigkeit der wenigen gestört werden dürfen, ist angesichts der Zahlen von Gottesdienstbesuchern absurd geworden.
    Schade ist es um ein Stück Kultur. Neidisch werde ich nach Israel blicken, wenn am Yom Kippur das Leben stillsteht, wenn am Yom Ha-Schoa das geschäftige Treiben eine Unterbrechung erfährt. So etwas hatten wir auch mal, werde ich dann denken, aber dass es einer Gemeinschaft gut tut, auch ohne verordneten Glauben zu wittern, einfach mal gemeinschaftlich still zu werden, hat bei uns keiner gewusst oder gewollt.

    Heidelbaer

  14. Peter Pöpl schreibt:

    Lieber Herr Buurmann,

    ich schätze ihre Ansichten und teile einige davon. Mein Glaube ist ein ständig zweifelnder. Dennoch möchte ich das Osterfest auch öffentlich spüren – gerne mit den paar Einschränkungen die sie beschreiben.
    Außerdem mag ich es an die christlich-jüdischen Werte unserer Gemeinschaft erinnert zu werden.
    Und das alles ganz friedlich.
    Ihnen persönlich wünsche ich besinnliche Tage im Kreise ihrer Familie.

  15. yoyojon schreibt:

    Habe nur schnell (Eile) die Überschrift gelesen. Hurra! Hier zieht die Anarchie ein 🙂 Es lebe die Anarchie!!! Übrigens… für alle, die meinen „Anarchie = Chaos“ sei erklärt: Einer der Hauptsätze der Anarchie lautet: Wer (was) auch immer Autorität (in gewisser Weise nehme ich Respekt hinzu) einfordert, muss sich erklären und rechtfertigen. Sonst ist dieser Autoritäts- / Respektsanspruch aufzulösen.
    Übrigens… darüber hinaus meine ich, dass jedem Menschen, jedem Tier, jedem Teil der Natur immer zunächst mit Respekt gegenüber zu treten ist. Ob der dann einem selbst oder dem Gegenüber zu Recht zukommt, muss dann erst noch untersucht werden.
    Wie bekannt gibt es Menschen, die so nachhaltig bewiesen haben, dass ihnen in keinster Weise Respekt gezollt werden kann, dass sich ein entsprechendes Ergebnis einstellen muss und wird.

    • yoyojon schreibt:

      Erinnere mich, dass hier schon früher mal um „Respekt“ gestritten wurde. Da wurde behauptet, den müsse man sich erst verdienen. Ich meinte dagegen, dass Jedem und Allem dieser „angeboren“ sei. Das meine ich immer noch. Allerdings möchte ich ergänzen: Dieser „angeboren“ geschuldete Respekt – der also zunächst nicht erst verdient werden muss – kann auch, ggf. ganz leicht, ABGEBAUT werden. Und ehe man sich’s versieht, ist er weg. Dieses „Sich-den-Respekt-erhalten“ ist es wohl, was Diejenigen gemeint haben könnten, wenn sie von „sich Respekt verdienen müssen“ gesprochen haben.
      Jedenfalls, die berühmte Lilie auf dem Felde gebietet Respekt qua ihres Seins. Und so ist das mit dem Menschen auch. Wenn er dann aber zu denken und zu handeln beginnt, kann er den erhalten? Da kommt es darauf an… Meist eher nicht so ganz, eigentlich immer nicht so ganz… „nicht so ganz“ ist dabei durchaus sympathisch, während „ganz und gar nicht“ schon nicht mehr sympathisch wäre. Wie immer… es kommt darauf an…

    • Minus schreibt:

      Hallo yoyojon,
      man sollte ja davon ausgehen, dass jede halbwegs gebildete Person über die Wortbedeutung von Anarchie als Abwesenheit von Herrschaft informiert sein sollte. Sie ist eben gerade nicht die Herrschaft „des Durchsetzungskräftigen“, wie weiter oben behauptet wird, sondern der Verzicht der Stärkeren auf Machtausübung, bis ein Gleichgewicht der Kräfte eintritt, das allen zu Gute kommt.

      Natürlich ist solch ein gesellschaftlicher Anspruch auf Herrschaftslosigkeit utopisch, ja geradezu messianisch. Sowas lässt sich nun mal nicht umfassend und dauerhaft herstellen. Doch funktioniert das mit Gerechtigkeit oder Freiheit ebenso wenig und trotzdem sind das mehrheitlich akzeptierte und leitende Prinzipien unserer aufgeklärt demokratischen Idee.

      Wen jetzt noch abseits dieser sophistischen Überlegungen interessiert, wie die historisch gewachsene, anarchistische Bewegung mit den Frage Israel und Juden korreliert, denen seien die zwei Bände aus der Edition AV von Jürgen Mümken und Siegbert Wolf empfohlen: Anarchistische Positionen zu Antisemitismus, Zionismus und Israel.

      http://dadaweb.de/wiki/Antisemit,_das_geht_nicht_unter_Menschen
      http://edition-av.de/buecher/anarchistische_positionen_2.html

      Viel Spaß beim eventuellen Lesen wünscht
      Minus

Seid gut zueinander!

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