Nennt mich einen Feministen!

Die Schriftstellerin Rebecca West sagte einst:

„Ich selbst habe es nie geschafft, genau herauszufinden, was Feminismus ist. Ich weiß nur, dass ich immer dann als Feministin bezeichnet werde, wenn ich Gefühle zum Ausdruck bringe, die mich von einer Fußmatte unterscheiden.“

Alice Schwarzer sagte einst:

„Wären die Suffragetten Männer gewesen, so wäre der Begriff heute ein Kompliment, Ausdruck nämlich für den couragierten Kampf für Rechte, die uns heute selbstverständlicher Teil einer Demokratie scheinen. Doch es sind Frauen, sind unsere Mütter und Großmütter, die vor uns gekämpft haben. Denn wir beginnen nicht mit der Stunde Null. Die Frauenrevolte hat eine lange, von der patriarchalischen Geschichte immer wieder zugeschüttete Tradition. Und was wissen wir heute davon? Nichts! Systematisches Verschweigen und Diffamieren der kläglichen Reste rauben uns immer wieder unsere Vergangenheit. Heute stehen die Vorkämpferinnen nicht etwa auf dem historischen Sockel der Märtyrer und Helden, sondern in den Niederungen der schrulligen Tanten. Frauen, die sich für Frauen einsetzen, sind keine politischen Kämpferinnen, sondern hysterische Witzfiguren. Denn das war noch allemal die beste Waffe in der Hand des Patriarchats: Töten durch Lächerlichmachen.“

Für mich ist und bleibt das Wort „Feminist“ ein Kompliment. Nennt mich einen Feministen! Es macht mich stolz, Feminist genannt zu werden, denn Marie le Jars de Gournay war eine Feministin. Im Jahr 1622 veröffentlichte sie das Werk „Über die Gleichheit“ und argumentiert dort, dass alle Menschen ungeachtet der Herkunft und des Geschlechts vernunftsbegabte Wesen sind und daher gleich an Rechten und Pflichten:

„Genau genommen ist das menschliche Wesen übrigens weder männlich noch weiblich: das unterschiedliche Geschlecht ist nicht dazu da, einen Unterschied in der Ausprägung herauszubilden, sondern es dient lediglich der Fortpflanzung. Das einzige wesenhafte Merkmal besteht in der vernunftbegabten Seele. Und wenn es erlaubt ist, beiläufig einen kleinen Scherz zu machen, dann wäre hier wohl jene anzügliche Bemerkung nicht unpassend, die besagt: nichts ähnelt dem Kater auf einer Fensterbank mehr als – die Katze. Der Mensch wurde sowohl als Mann wie Frau geschaffen. Männer und Frauen sind eins.“

Hundert Jahre später widersprach der Humanist Rousseau dieser Auffassung und erklärte statt der feministischen Menschenrechte Gournays die humanistischen Männerrechte. Zu keiner Zeit war die Hauptströmung des Feminismus von dem Gedanken geprägt, Männer seien den Frauen untergeordnet. Dem Humanismus jedoch hingen nicht selten führende Philosophen an, die Frauen den Männern unterstellten. Es sind daher die Humanisten, die sich schämen sollten, nicht die Feministinnen!

Feministinnen kämpften stets für die Gleichberechtigung aller Menschen. Die führenden Köpfe im Kampf gegen die Sklaverei waren nicht selten Frauen: Aphra Behn (17. Jahrhundert, England), Olympe de Gouges (18. Jahrhundert, Frankreich), Mathilde Franziska Anneke (19. Jahrhundert, USA). Die Franzözische Revolution, die Amerikanische Revolution und die Englische Revolution befreiten jeweils nur Männer. Die Suffragettenbewegung jedoch befreite im 20. Jahrhundert alle Menschen! Die Suffragettenbewegung erstritt für etwas mehr als die Häflte der Bevölkerung Freiheit und Unabhängigkeit und ist somit die größte und erfolgreichste Revolution der Menschenheitsgeschichte, deutlich erfolgreicher als die Französische Revolution, die im Terror endete und Frauen ihre Rechte absprach.

Olympe de Gouges lebte während der Französischen Revolution. Sie stellte die Vernunft in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung und und widersprach dem Terror:

„Die Sturmglocke der Vernunft ist im ganzen Universum zu hören; erkennt eure Rechte! Das gewaltige Reich der Natur ist nicht mehr umlagert von Vorurteilen, Fanatismus, Aberglaube und Lügen. Die Fackel der Wahrheit hat alle Wolken der Dummheit und Anmaßung zerstreut. Der versklavte Mann hat zwar seine Kräfte vervielfacht, aber er hat der eurigen bedurft, um seine Ketten zu sprengen. Kaum in Freiheit versetzt, ist er nun selbst ungerecht geworden gegen seine Gefährtin. O Frauen! Frauen, wann wird eure Verblendung ein Ende haben? Was sind denn die Vorteile, die euch aus der Revolution erwachsen sind? Ihr werdet noch mehr verachtet, noch offener verhöhnt.“

Erklärte noch im 17. Jahrhundert die Philosophin Marie les Jars de Gournay die Gleichheit von Männern und Frauen (1622), erklärten die Sieger der Französischen Revolution kurzerhand die Männer- und Bürgerrechte (1789), oft fälschlicherweise als Menschen- und Bürgerrechte übersetzt, obwohl Frauen dezidiert nicht mit „des hommes“ gemeint waren, was Oylmpe de Gouges in ihrer Antwort „Die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ auch offen kritisierte.

„Fürchtet ihr, dass unsere französischen Gesetzgeber – Richter über jene Moral, die sich lange Zeit in der Politik eingenistet hat, nun aber überlebt ist – es euch wiederholen: „Frauen, was habt ihr mit uns gemein?“ „Alles“, werdet ihr zu entgegnen haben. Und wenn sie sich in ihrer Schwäche darauf versteifen, mit ihren eigenen Prinzipien in Widerspruch zu geraten, dann setzt beherzt die Macht der Vernunft ihren eitlen Anmaßungen entgegen, euch überlegen zu sein (…) Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen; sie muss gleichermassen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen!“

Während Olympe de Gouges für die Menschenrechte stritt und das Recht eines jeden Menschen auf einen fairen Prozeß verteidigte, erklärten die männlichen Sieger der Revolution den Terror. Obwohl Olympe de Gouges eine blühende Republikanerin war und in dem König einen Feind der Demokratie sah, kämpfte sie für einen fairen Prozeß des Königs, weil für sie Menschenrechte unveräußerlich waren, selbst für die größten Feinde. Für Olympe de Gouges sollte die Vernunft herrschen. Die Sieger der Revolution sahen das anders. Am 17. Januar 1794 erklärte Maximilien Robespierre den Sieg der „Natur“ über die Vernunft:

„Wenn man vorschlägt, Ludwig XVI. den Prozeß zu machen, so stellt man die Revolution in Frage. Kann er gerichtet werden, so kann er freigesprochen werden, kann er freigesprochen werden, so kann er unschuldig sein. Ist er aber unschuldig, was wird aus der Revolution? (…) Wie könnte der Tyrann den gesellschaftlichen Pakt für sich anrufen? Er hat ihn vernichtet! Welche Gesetze sind an seine Stelle getreten? Die Gesetze der Natur: das Volkswohl.“

Olympe de Gouges jedoch verteidigte die Gesetze der Vernunft und landete dafür auf dem Schafott. Am 3. November 1793 wurde sie hingerichtet. Ihr Vergehen: Sie hatte sich den „Gesetzen der Natur“ widersetzt. Sie wusste warum. Wenn die Mächtigen krank werden, wollen sie nicht, dass die Natur herrscht, sondern sie verlangen nach der Vernunft des Arztes, wenn ihnen Unrecht widerfährt, wollen sie nicht, dass die Natur herrscht, sondern sie rufen nach der Vernunft des Richters, wenn sie aber unterdrücken wollen, dann holen sie schnell die Natur aus der Kiste und dann gibt es auf einmal die Natur der Frau, des Juden oder des Schwarzen und die Mächtigen tun so, als wüssten sie genau, was die Natur will, ganz so als hätten sie erst letzten Sonntag mit Mutter Natur Kaffee getrunken. Hedwig Dohm jedoch argumentierte:

„Wie der Mensch sich seinen Gott nach seinem Ebenbild schafft, so legt ein jeder seine Anschauungen der Natur in den Mund. Eine Byzantinerin ist die Natur, redet dem, der gerade die Macht hat, zu Munde, oder gibt wenigstens immer die Antwort, die der Fragende erwartet. Was ist natürlich, was unnatürlich? Die meisten geistigen Errungenschaften sind Einbrüche in vermeintliche Naturgesetze. Das scheinen die Antifeministen selbst zu bestätigen, wenn sie sagen: „Wir müssen auf der Änderung dieser verkehrten Welt bestehen.“ Recht haben sie. Wir bestehen ja auch darauf. Nur wollen sie, dass die Welt wieder so werde, wie sie einstmal war, wir aber wollen, dass sie werde, wie sie noch niemals war. Und sage nicht, es muss so sein, weil es niemals anders war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte steriler Gehirne. Schaffe Möglichkeiten!“

Hedwig Dohm erinnert mit dem Begriff „Byzantinerin“ an das Jahr 1453, als die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel von einer islamisch-osmanischen Armee belagert wurde. Während der Belagerung erschöpften sich Byzantiner und christliche Mönche trotz des Ernstes der Lage in religiösen und mythischen Debatten, statt zu kämpfen. Dem islamischen Sultan Mehmet II fiel es daher nicht schwer, erfolgreich Konstantinopel zu erobern und in ein islamisches Istanbul zu verwandeln. In der islamischen Welt wird seither die Weigerung zum Kampf und der Glaube an Debatten und Geprächen als einziges Mittel der Auseinandersetzung als „byzantinisches Geschwätz“ bezeichnet. Hedwig Dohm aber sagte:

„Mehr Stolz, Ihr Frauen, der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!“

Feminismus ist die Bereitschaft zum Kampf! Feminismus bedeutet nicht, dass Männer verändert werden, ihr Bild von Frauen zu verändern, sondern dass Frauen nicht mehr daran gehindert werden, sich effektiv zu wehren! Feminismus bedeutet nicht, dass Männer keinen Frauen schlagen, weil sie Frauen sind, sondern weil sie sich wehren können!

Nach Jahrhunderten der Unterdrückung erkannten Juden in Europa, dass es nicht hilfreich ist, lediglich darauf zu bauen, dass die Umgebung ein gutes Bild von Juden hat. Juden erkannten, dass sie wehrhaft werden mussten. Im Jahr 1871 zum Beispiel wurden zwar alle Juden gleichberechtigte Bürger des Deutschen Reichs, aber nur etwas mehr als sechzig Jahre später nahmen die Nazis ihnen nicht nur ihre Rechte wieder weg, sie vernichteten sie! Es gab keine Macht, die die Nazis daran hinderte. Hätte es Israel schon im Zweiten Weltkrieg gegeben, Auschwitz wäre vermutlich nicht möglich gewesen. Israel kämpft nämlich für Juden!

Es gibt nicht wenige Menschen, die sagen, der Zionismus treibe einen Keil zwischen die Völker. Sie sagen, der Zionismus sei eine Geisteskrankheit, die Misshandlungen gegen Palästinenser produziere. Zionisten sähen nur potentielle Terroristen und Gewalttäter und nähmen daher alle Palästinenser in Sippenhaft. Der Zionismus wird von vielen Israelkritikern so beschimpft, wie der Feminismus von Feminismuskritikern beschimpft wird. Sie sagen, der Feminismus sei unnatürlich, produziere nur Streit unter den Geschlechtern, sorge dafür, dass alle Männer nur als potentielle Vergewaltiger angesehen würden und nähmen alle Männer in Sippenhaft.

Als 1948 sämtliche Nachbarländer Israels dem kleinen jüdischen Staat einen Vernichtungskrieg erklärten, war Israel seinen Feinden in der Masse zwar körperlich unterlegen, gewann aber dennoch den Krieg! Selbst wenn Frauen körperlich schwächer sind als Männer, heißt das nicht, dass sie sich nicht effektiv verteidigen können! In Europa waren Juden immer eine radikale Minderheit. Es wäre schön gewesen, hätten sie in einer Umgebung leben können, in der sie nicht gehasst wurden und es war gut, dass Juden immer wieder versucht haben, positiv auf das Bild einzuwirken, das die Mehrheitsgesellschaft von Juden hatte, aber irgendwann wurde klar, dass es nur ein Mittel gibt, um sich der Gewalt zu erwehren: mehr Gewalt!

Der Zionismus macht sich oft nicht beliebt, aber wenn Juden wählen müssen, ob sie lieber beliebt und tot sind oder ungeliebt und lebendig, dann wird sich die Mehrheit der Juden mit Sicherheit für lebendig entscheiden. Der Feminismus macht sich auch nicht unbedingt beliebt, aber wenn eine Frau wählen muss, ob sie lieber ein beliebtes Objekt oder ein ungeliebtes Subjekt sein möchte, dann wird sich jede Emanze dafür entscheiden, ein Subjekt zu sein. Nichts geht über die Freiheit!

Feminismus ist wie Zionismus, ein Israel der Frauen, eine Lebensversicherung von Frauen für Frauen! Hedwig Dohm sagte einst: „Menschenrechte haben kein Geschlecht“

Dieser Beitrag wurde unter Feminismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.