Käßmann und Abdel-Samad

Man kann über Margot Käßmann sagen, was man will, in der christlichen Lehre kennt sie sich aus, das Evangelium hat sie studiert. Auch zu Hamed Abdel-Samad kann man stehen, wie man möchte, aber er kennt die islamische Lehre, den Koran hat er studiert.

Margot Käßmann kommt zu dem Schluss, das Evangelium predige in aller erster Linie Gewaltverzicht. Hamed Abdel-Samad erklärt, der Koran predige in aller erster Linie Gewalt. Beide Schlüsse werden von Zeitgenossen heftig kritisiert. Die Einen behaupten, auch das Christentum lehre den Krieg und die Anderen behaupten, Islam bedeute Frieden. Es fällt jedoch auf, dass diese beiden Gruppen deutlich seltener den Koran oder das Evangelium zitieren als Käßmann und Abdel-Samad, eben weil sich für diese Thesen die beiden Schriften nicht wirklich eignen.

Man kann Margot Käßmann als radikal bezeichnen, aber man kann ihr nicht vorwerfen, sie hätte Jesus falsch interpretiert. Genauso wenig kann man Hamed Abdel-Samad vorwerfen seine Analyse, Mohamed habe Gewalt gepredigt, sei falsch. Mohamed hat im Gegensatz zu Jesus eine Menge Menschen getötet. Mohamed war von Beruf Soldat und bis ans Ende seines Lebens ein überzeugter Feldheer! Es gibt einige radikale Unterschiede zwischen dem Koran und dem Evangelium.

Das Evangelium ist ein Sammelsurium diverser Autoren. Der Koran hat nur einen Autor mit klarer Intention. Das Evangelium besteht überwiegend aus Geschichten und Gleichnissen. Von den Autoren des Evangeliums wissen wir nicht viel. Der Koran jedoch besteht aus Geschichten und Befehlen, verständlicherweise, denn der Autor des Korans war ein Feldherr. Die Hauptfigur des Evangeliums ist ein Hippie, der mit Huren, Sündern und Trinkern abhing, dem kaum eine Droge fremd war, der sich weigerte, zu sehr in die weltliche Politik einzugreifen und erklärte, wie man in den Himmel kommt, nämlich am besten arm und krank und natürlich nur durch ihn. Die Hauptfigur im Koran ist ein Feldherr mit Vorliebe für Ehefrauen unter zehn Jahren, der deutlich und kriegerisch ins politische Weltgeschehen eingriff und im Namen Gottes erklärte, wie man sich am besten unterwirft, nämlich ganz und gar. Bei solchen radikalen Unterschiedlichkeiten ist es lächerlich zu behaupten, im Grunde ginge es in beiden Büchern um die selbe Sache. Es gibt allerdings auch Gemeinsamkeiten.

Mohamed und Jesus glaubten fest an Gott. Mohamed erklärte jedoch, im Namen des einen Gottes müsse man gegen die Feinde kämpfen, weil es gottgefällig sei, Jesus aber erklärte, aller Kampf im Diesseits sei müßig, weil Gott die Bösen im Jenseits strafe und man daher hier auf Erden auch die andere Wange hinhalten könne. Jesus folgerte aus dem festen Glauben an Gott Gewaltverzicht, Mohamed nicht!

Ich muss gestehen, mir ist der Gedanke von Mohamed näher. Wenn ich der festen Überzeugung bin, recht zu haben und jemand kommt, mich zu demütigen, dann verteidige ich mich, notfalls auch mit Gewalt! Ich kann mit dem Satz wenig anfangen, der sich im Evangelium bei Matthäus 5 findet:

„Wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“

Einen Satz in dieser Radikalität findet sich im ganzen Koran nicht. Dort steht jedoch in Sure 5:

„Der Lohn derer, die gegen Allah und seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden und dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden.“

Einen Satz in dieser Radikalität sucht man wiederum im ganzen Evangelium vergeblich. Hamed Abdel-Samad erklärt in einem Interview mit der Welt:

“Ich könnte sagen, dass die Terroristen vom IS Mohammed missverstanden haben und fehlinterpretieren, wenn aus den authentischen Quellen und Texten herauszulesen wäre, dass Mohammed ein Mönch gewesen ist, der unter einer Palme seine Botschaft verkündet hat, dann friedlich gestorben ist, und die Menschen nach seinem Tode eine Religion begründet haben, die dann missbraucht wurde. So war es aber nicht. Mohammed war Kriegsherr, er hat das Gleiche getan, was die IS-Terroristen heute tun. Es ist die Geisteshaltung Mohammeds, der den Menschen misstraute, die sich bis heute erhalten hat. Die Geisteshaltung eines größenwahnsinnigen Narzissten, der einen inneren Kreis von Gefolgsleuten definiert und alle, die außerhalb dieses Kreises stehen, als Feinde betrachtet, die ausgelöscht gehören. Der IS ist das legitime Kind von Mohammed, in Wort und Tat. Niemand versteht Mohammed so gut wie der IS. Genau wie die Religionspolizei in Saudi-Arabien, die Fanatiker in Indonesien, Boko Haram in Nigeria, al-Schabab in Somalia und die Hamas im Gazastreifen. Sie stammen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten, berufen sich aber alle auf die gleichen multiplen Krankheiten des Propheten und damit auch seiner Religion.”

Für Aussagen wie diese wird Hamed Abdel-Samad gescholten wie Margot Käßmann, die in der Bild am Sonntag folgendes erklärt hat:

“Jesus hat eine Herausforderung hinterlassen: Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! Für Terroristen, die meinen, dass Menschen im Namen Gottes töten dürfen, ist das die größte Provokation. Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen. Ja, eine solche Haltung wird belacht und sie wird auch viele Menschen überfordern. Weil es der menschliche Instinkt ist, Rache zu üben. Aber auf den Hass nicht mit Hass zu antworten, das ist die Herausforderung. Ich würde den Terroristen gerne antworten: Ihr seid die Angstbestimmten! Ihr habt Angst vor unserer Freiheit – der Freiheit der Frauen, der Homosexuellen. Wir sollten unsere Freude und unseren Stolz darüber zeigen, dass wir leben können, wie wir wollen. Wir sollten jetzt erst recht auf die Straße gehen, tanzen, in den Cafés sitzen und Fußballspiele nicht absagen. Damit zeigen wir den Terroristen: Wir lassen uns von euch nicht Angst machen! Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen.”

Wenn ich solche Worte lese, dann kann ich Henryk M. Broder gut verstehen, wenn er fragt: „Haben Sie noch alle Perlen an ihrer Halskette? Hätten Sie den Mumm, den Menschen, die ihre Angehörigen am 22. März verloren haben, ins Gesicht zu sagen: ‚Liebet eure Feinde! Versucht den Mördern mit Beten und Liebe zu begegnen‘?“

Broder kann genauso wenig wie ich verstehen, warum sich jemand im Diesseits nicht mit Gewalt wehren sollte. Er kennt allerdings den Grund, der zu so einem Fundamentalismus führen kann: „Möglicherweise sind Sie tatsächlich davon „überzeugt, dass es ein Leben nach dem Tode gibt“, während ich nur glaube, dass Hunde intelligenter sind als Katzen.“

Genau hier trifft Broder den Nagel auf den Kopf. Erstens, Hunde sind intelligenter als Katzen und zweitens, der Glaube an ein göttliches Gericht im Jenseits brachte Jesus dazu, für die Mörder zu beten und Margot macht es ihm nach! Viele können das nicht verstehen. Ich auch nicht. Deshalb stelle ich mich aber nicht hin und behaupte, das Evangelium predige das Gegenteil. Es wäre daher schon viel gewonnen, wenn die Gegner der Auslegungen Käßmanns und Abdel-Samads nicht einfach das Gegenteil behaupten, weil es nicht minder falsch ist als das Gegenteil. Christentum bedeutet nicht Krieg! Islam bedeutet nicht Frieden!

Was bedeutet schon Frieden? Was Krieg? Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.

Aber das ist eine jüdische Weisheit und die Sache ist eh schon kompliziert genug. Daher will ich jetzt nicht auch noch das Judentum in den Ring werfen. Ich höre lieber auf!

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