Die Stimmung steigt! Es sinkt das Niveau!

Am 17. Oktober 2015, ein Tag vor ihrer Wahl zur Kölner Oberbürgermeisterin, wurde auf Henriette Reker ein Attentat verübt. Sie wurde dabei schwer verletzt und drei weitere Personen leicht. Vor Gericht erklärte der Täter, „friedlicher Widerstand ist in Deutschland unmöglich geworden.“ Er faselte von der „ganz großen Volksverarsche“, einer „humanitär kaschierten Selbstzerstörung Deutschlands“ und gab die Schuld daran Henriette Reker, die er eine „linksradikale Schickimicki-Ideologin“ nannte. Henriette Reker war als Beigeordnete für Soziales, Integration und Umwelt der Stadt Köln für die kommunale Unterbringung von Flüchtlingen im Rahmen der Flüchtlingskrise in Deutschland zuständig.

In ein paar Wochen erscheint das Buch „Henriette Reker. Mein Beruf ist Köln“ von Jonathan Briefs und Pascal Siemens. Die Autoren wissen genau, wer für die Stimmung mitverantwortlich sein soll, die zum Attentat führte, nämlich der damalige Gegenkandidat Jochen Ott (SPD). Jonathan Briefs erklärt:

„In der letzten Woche vor dem Attentat ist das Thema Flüchtlinge in Köln massiv aufgeheizt worden. Das wurde gerade von Herrn Ott forciert“

Auch Pascal Siemens ist sich sicher:

„Ott ist mitverantwortlich gewesen für die aufgeheizte Stimmung“

Pascal Siemens ist Referent in der Stabstelle für strategische Steuerung der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und gehört zu den Menschen, die bei dem Attentat verletzt wurden. Wir haben uns öfter bei den Wahlveranstaltungen getroffen, die ich für und mit Henriette Reker gemeinsam veranstaltet habe.

Am Tag des Anschlags ließ ich alles stehen und liegen und verbrachte mit Weggefährten die Nacht in einem Restaurant am Kölner Rathaus. Trotz aller Verbundenheit mit dem Team Reker und der Vorsicht darüber, dass ich nicht erahnen kann, wie es ist, ein Attentat überlebt zu haben, muss ich sagen: Das geht nicht. Das ist unanständig!

Pascal Siemens betont, Jochen Ott habe immer wieder betont, dass Schüler wegen der Belegung der Turnhallen keinen Sport treiben könnten und habe dies selbst zu einem Thema seiner Videobotschaften gemacht. Rund einen Monat vor dem Attentat habe der SPD-Kandidat dazu Flugblätter zu dem Thema verteilen lassen. Daher erklärt Pascal Siemens:

„Diese aufgeheizte Stimmung hat das Attentat befördert.“

Diese Unterstellung in Richtung Jochen Ott ist absolut inakzeptabel. Ebensogut hätte Pascal Siemens die Väter und Mütter unseres Grundgestzes verantwortlich machen können, denn sie haben eine freiheitlich-demokratische Grundordnung in unser Grundgesetz geschrieben und dadurch die Demokratie geschaffen, die den Wahlkampf in Köln möglich gemacht hat, ohne den es das Attentat nicht gegeben hätte. Ich finde diese Herleitung nicht viel weniger schlüssiger.

Allerdings muss man bedenken, dass bald ein neues Buch auf den Markt kommt und in Deutschland scheint es eine Tradition zu werden, zum Vermarkten eines Buches andere Menschen zu diffamieren. Lamya Kaddor zum Beispiel hat frisch zum Erscheinen ihres neuen Buchs „Die Zereißprobe“ erklärt, Henryk M. Broder sei ein Stimmungsmacher für rechte Attentäter. In einem Interview, das sie dem Deutschlandfunk gab, heißt es:

„Die 38-Jährige sagte im Deutschlandfunk, seit dem Erscheinen ihres Buches über die Integration von Flüchtlingen vor zwei Wochen habe sie Morddrohungen erhalten und so viele Hassbriefe wie noch nie – vor allem aus dem rechten Spektrum. Renommierte Journalisten wie Henryk M. Broder beteiligten sich daran, Stimmung gegen sie zu machen.“

Damit betont sie noch einmal, was sie unter der Überschrift „Islamkritik, die niemand braucht“ Ende 2015 in der ZEIT geschrieben hatte:

„Diese Stimmungsmache, die heute Personen wie Hamed Abdel-Samad vertreten und früher Leute wie der Journalist Henryk Broder, die Autorin Necla Kelek und der Schriftsteller Ralph Giordano verbreitet haben, machen Millionen Menschen in diesem Land ganz konkret das Leben schwer – manchmal sogar unerträglich.“

Ralph Giordano konnte sein ganzes Leben lang nicht in ein Gotteshaus gehen, ohne dabei an einem Polizeiwagen vorbei gehen zu müssen. Sein Leben lang wurde er von rechten Gewalttätern bedroht, weil er Jude war. In den letzten Jahren seines Lebens kam noch eine massiv spürbare Bedrohung von islamischen Gewalttätern dazu. Er war fünfzehn Jahre jung als in Deutschland sämtliche Synagogen niedergebrannt wurden und achtzehn Jahre als in Deutschland Juden vergast wurden. Er war 91 Jahre alt als auf deutschen Straßen der Mob brüllte: „Jude, Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“ Ab Minute 0:45:

Er war 91 Jahre alt, als in Deutschland „Adolf Hitler“ gebrüllt und der Tod von Juden gefordert wurde. Ab Minute 2:50:

Diesen Mann erklärt Lamya Kaddor zum Stimmungsmacher für rechte Gewalttäter, nur weil er die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion kritisiert und Frauen mit Kopftuch als „menschliche Pinguine“ bezeichnet hatte. Seit Jahrzehnten schon werden in Deutschland Nonnen so bezeichnet. Und wie reagieren die Nonnen darauf? Sie lachen! Nonnen haben nämlich Humor und sehen aus wie Pinguine!

Auch Necla Kelek erklärt Lamya Kaddor zur Stimmungsmacherin für Gewalttäter. Sie ist eine Frau, die mit dem Islam nicht anders umgeht, als Kirchenkritiker mit dem Christentum. Kelek klagt die Sexualmoral der Religion an. Sie verteidigt das Recht aller Frauen auf Selbstbestimmung. Sie wagt sich in die grausamen und brutalen Tiefen des islamischen Frauenhass und beschreibt die Gräueltaten, die dort passieren, wie sie überall geschehen, wo fundamentalistischer Glaube über die Vernunft siegt. Kelek kämpft für muslimische Frauen und ist somit im Fokus rechter wie islamischer Gewalttäter.

Auch Henryk Broder erklärt Lamya Kaddor zum Stimmungsmacher für Gewalttäter. Er begegnet den Menschen, die ihn hassen, mit Worten. Sie hassen ihn weil er Jude ist, für Israel streitet, Religionen kritisiert, aufgeklärte Muslime unterstützt oder Kritik übt. Er ist Deutscher mit Migrationshintergrund, wie Kaddor. Bei ihm wird das jedoch nicht ständig problematisiert, weil er daraus keine Lebensanschauung macht. Es brauchte kein Polenprogramm, das kultursensibel auf ihn zuging und er integrierte sich ganz ohne eine über zehn Jahre anhaltende bundesdeutsche Judentumkonferenz. Obwohl Deutschland seine Eltern gequält und gefoltert und Teile seiner Familie vernichtet hat, fliegt er nicht mit dem Flugzeug in die Hochhäuser Frankfurts.

Auch Hamed Abdel-Sammad erklärt Lamya Kaddor zum Stimmungsmacher für Gewalttäter. Er ist ein Mann, der unter ständigem Personenschutz leben muss, weil ein islamisches Todesurteil über ihn verhängt wurde. Er schwebt jede Sekunde seines Lebens in Lebensgefahr. Er macht nichts anderes, als reden und schreiben, aber das Verfassen einer kritischen Biografie über Mohamed reicht schon, ihn in Gefahr zu bringen.

Mich erinnert dieses Verhalten von Lamya Kaddor an Fundamentalisten, die Kritik verbieten! Sie diffamiert Menschen, die Kritik üben wie Muslime, die in der perversen und radikalsten Auslegung des Korans Menschen kriminalisieren, weil sie Karikaturen zeichen oder den Glauben hinterfragen. Sie diffamiert Kritik und somit die Aufklärung an sich, zu deren Methodik der Zweifel gehört.

Wie absurd die Behauptungen von Lamya Kaddor, Pascal Siemens und Jonathan Briefs sind, kann man an den Mails erkennen, die ich seit ein paar Tagen wieder vermehrt erhalte. Hassmails und Morddrohungen bekomme ich schon seit Jahren. Nachdem ich aber meinen Offenen Brief an Lamya Kaddor veröffentlicht habe, häufen sich die Zusendungen. Hier ein paar Zuschriften, die ich nach dem Offenen Brief erhalten habe:

„In diesem Blog tummelt sich anscheinend der jüdische Abschaum.“

„Hitler hatte recht. Er wollte uns Deutschen nichts böses sondern uns vor dem jüdischen Terror wie in der Sowjetunion schützen. Und immer mehr Leuten nicht nur in Deutschland wird das gewahr…sondern allen weissen Menschen auf der Welt.“

„wenn sich damals die Juden auch so verhalten haben wie Sie,derart selbstgerecht und selbstherrlich, derart ueberheblich und selbstgerecht, kann ich verstehen dass man sie totschlagen wollte und es dann auch tat. Es taucht in mir Wut auf ueber die Anmassung mit der Sie sich als einzigen Maassstaab der Welt hinstellen. Dass ist die Arroganz „der“ Juden, die,wie im Stern mal zu lesen war, von sich behaupten die inteligentesten Menschen auf der Welt zu sein. Schlicht Groessenwahn. Und da passen Sie rein. Wie gesagt, es ist ein einziger Sudel von Dreck und Schimpf und ein Schwall von Hass, der einem in ihrem Blog entgegen schlaegt. All diese Judenschweine, die sich derart anmassend hinstellen, sind zurecht eliminiert worden. Und diese Verachtung haben Sie heute in mir mit ihrem Blog erzeugt. Ich habe nie gewusst dass ich dazu feahig bin. Danke. Sie haben mir die Augen geoeffnet zu was ein Judee und dazu eine schwule Sau faehig bist. Ich hoffe es kommen viel Arabs nach Deutschland. Sie wissen schon warum.“

Der letzte Brief bringt die ganze Absurdität von Lamya Kaddor, Pascal Siemens und Jonathan Briefs auf den Punkt, denn dort wird behauptet, hätte es mich vor den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten gegeben, wäre ich ein Grund für die Stimmung gegen Juden in Deutschland gewesen.

Darum bitte, bitte können wir damit aufhören, Menschen zu kriminalisieren, die nichts weiter tun, als den Mund aufzumachen? Für die Mails, die ich erhalte, sind ausschließlich die verantwortlich, die die Mails schreiben. Lamya Kaddor trägt keine Verantwortung für jene, die glauben, ihre Ehre verteidigen zu müssen, indem sie mich bedrohen! Lamya Kaddor ist auch nicht verantwortlich für die Morddrohungen, die gegen Necla Kelek, Hamed Abdel-Samad und Henryk Broder ausgestoßen werden, obwohl sie nachhaltig und immer wieder betont, wie gefährlich sie sie für die Stimmung in diesem Land hält. Wie wäre es, wenn wir uns wieder an die alte Weisheit erinnen:

„An den Taten sollt ihr sie erkennen!“

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