Eine Frage an Thees Kalmer (Bündnis 90/Die Grünen)

„Ich versuche nichts zu relativieren. Ich glaube nur, dass es nicht viel bringt, den Iran so darzustellen, wie ihr es immer tut und gleichzeitig Netanjahus Hardliner Rhetorik ignoriert.“ (Thees Kalmer)

Thees Kalmer ist eine deutsche Politikerin. Von 2013 bis 2015 war sie Sprecherin der Grünen Jugend. Ihre Schwerpunktthemen sind Ökologie, Europapolitik und Queerpolitik. Im August 2016 war sie mit Freund_innen auf einer Reise in den Iran. Ihr Fazit fällt wie folgt aus:

„Wir haben das Land zum großen Teil anders wahrgenommen, wie uns hier vermittelt wird. Das Regime ist ohne Zweifel autoritär, der Iran verzeichnet die höchste Exekutionsrate gemessen an der Einwohner_innenzahl, Regimekritiker_innen werden unterdrückt und Oppositionsparteien nicht zu gelassen. Das Leben im Iran ist aber unter der Oberfläche vielfältig und lebendig. Gerade deswegen ist der Austausch mit der iranischen Zivilgesellschaft besonders wichtig. Mit dem Atom-Deal und der damit einhergehenden Öffnung des Irans ist unsere Hoffnung die Stärkung der Vielfalt der iranischen Gesellschaft und eine Veränderung des Irans von unten. Doch dies kann auch nur dann gelingen, wenn wir aufhören, den Iran als Land zu dämonisieren, differenziert Kritik üben und das Land mit den darin lebenden Menschen als Gesprächspartner anerkennen.

Frieden werden wir nur erleben, wenn wir endlich alle anfangen, miteinander zu reden und versuchen, unsere Ziele ohne Drohung und Beseitigungsfantasien zu kommunizieren. In diesem Sinne können wir nur alle ermutigen, selbst in den Iran zu fahren, eigene Gespräche zu führen, mit diversen Teilen der iranischen Gesellschaft ins Gespräch zu kommen und sich selbst ein Bild von diesem Land zu machen.“

Liebe Thees,

Danke für die Ermutigung, in den Iran zu reisen. Es gibt da nur leider ein Problem. Kuwait, Libanon, Libyen, Saudi Arabien, Sudan, Syrien, Jemen und der Iran haben ein Einreiseverbot gegen mich ausgesprochen, weil ich in Israel war. Dieses Verbot gilt für alle Menschen, die in Israel waren. Ich kann weder das bunte Nachtleben Libyens erleben, noch die Schwulen- und Lesbenszene im Iran genießen. Ich kann nicht mal mit Feministinnen im Auto um die Blocks von Saudi Arabien ziehen. Alles nur, weil ich in Israel war! Syrer können mich zu Hause besuchen, ich jedoch keine Syrerin in ihrem syrischen Haus!

Im Jahr 2012 stand ich vor der Möglichkeit, im Iran aufzutreten. Ich arbeitete damals mit dem Regisseur Ali Jalaly zusammen. Er ist Leiter des Ali Jalaly Ensembles in Köln und wurde im Iran geboren. Bei unserer letzten Zusammenarbeit kam es zu einer handfesten Auseinandersetzung, die beinahe unsere Freundschaft gefährdet hätte.

Ali Jalalys Inszenierung der Farce “Der Büchsenöffner” von Victor Lanoux, in dem ich die Hauptrolle spielte, wurde zu einem Festival in den Iran eingeladen. Nun musste ich meinem Regisseur erklären, dass ich auf keinen Fall mitkommen würde. Er möge mir nicht böse sein, sprach ich, aber unter keinen Umständen könne ich in ein Land reisen und Theater spielen, in dem Homosexuelle getötet, die Opposition verfolgt, der Islam als Staatsreligion gelebt und Israel als Feind angesehen wird. Auf Ali Jalalys Einwand, dass das Volk ja nichts für das Regime könne und ausländische Theatergruppen wie wir ein kleiner aber wichtiger Hauch der Freiheit seien, vermochte mich nicht zu überzeugen. Eine von mir hoch geschätze Kollegin, die sich als klare Feministin versteht, war sogar bereit, ein Kopftuch zu tragen. Als ich auch noch erfuhr, dass wir einige Tage vor der Aufführung in den Iran reisen sollten, damit unsere Inszenierung von der Zensur begutachtet und abgesegnet werden kann, war für mich das Maß voll.

„Es tut mir leid um die Menschen im Iran, für die der Besuch zu unserem Stück ein Hauch der Freiheit wäre,“ sprach ich, nicht ganz unaufgeregt, „aber noch mehr leid tun mir die Menschen im Iran, die unser Stück nicht sehen können, weil sie im Knast sitzen oder an einem Kran baumeln.“ Ich fügte sogar ein Zitat der Geschwister Scholl von der Bewegung Die Weiße Rose hinzu:

“Vergesst nicht, dass ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt.”

Es gibt noch andere Gründe, die es einem Menschen unmöglich machen, in den Iran zu reisen. Als Dank des von Dir gelobten Atom-Deals wieder wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran aufgenommen wurden, wollte Sigmar Gabriel mit der Staatskapelle Berlin nach Teheran reisen, um dort die neue Zusammenarbeit zu feiern. Es gab jedoch ein Problem! Der Sprecher des iranischen Kulturministeriums, Hossein Noushabadi, erklärte, dass der Dirigenten nicht erwünscht sei, da er Jude und somit laut Noushabadi aufgrund seiner „Nationalität und Identität“ mit „Israel assoziiert“ sei. Das Kulturministerium bat jedoch einen Kompromiss an:

„Das Symphonieorchester kann seinen Dirigenten austauschen und dann erneut um einen Auftritt in Teheran bitten. Nur unter diesen Umständen kann eine erneute Anfrage wieder untersucht werden.“

Ist das ein Zeichen des guten Willens? Sollte um des lieben Friedens Willen Dirigenten ausgetauscht werden können, wenn sie Juden sind? Stehen Juden dem Frieden im Wege, wenn sie eine solche Politik nicht dulden möchten? Wenn ein Dirigent sich weigert, dreht er dann an der Gewaltspirale und löst am Ende sogar einen Flächenbrand aus?

Der Name des Dirigenten, den der Iran nicht reinlassen wollte, ist übrigens Daniel Barenboim! Interessanterweise gehört er zu den schärfsten Kritikern Israels, aber das war den Herrschenden im Iran egal. Er ist Jude und daher „mit Israel assoziert“! Die Mullahs im Iran wollen Israel vernichten und zwar unabhängig von der Politik Israels. Für sie ist nicht störend, was Juden machen, sondern dass Juden überhaupt was machen.

Liebe Thees,

bitte erkläre mir, wie ich in ein Land reisen soll, das mich nicht haben will, weil ich in Israel war und dass viele meiner Freunde nicht reinlässt, weil sie Israelis sind? Und noch was, auf Facebook schreibst Du:

„Nach den Gesprächen, die wir geführt haben, wird Rohani vor Ort als moderat eingeschätzt. Die dennoch hohen Hinrichtungszahlen wurden uns so erklärt, dass er aufgrund seiner moderaten Politik innenpolitische Härte zeigen muss, um auch die Konservativen hinter sich zu bekommen.“

Könnte es geschehen, dass ich in den Genuss dieses Beweises der innenpolitische Härte kommen könnte, wenn ich in den Iran reise? Ich war schließlich in Israel, verteidige das Land, hatte schwulen Sex und bin bekannt für meine Witze über Religionen, die nicht vor dem Islam und Mohamed halt machen.

Soll ich wirklich in den Iran reisen? Kannst Du mir das empfehlen?

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4 Antworten zu Eine Frage an Thees Kalmer (Bündnis 90/Die Grünen)

  1. Pingback: Stoff für’s Hirn | abseits vom mainstream - heplev

  2. A.S. schreibt:

    Was soll man dazu sagen? Das:

    „Wir haben das Land zum großen Teil anders wahrgenommen, wie uns hier vermittelt wird. Das Regime ist ohne Zweifel autoritär, Hitlerdeutschland verzeichnet die höchste Exekutionsrate gemessen an der Einwohner_innenzahl, Regimekritiker_innen werden unterdrückt und Oppositionsparteien nicht zu gelassen. Das Leben in Deutschland ist aber unter der Oberfläche vielfältig und lebendig. Gerade deswegen ist der Austausch mit der deutschen Zivilgesellschaft besonders wichtig. Mit dem Münchner Abkommen und der damit einhergehenden Öffnung Deutschlands ist unsere Hoffnung die Stärkung der Vielfalt der deutschen Gesellschaft und eine Veränderung von Deutschland von unten. Doch dies kann auch nur dann gelingen, wenn wir aufhören, Deutschland als Land zu dämonisieren, differenziert Kritik üben und das Land mit den darin lebenden Menschen als Gesprächspartner anerkennen.

    Frieden werden wir nur erleben, wenn wir endlich alle anfangen, miteinander zu reden und versuchen, unsere Ziele ohne Drohung und Beseitigungsfantasien zu kommunizieren. In diesem Sinne können wir nur alle ermutigen, selbst nach Deutschland zu fahren, eigene Gespräche zu führen, mit diversen Teilen der deutschen Gesellschaft ins Gespräch zu kommen und sich selbst ein Bild von diesem Land zu machen.“

    Chamberlain 1938 ??
    Gut das Grüne aus der Geschichte lernen können …….

  3. brathering schreibt:

    „Nach den Gesprächen, die wir geführt haben, wird Rohani vor Ort als moderat eingeschätzt. Die dennoch hohen Hinrichtungszahlen wurden uns so erklärt, dass er aufgrund seiner moderaten Politik innenpolitische Härte zeigen muss, um auch die Konservativen hinter sich zu bekommen.“

    Thees Kalmer beschreibt sich auf Twitter als „grüner Gutmensch. queerfeministisch. ökologisch. antifaschistisch.“.
    Spitzfindig, naiv und selektiv in der Ablehnung Menschenverachtender Regime, könnte da aber auch stehen.
    Spitzfindig, weil der obige Text so verfasst ist, das sie sich, sollte die Kritik an ihrem Text überhandnehmen, damit herausreden kann, das sie selbst Rohani ja nie als moderat eingeschätzt habe, sondern die Einschätzung anderer wiedergegeben habe.
    Naiv, weil, was glaubt sie denn, was sie sonst „vor Ort“, hören wird? Eine schonungslose Kritik an der Regierung und an Rohani, von einer feministisch, ökologisch, säkularer und antislamischer Opposition, die ja gar nicht zugelassen und jegliche Kritik unterdrückt wird? Zitat Wikipedia: „Menschenrechtsorganisationen verweisen auf hunderte politische Gefangene in iranischen Gefängnissen, darunter Menschenrechtler, Internetaktivisten, Journalisten, Feministen und Mitglieder religiöser und ethnischer Minderheiten.“
    Das sie selektiv in der Ablehnung Menschenverachtender Regime ist, braucht bei ihrer Selbstbeschreibung, dass sie antifaschistisch sei und was sie über den Iran zum besten gibt, ja nicht weiter ausgeführt werden.

    Ich weiß auch nicht, wie man wie Frau Kalmer meinen kann, das zwar der Iran autoritär sei, Menschen hingerichtet werden und die Oppositon unterdrückt werde, ansonsten – um nicht zu sagen, gerade deshalb!! – aber Rohani moderat eingeschätzt werden kann und der Iran unter der Oberfläche „vielfältig“ und „lebendig“ sei und Frau Kalmer als Politikerin der Grünen, ihre Hoffnung an denn Ausbau von Atomkraftwerken knüpft, weil damit eine Stärkung der Vielfalt und eine Veränderung der iranischen Gesellschaft ermöglicht werde. Andererseits aber auf Twitter davor warnt, die AfD zu wählen, weil man damit die Blockade der Energiewende wählt, die Diskriminierung von Homosexuellen wählt und nicht zuletzt einen Polizeistaat wählt.
    Und das obwohl Frau Petry – und das müsste doch Frau Kalmer wissen – eine ganz moderate ist, die eben auch wie Rohani, all die Konservativen hinter sich bekommen muss! 😉

    Zwar nicht im Zusammenhang mit Theres Kalmers Ausführungen zum Iran aber denoch treffend:
    „Bisserl weniger kiffen“, ermahnte der grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek die Parteijugend.
    http://www.tagesspiegel.de/politik/gruene-jugend-eine-kleine-provokation/12408396.html

    • Clas Lehmann schreibt:

      Gibt es da nicht, gerade aus dem Iran, so ganz wunderbare Qualitäten, die nun endlich auch nicht mehr dem Embargo unterfallen? Und unter der Oberfläche vielfältig und lebendig angebaut werden? Die gehen da nicht zum lachen in den Keller, die fahren zum feiern in die Wüste, weil sie lebendig und vielfältig bleiben wollen…

      Hat man ihr auch irgendwas gesagt, im Lejeune’schen Unsinne, dass ja schließlich die Hinrichtungen human durchgeführt werden, und man die Familie der Delinquenten, Vergewaltigungsopfer, zum Beispiel, immerhin leben lässt?

Seid gut zueinander!

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