Nachfaktisch ist vorfaktisch!

„Postfaktisch“ hat das Zeug dazu, das Wort des Jahres 2016 zu werden. Beim postfaktischen Handeln stehen nicht mehr Fakten im Mittelpunkt sondern die Gefühle der angesprochenen Klientel, damit statt einer Erkenntnis ein erwünschter Effekt erzielt wird. In einem postfaktischen Diskurs sind Lügen, Ablenkungen und Verwässerungen keine Seltenheit. Oft wird eine Lüge so oft wiederholt, bis sie zur gefühlten Gewissheit wird. Ein typisches Beispiel dafür ist dieses Interview auf CNN:

Die Diskusionsteilnehmerinnen wissen gefühlt, dass Millionen Menschen in Kalifornien illegal gewählt haben und dass die Regierung des Staates diesen Wahlbetrug im direkten Auftrag des Präsidenten Barack Obamas exekutiert hat. Auf die Frage, woher sie diese Informationen hätten, sagten sie: „aus den Medien“, „von CNN glaube ich“ und „suchen sie auf Google, da steht es“. Wie sich hinterher herausstellte, stand dahinter nichts weiter, als eine Falschmeldung, die jedoch millionenfach auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken geteilt wurde. Sogar der designierte Präsident, Donald Trump, der einen postfaktischen Wahlkampf wahrlich meisterlich führte und den Ruf von Hillary Clinton mit nachweislich erlogenen und verwässerten Vorwürfen derart ramponierte, dass viele Menschen in ihr nur noch Pest oder Cholera erkennen konnten, verbreitete die falsche Nachricht:

In dieser Twitternachricht, erklärt Donald Trump, er habe nicht nur die Mehrheit im Kollegium der Wahlfrauen und Wahlmänner erhalten, sondern auch die Mehrheit des Wahlvolkes, wenn man nur all die Millionen illegal angegebener Stimmen abziehen würde.

In der postfaktischen Strategie Donald Trumps ist dies ein verständlicher Zug, denn die Fakten sind erdrückend klar: Über 2,5 Millionen mehr Männer und Frauen haben Hillary Clinton gewählt. Dieser Fakt wird für Donald Trump immer eine Hürde darstellen, es sei denn, er schafft es, von dieser Hürde abzulenken oder sie zu verwässern. Er behauptet daher einfach, bar jeder Faktenlage, Hillary Clinton hätte die Mehrheit gar nicht wirklich und siehe da, es funktioniert. Es gilt nämlich nicht mehr, was wahr ist, sondern was sich wahr anfühlt. Emotionen übertrumpfen (trump) Fakten!

In dieser neuen Realität wurde auch der Begriff „Lügenpresse“ wieder populär. Im Jahr 2014 wurde „Lügenpresse“ sogar zum Unwort des Jahres gewählt. Wenn die oft faktisch falschen aber gefühlt richtigen Meldungen im Internet nicht mehr übereinstimmen mit den Berichten in den Zeitungen und Nachrichtenmagazinen, dann wird die Glaubwürdigkeit der Medienberichterstattung angezweifelt. Es kann schließlich nicht sein, dass das eigene Gefühl sich irrt. Also wendet man sich von den großen Verlagen und Medien ab und begibt sich auf eigene Faust ins Internet, wo man schnell Gleichgesinnte trifft. Algorithmen in den Netzwerken sorgen zudem dafür, dass man nur noch mit Nachrichten versorgt wird, die die eigenen Gefühlswelt bedienen. So entstehen sogenannte Filterblasen, wo Gleichgesinnte nur noch mit Gleichgesinnten interagieren und gemeinsam Echokammern errichten, wo die eigene Wahrnehmung der Welt nicht mehr hinterfragt wird.

Auf Facebook ist es mittlerweile typisch geworden, dass Menschen aufgrund ihrer Parteienpräferenz blockiert werden oder, weil sie sich für Meinungen innerhalb politischer Bewegungen interessiert haben, die zum Feindbild erklärt wurden. Diese Feindbilder sorgen dafür, dass sich die Gruppen untereinander immer stärker abgrenzen. Die Parole dieses hordenhaften Verhaltens lautet: „Wer die nicht ausgrenzt, ist gegen uns!“

Ich kenne Leute, die durchstöbern Facebook danach, wer die AfD wählt oder mit Pegida-Leuten diskutiert, nur um sie dann zu blockieren, ganz so, als hätten sie dadurch einen heroischen Akt des Widerstands geleistet, der sie auf eine Stufe mit der Weißen Rose stellt. Sogar völlig unpolitische und popkulturelle Phänomene werden zu Feindbildern hochstilisiert, um an ihnen die Grenze der eigenen Toleranz zu manifestieren, die erstaunlich eng liegen. Als Beispiele sind da zu nennen: Helene Fischer, Til Schweiger, Mario Barth und Sophia Thomalla. Darüber sind unzählige Facebook-„Freundschaften“ zerbrochen. Seit einiger Zeit versuche ich bewusst, diese Filterblasen zu vermeiden und erhalte daher vermehrt Privatnachrichten wie diese: „Du hast aber komische Freunde“, „Was für Spinner sind denn mit Dir befreundet?“, „Was ist das denn für einer?“ Meine Antwort lautet stets:

„Es sind Menschen mit einer anderen Meinung. Manche finde ich falsch, manche richtig. Aber ich entfreunde Leute nicht, nur weil sie Trump mögen oder eine Partei liken, die mir nicht gefällt. Ich will nämlich in keiner Blase und unter keiner Käseglocke leben und erschrecken, wenn eine Wahl mir plötzlich zeigt, dass ich den größten Teil meines Landes gar nicht mehr kenne!“

Es hilft nicht, seinen politischen Gegner als „Pack“ oder „deplorables“ zu bezeichnen und ihnen den Stinkefinger zu zeigen. Im politischen Diskurs müssen wir mit ihnen reden! Wenn es Leuten schlecht geht, flüchten sie. Manche flüchten in andere Länder, andere flüchten in Ideologien. Einige Länder und Ideologien sind gut, andere weniger. Wer sich das Äußern einer Meinung verbittet, sorgt lediglich dafür, dass die Meinung nur noch gedacht wird! Nur weil ich jemanden nicht mehr höre, hört er nicht auf zu denken und die Meinung wird erst sichtbar, wenn es zu einer Handlung gekommen ist. Dann aber ist es oft zu spät! Meinungsfreiheit nutzt somit dem Gehassten mehr als dem Hassenden! Nur so kann der Gehasste erkennen, wer ihn hasst

Wer alles ausklammert und entfreundet, was ihm nicht gefällt, wird blind für das, was wirklich in der Gesellschaft vor sich geht und wird entsetzt aus dem Sessel fallen, wenn bei einer Wahl die Menschen in der geheimen Wahlkabine ihre Meinung in ein definitives Kreuz verwandelt haben. Dann fallen sie aus allem Wolken und sagen, sie hätten all das nicht kommen sehen. Natürlich haben sie es nicht kommen sehen! Sie haben ja auch all die Menschen entfreundet, ihnen den Stinkefinger gezeigt, sie als „Pack“ bezeichnet. Sie haben es sich in ihrer Blase gemütlich gemacht. Sie konnten sich nicht mit diesen Menschen auseinandersetzen, ihnen nicht entgegentreten und ihnen nicht widersprechen. Alles nur, weil sie diese Menschen nicht kannten. Sie vermehrten sich im Verborgenen, Geheimen, Verbotenem. Andere Meinungen ausklammern ist so effektiv wie das kleine Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, so sei die Gefahr verschwunden. Darum gibt es nur eins:

Nachfaktisch ist vorfaktisch!

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