In Sachen Böhmermann

„Satire darf alles“, sagen jene, die Tucholsky nicht gelesen haben, mit etwas mehr Vehemenz als jene, die ihn gelesen haben. Ich aber sage, es gibt eine Sache, die Satire nicht darf: sich entschuldigen!

Erinnern Sie sich noch an den Film „Innocence of Muslims“? Ausschnitte dieses laienhaft produzierten Films wurden im Jahr 2012 auf YouTube geteilt. Das Teilen des Films führte zu gewalttätigen Demonstrationen in mehreren arabischen Ländern. Militante Extremisten verübten Angriffe auf Botschaften und Konsulate der USA und erklärten, die Anschläge seien von dem Film provoziert worden, da der Film den Propheten und somit alle Muslime beleidigt habe. Im Verlauf der Ausschreitungen wurden mindestens dreißig Menschen getötet, darunter der US-amerikanische Botschafter in Libyen, J. Christopher Stevens. Alles nur wegen einer Satire, die meiner Meinung nach nicht eine einzige zündende Pointe hatte. Zündeln taten Islamisten!

Und was tat die westliche Welt? Sie entschuldigte sich!

Als Reaktion auf den Film produzierte die amerikanische Regierung zum Beispiel einen Entschuldigungsfilm, kaufte Sendezeit in Pakistan und ließ die Entschuldigung dort senden. Auf sieben Stationen lief der Spot der US-Regierung, in dem die damalige Außenministerin Hillary Clinton betonte, die Regierung der USA habe mit dem „islamfeindlichen“ Video “absolut nichts” zu tun. Sie fügte hinzu: “Wir lehnen den Inhalt und die Botschaft absolut ab.” Der Spot endet mit dem US-Wappen, um den offiziellen Charakter des Spots zu unterstreichen.

In einer Stellungnahme bezeichnete Hillary Clinton den Film zudem als „widerlich und verwerflich“ und fügte hinzu: „Es scheint eine zutiefst zynische Absicht zu haben, eine große Religion zu verunglimpfen und Wut zu provozieren.“

Kennen Sie dieses Kunstwerk?

20120924-113724.jpg

Es heißt „Piss Christ“ und stammt aus dem Jahr 1987. Es wurde von dem amerikanischen Künstler Andres Serrano gemacht und zeigt ein Kruzifix, das in einem Glas mit Urin schwimmt. Kein amerikanischer Präsident produzierte einen Film der Entschuldigung, um Christen zu beruhigen und keine amerikanische Außenmisinsterin fühlte sich genötigt, die Verunglimpfung des Christentums anzuprangern. Stattdessen gewann das Kunstwerk den „Awards in the Visual Arts“. Er wird vom Center for Contemporary Art’s vergeben. Dieses Zentrum wiederum wird von der USA mit staatlichen Mitteln gefördert. Man stelle sich mal vor, was passiert wäre, hätte es einen „Piss Mohammed“ gegeben.

In Deutschland lobte die SPD die Entschuldigung von Obama und Clinton für den Film „Innocence of Muslims“. Auch viele Journalisten in Deutschland gaben der Satire eine Mitschuld an den Morden. Die ZEIT schrieb:

„Zu dem Film, der den Anlass für den Mord an Stevens hergegeben hat, fällt mir nichts ein. Die Redefreiheit zu verteidigen, kann nicht heißen, dass man diesen Schwachsinn auch verteidigen muss. Natürlich handelt es sich um eine gezielte Hassattacke (…) Denn in unseren Zeiten hat auch ein solcher unspeakable idiot die Möglichkeit, die Welt in Brand zu stecken.“

Die Süddeutsche Zeitung erklärte sogar:

„Es ist müßig, hier nach Tätern und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen Extremisten aus, islamistische Fanatiker haben sie angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt.“

Sich entschudligen ist die Beschwichtigungspolitik des 21. Jahrhunderts. Nachdem am 30. September 2005 in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten zwölf Mohamed-Karikaturen gedruckt wurden, kam es in vielen Ländern der Welt zu Demonstrationen und islamisch motivierten gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen mehr als hundert Menschen getötet wurden. Damals weigerte sich die deutsche Regierung noch, sich zu entschuldigen. Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble sagte am 2. Februar 2006 in der Welt:

„Warum sollte sich die Regierung für etwas entschuldigen, was in Ausübung der Pressefreiheit passiert ist? Wenn sich da der Staat einmischt, dann ist das der erste Schritt zur Einschränkung der Pressefreiheit.“

An anderen Orten jedoch war die Beschwichtungspolitik der Entschuldigung bereits eingezogen. Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan erklärte, die „Pressefreiheit sollte immer in einer Weise angewendet werden, die den Glauben und die Lehren aller Religionen vollständig respektiert.“ Ein paar Jahre sollte die Beschwichtungspolitik noch schlimmer werden.

Nachdem Satiriker in der Redaktion von Charlie Hebdo von islamischen Terroristen ermordet worden waren, weil sie Mohamed verarscht hatten, schrieb Bernd Matthies vom Tagesspiegel, an der Behauptung, der ermordete Chefredakteur von Charlie Hebdo, Stéphane Charbonnier, sei ein sturer Dickkopf, der seine Redaktion in den Tod getrieben habe, sei „irgendwie was dran“. Er erklärte zudem, die Redaktion Charbonniers habe „zur Eskalation beigetragen“, indem sie „auf jeden Protest, jede Drohung und schließlich den Brandanschlag 2011 mit neuem, schärferem Spott“ geantwortet habe.

Im April 2016 machte sich der Satiriker Jan Böhmermann auf, in seiner Show Neo Magazin Royale zu zeigen, „wo die Grenzen der Satire bei uns in Deutschland sind.“ Hintergrund der Satire von Jan Böhmermann war ein NDR-Beitrag der Show extra 3, in dem der türkische Präsident kritisiert wurde. Kurz nach der Ausstrahlung hatte die türkische Regierung den deutschen Botschafter einbestellt und die Löschung des Beitrags verlangt. Jan Böhmermann las daraufhin in seiner Show folgendes Gedicht, mit der Betonung, das Gedicht sei eine Schmähkritik und daher in Deutschland nicht erlaubt:

„Sackdoof, feige und verklemmt,
ist Erdoğan, der Präsident.
Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner,
selbst ein Schweinefurz riecht schöner.

Er ist der Mann, der Mädchen schlägt
und dabei Gummimasken trägt.
Am liebsten mag er Ziegen ficken
und Minderheiten unterdrücken;
Kurden treten, Christen hauen
und dabei Kinderpornos schauen.
Und selbst abends heißt’s statt schlafen
Fellacio mit hundert Schafen.

Ja, Erdogan ist voll und ganz
ein Präsident mit kleinem Schwanz.
Jeden Türken hört man flöten:
„Die dumme Sau hat Schrumpelklöten.“
Von Ankara bis Istanbul
weiß jedermann, der Mann ist schwul,
pervers, verlaust und zoophil,
Recep, Fritzl Přiklopil.

Sein Kopf so leer wie seine Eier,
der Star auf jeder Gangbang-Feier.
Bis der Schwanz beim Pinkeln brennt:
Das ist Recep Erdoğan, der türkische Präsident.“

Keine Frage, das Gedicht an sich lässt jedes türkenfeindliche Neonaziherz höher schlagen und wird bestimmt in einschlägigen rechten Foren eifrig geteilt, aber nur, wenn man den Kontext wegschneidet, wie es leider in vielen YouTube-Kopien geschehen ist.

Jan Böhmermann hat das Gedicht allerdings in einen deutlichen Kontext gestellt. Er persifliert die Vorurteile und Ressentiments. Er verhandelte anhand eines Schmähgedichts die Frage, die schon Kurt Tucholsky im letzten Jahrtausend umtrieb: „Was darf Satire?“ Das ZDF beantwortete die Frage auf seine Weise und löschte das Video aus seiner Mediathek. Die Mainzer Staatsanwaltschaft beantwortete ebenfalls die Frage und leitete Ermittung gegen Jan Böhmermann ein und zwar wegen des Verdachts der Beleidigung eines ausländischen Staatsmanns, was laut §103 des Strafgesetzbuches mit bis zu fünf Jahren bestraft werden kann. Sogar Bundeskanzlerin Angela beamtwortete die Frage mit einem Anruf beim türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu. Sie erklärte telefonisch, mit Davutoğlu einig zu sei, dass es sich bei dem Gedicht über Staatschef Recep Tayyip Erdoğan um einen „bewusst verletzenden Text“ handele.

Mehr offizielle Antwort kann es kaum geben auf die Frage „Was darf Satire?“

Erdogan liebt es, gegen deutsche Satire vorzugehen, möge es nun Jan Böhmermann, extra 3 oder der Düsseldorfer Karneval sein! Im Frühjahr 2016 sorgte ein Mottowagen von Jacques Tilly im Düsseldorfer Karneval für einen politischen Eklat. Zu sehen war Erdogan wie er zusammen mit einem Terroristen vom Islamischen Staat auf das vergossene Blut von Kurden anstößt. Die Generalkonsulin der Türkei, Sule Gürel, verlangte daraufhin, dass der Karnevalswagen über den türkischen Präsidenten Erdogan entweder entfernt oder „verhüllt“ wird.

Mir persönlich hätte das gefallen. Zwei Männer, die sich unter einer Burka verstecken. Das sieht man auch nicht alle Tage! Verhüllt hätte der Wagen gezeigt, dass Erdogan und der Islamische Staat unter einer Decke stecken. Spannend, dass die Generalkonsulin der Türkei genau diese Metapher produzieren wollte. Augrund eines Sturmes fuhr der Wagen nicht zu Rosenmontag, sondern ein paar Wochen später bei einem Nachholtermin im März und da dann tatsächlich verhüllt.

Die Verhüllung war nichts weiter als eine weitere Überspitzung durch Jacques Tilly. Nichts anderes machte Jan Böhmermann mit seinem Vorlesen eines Schmähgedichts über Erdogan. Die Reaktionen darauf sind alle akzeptabel. Das ZDF darf löschen was es will (Perssefreiheit), die Mainzer Staatsanwaltschaft muss ermitteln lassen, wenn Anzeige erhoben wird (Rechtssicherheit) und die Menschen können über Jan Böhmermann sagen, was sie wollen (Meinungsfreiheit). Eine Sache geht jedoch nicht: Eine Bundeskanzlerin, die bei Erdogan anruft und sich für die Satire eines deutsches Mediums entschuldigt. Dafür wurde sie nicht gewählt. Satire darf alles, außer sich entschuldigen.

Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Kunst, Liberalismus, Politik, Spaß veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.